Pop-Briefing: Die Influencer drehen durch

Was hat die Popwelt diese Woche bewegt? Es gibt unter anderem Neuigkeiten zu Loredana, Tipps für den ESC und eine Erinnerung an die traurigste Band der Achtzigerjahre.

Starke Frauen hat die Welt: Ani DiFranco ist eine von ihnen.

Starke Frauen hat die Welt: Ani DiFranco ist eine von ihnen.

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Das muss man hören


Sie hat es schon immer gewusst: Ani DiFranco hat über Homophobie, Feminismus, Rassismus und weibliche Selbstbestimmung gesungen, als dies noch keine Grammy-Zeremonie-Themen waren.

Unter den ach so zahlreichen politisch interessierten Holzgitarren-Frauen gehört Ani DiFranco zu den tiefgründigsten, fingerfertigsten, engagiertesten – und zu den fleissigsten. Sie ist eine Art Hippie-Punk mit Geschäftssinn. Ihr Gitarrenspiel ist voller selbst angeeigneter Virtuosität, ihre Lieder voller beissender Ironie. Und ihre Bekanntheit hat sie sich erarbeitet, indem sie mit einem Startkapital von 50 Dollar 1990 kurzerhand ein eigenes Label gründete, auf welchem sie seither weit über 20 eigene Tonträger und diverse Alben von Künstlern wie Arto Lindsay oder Andrew Bird veröffentlicht hat.

Nun hat sie ein Mixtape eingespielt – in der Art, wie sie es früher für ihre Geliebten auf Kassette aufgenommen hätte, wie sie erklärt. Es enthält ältere Stücke, die sie textlich dem Hier und Heute angepasst hat. Und wer bis jetzt noch nicht in diese Frau verliebt war, der müsste spätestens heute damit beginnen.

Darüber wird gesprochen


Das vorherrschende Thema, das die Schweiz gerade in Schnappatmung versetzt, ist das Betragen der rappenden Influencerin Loredana. Stimmt es, was man über die in der Schweiz lebende Kosovarin berichtet und die Dame hat tatsächlich mit krimineller Energie ein gutgläubiges Walliser Ehepaar um 700'000 Franken erleichtert, dann darf man ihr sogar gewisse Vorreiter-Qualitäten attestieren: Sie hat den Berufsstand des Influencertums in neue Dimensionen ausgeweitet.

Und ihre neue Rolle als feuchter Traum des helvetischen Wutbürgertums spielt sie ebenfalls ganz formidabel. An einer Pressekonferenz im heimischen Kosovo über ihren Anwalt zu erklären, dass 700'000 Franken für Schweizer Verhältnisse nicht viel Geld seien, ist schon ziemlich angriffslustig. Da dürfte selbst der geübteste Hasskommentar-Schreiber in Überhitzung geraten.

Was den geneigten Leser bei der ganzen Loredana-Geschichte aber am meisten irritiert, ist die Frage, wie man mit dieser sonderbaren Musik so viel Publikum generieren kann. Offenbar ist die albanische Gemeinde äusserst empfänglich für Cloud-Rap zum Thema Protz und Reichtum. Findige Musikanten, wie der Berner Rapper Cliqme, haben das erkannt, lernen Albanisch im Nebenfach und produzieren bereits emsig Tracks in der entsprechenden Geschmacksnote.

Loredanas Geschichte dürfte derweil in täglicher Kadenz eine Fortsetzung finden. Bald werden findige Journalisten versuchen herauszufinden, wie viele Streams und Follower sich Loredana mit den 700'000 Franken gekauft hat. Oder sie werden die Texte ihres schmächtigen Oeuvres zu analysieren beginnen, um auf neue Storys zu kommen. Kleiner Tipp: Hört euch das an:

Weil es über Autotune nicht so gut verständlich ist: «Ich bin Julie, Julie du bist Romeo. Geschäfte von hier bis nach Tokio.» Womöglich findet sich also bald auch noch ein bemitleidenswertes japanisches Betrugsopfer. Wir beobachten weiter und vermuten selbstverständlich weiterhin Loredanas Unschuld.

Das Schweizer Fenster


Es gibt auch Erfreuliches aus der Schweizer Musikszene zu berichten. Unser Berner Welteroberer Bonaparte hat eine weitere Vorabsingle seines afrikanischen Albums veröffentlicht. Nach dem wunderbaren «Das Lied vom Tod» und dem recht desolaten «Big Data» (mit Bela B und Farin Urlaub) findet er mit dem entspannten, aber – wie im Video vorgeführt – prima betanzbaren «Château Lafite» wieder auf die Spur.

