Pop-Briefing: Ein Land brennt

Die neue Popmusik-Kolumne: Heute mit Urlaubs-Souvenirs, einer popmusikalischen Drohung und einer verschollenen Jazz-Perle.

Elektro-Irrsinn mit jazzgeschulten Stimmen: Ikan Hyu heissen die neuen Schweizer Indie-Hoffnungsträger.

Elektro-Irrsinn mit jazzgeschulten Stimmen: Ikan Hyu heissen die neuen Schweizer Indie-Hoffnungsträger. Bild: Oliver Baer

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Das muss man hören


Natürlich können es die Pop-Briefing-Schreiber auch in ihrer Urlaubs-Schonzeit nicht lassen, nach neuer Musik zu fahnden. Da mir mit meiner Unterhaltungskapelle die Ehre zuteilwurde, an zwei der wichtigsten Indie-Festivals Brasiliens aufzuspielen, lag es nahe, ein bisschen zu belauschen, was es im Land, in dem es gerade nicht nur politisch brennt, an neuer Musik zu entdecken gibt. Waren viele Musikschaffende zu Beginn der Ära des rechtsradikalen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro noch vorsichtig mit politischen Statements auf der Bühne, sind diese Hemmungen mittlerweile gefallen. Praktisch jeder Künstler wartete mit einer kleinen Tirade gegen die politische Klasse auf.

Ein Lied, das momentan halb Brasilien den Kopf verdreht, ist «Triste, Louca ou Má» der brasilianisch-mexikanischen Band Francisco, El Hombre. Musikalisch könnte ihr Schaffen als avantgardistische Latin-Psychedelik bezeichnet werden, doch diese Ballade – eine Ode auf die Selbstbestimmung – trifft kurvenlos mitten ins Herz.

Geschmeidigen New Wave fabriziert die Band Terno Rei, die dieses Jahr ein recht neckisches neues Album herausgebracht hat und auf diversen Festivals aufspielte.

Der Spagat zwischen modernistischer Elektro-Tonkunst und schlichten Songs gelang der Sängerin Luiza Lian ganz vortrefflich. Sie ist eine der grossen Entdeckungen des brasilianischen Festivalwinters.

Eine Auffälligkeit an den brasilianischen Festivals war eine Häufung von Acts aus dem transsexuellen Umfeld. Und – man muss es sagen – nicht alles war geeignet für die grösseren Bühnen. Und an die Klasse von Liniker und ihren Caramelows reichte weit und breit nichts heran.

Der instrumentale Vielköpfer Bixiga 70, der immer mehr von der Afrobeat-Band zum wuchtigen Überwältigungsorchester arriviert, hat sich mit einem atemlosen Konzert am Bananada-Festival in Erinnerung gerufen.

Heavy Baile ist derzeit einer der spannendsten Exponenten im Felde des Baile-Funk.

Das Kollektiv Baiana System ist der Headliner auf so ziemlich allen grösseren Festivals Brasiliens. Und auch wenn dieser Raggamuffin zuweilen etwas abgefingert anmutet, ist die Band live ein Ereignis.

Eher unwahrscheinlich ist es, dass mitten in einem hippen europäischen Sommerfestival ein Mandolinenspieler die Hauptbühne betritt und mit seiner Band eineinhalb Stunden dem hochkomplexen Jazz frönt. In Brasilien ist das möglich – und Hamilton de Holanda verliess die Bühne im nicht enden wollenden Jubel.

Zu den Publikums- und Presselieblingen gehörte die Gruppe Tuyo, die mit ihrem elektronischen Traumpop auffällig wurde.

Darüber wird gesprochen


Über dreizehn Jahre haben die Anhänger der Gruppe Tool in Sachen Musiknachschub am Hungertuch genagt, sind ergraut und zu skeptischen Musikhinterfragern geworden. Doch nun liegt es vor, das neue Album «Fear Inoculum», und gehört zu den meistdiskutierten Tonwerken der Woche. Es enthält neben einigem Füllstoff sechs Musikbrocken, die sich kunstvoll auf zehn bis fünfzehn Minuten ausdehnen, immer wieder in sich zusammensacken, eruptieren und rockmusikalische Hochspannung bieten.