Was blüht


Wie wir alle wissen, steht der Eurovision Song Contest an (am Dienstag gibts den ersten, am Donnerstag den zweiten Halbfinal – am Samstag dann das Finale).

Wir haben uns die Mühe gemacht, aus diesem ziemlich ungeniessbaren Reigen an mal larmoyanter, mal aufgekratzter europäischer Brechstangenpopmusik drei Teilnehmer zu extrahieren, denen wir unsere Sympathien und womöglich sogar unsere Stimmen schenken würden. Nicht mit fanatischer Inbrunst, eher so mit dem Mass an Nüchternheit, mit der Europa eine Woche später sein neues Parlament wählt.

Die Isländer schicken die Tunichtgut-Band Hatari ins fröhliche Wettsingen – mit dem thematisch leicht antizyklischen Song «Hatrio mun sigra» («Hass wird siegen»). Man schielt damit ganz offensichtlich auf die Stimmen aus der Lederfraktion der traditionell ESC-gewogenen LGBT-Szene. Und ausserdem will man wohl darlegen, dass in Island beileibe nicht nur dem Elfengesang gefrönt wird. Wir finden, das ist ausgesprochen gut gelungen.

Conan Osiris geht für Portugal ins Rennen. Auch wenn er in dieser Version für die erste Strophe zirka drei verschiedene Tonlagen ausprobiert (man habe also etwas Geduld bis Sekunde 0:39), weiss er einen Programmierer in seinen Reihen, der die Kohlen für ihn aus dem Feuer holt. In den stärksten Passagen dieses Songs tischt er uns eine Elektro-Folklore von fast schon avantgardistischer Anmutung auf.

Und Rumänien versucht es mit einer leicht abgedunkelten Ballade der in Montreal aufgewachsenen Ester Peony. Nichts fürs Langzeitgedächtnis, aber auch nicht vollkommen unhübsch.

Das Fundstück


In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre war Crime & the City Solution die traurigste und vermutlich auch die beste Band der Welt. Mit ihrem stilvollen und sehnsüchtigen Grossstadt-Blues gehörte sie zusammen mit dem musikalisch gleichgesinnten Nick Cave zu den Kühlerfiguren der nach Europa ausstrahlenden australischen Indie-Szene.

Im Film «Ein Himmel über Berlin» mühte sich die Band 1987 vor einem dezidiert unfrohen Publikum (inklusive Bruno Ganz) ab. Ja, so sah das damals aus, wenn in der Subkultur der Achtzigerjahre gefeiert wurde.

Doch Crime & The City Solution konnte noch so herausragende Alben veröffentlichen, die Band stand immer im Schatten des übermächtigen Schattengottes Nick Cave. Die Folge waren erhöhter Rauschgiftkonsum, immer düsterer werdendes Liedgut – und irgendwann Anfang der Neunziger die Auflösung der Band, in der Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten den Bass und der spätere PJ-Harvey-Produzent Mick Harvey die Gitarre bedienten.

Hier ein paar Perlen aus der Geschichte der Band:

Sänger Simon Bonney wanderte nach der Auflösung von Crime & The City Solution von Berlin nach Los Angeles aus und orientierte sich musikalisch fortan am Country und an der Americana. Nun ist ein Solo-Album mit dem sinnigen Titel «Past, Present, Future» erschienen, mit neuem und älterem Material, wobei jene Titel, die sich auf die Vergangenheit stützen, die erfreulichsten sind. Wie zum Beispiel das bereits 1992 erschienene «Forever».

Die Wochen-Tonspur


Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? Diese Woche gibt es 25 neue Songs. Darunter ist je ein neuer Track der Neo-Punk-Helden Idles und Sleaford Mods, eine frische Ballade des Finstermannes Nev Cottee und ein neu veröffentlichter Track der GQOM-Göttin Busiswa. Dann: Vera Sola hat uns Himmeltrauriges über die Liebe zu berichten, Fortuna Ehrenfeld klingt wie Grönemeyer für die Indieszene, und Tank and The Bangas frönen der weitherum unterschätzten Kunst des Rappens mit einem Lächeln auf den Lippen.

Erstellt: 14.05.2019, 12:20 Uhr

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