Doch wer gedacht hat, Tool hätten die lange Zeit genutzt, um die Stromgitarrenmusik in neue Dimensionen zu überführen, der wird leise enttäuscht sein. Bei aller Begeisterung ob der zelebrierten Klangverliebtheit muss man zur Kenntnis nehmen, dass einiges auf diesem Album ein ganz klein wenig nach Nullerjahre-Nu-Metal muffelt. Und es beschleicht einen auch der Eindruck, dass Sänger Maynard James Keenan auch schon mit höherem Leidenschafts-Level zu Werke gegangen ist. Dennoch: Ein herausforderndes, grossartiges und lange nachhallendes Werk.

Das Schweizer Fenster


Bald stehen die grossen Showcase-Festivals an, an denen sich auch einige Schweizer Bands den internationalen Club- und Festival-Programmatoren vorstellen dürfen. Zu einem Schwerpunkt von Swiss Music Export hat sich dabei offenbar das Elektroduo Ikan Hyu gemausert, jedenfalls spielt die Band sowohl am kommenden Reeperbahn-Festival wie auch am Waves in Wien auf.

Die beiden Frauen bosseln aus Analogsynthesizern, betagten Drum-Computern, Stromgitarren und ihren jazzgeschulten Stimmen ein verwirrendes Gemenge aus Soul, Elektro und kunstfertigem Irrsinn zusammen. Sie selber nennen das Endprodukt Elastic-Plastic-Space-Power-Gangster-Future-Pop und sind mit dieser Eigenkreation zum Hoffnungsträger der helvetischen Indie-Nachwuchsabteilung arriviert. Ihre neueste Single heisst «LFO».

Was blüht


Die Affiche klingt wie eine Drohung: Dieter Bohlen schickt sich Mitte September an, das Hallenstadion zu bespielen: «Live mit Band wird er die grössten Hits von Modern Talking, Blue System, DSDS und viele weitere Hits, die aus seiner Feder stammen, zum Besten geben», heisst es im Vorverkaufstext. Letztmals ist er vor zwanzig Jahren – unter anderem auf der Landebahn des Interlakner Flughafens – mit den wiedervereinigten Modern Talking aufgetreten.

Hier ist ein kleiner Auszug aus der damaligen Konzertbesprechung: «Auf der Bühne bemühen sich eine fünfköpfige Band und eine tänzelnde Backgroundsängerin, das Playback zu mimen. Auch Dieter Bohlen hat sich eine rassige Stromgitarre umgehängt, die er zwar voller Inbrunst bedient, ohne ihr jedoch vernehmbare Klänge zu entlocken. Dazu turnt ein beharrlich strahlender Thomas Anders grosse Posen für ein kleines Publikum.» So etwa könnte das aussehen. Bloss ohne Thomas Anders. Und der Vorverkauf scheint nicht allzu schlecht zu laufen.

Das Fundstück


Ende September werden die wiederentdeckten Aufnahmen einer Studio-Session des Jazz-Saxofonisten John Coltrane veröffentlicht. Er hatte für einen kanadischen Experimentalfilm neue Versionen bereits verwendeter Themen eingespielt, die Session fand jedoch keine Aufnahme in den Studio-Protokollen, was dazu führte, dass sie erst letztes Jahr wiederentdeckt wurde. Der bereits veröffentlichte Titel-Track des Albums «Blue World» ist eine jazzmusikalische Offenbarung.

Die Wochen-Tonspur


Das Spektrum der heutigen Tonspur reicht vom Kraut Jazz eines Karl Hector über Depro-Soul von Black Belt Eagle Scout bis zu abstraktem Gqom von DJ Lag, Elektro-Chanson von Clio oder Schatten-Reggae von Claude Fontaine. Ausserdem gibts das bisher einzige Stück einer österreichischen Supergroup: Jungstötter und Soap & Skin haben sich für niederschmetternd schöne vier Minuten zusammengetan.

Erstellt: 03.09.2019, 13:38 Uhr

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