Pop-Briefing: Die miese Ökobilanz des Pop

Die Popmusik-Kolumne: Diese Woche mit 52 neuen Liedern und der Antwort auf die Frage, wie sich der Klimawandel auf die Musikszene auswirkt.

Wollen aus Gründen des Klimaschutz nicht mehr touren: Chris Martin von Coldplay an einem Auftritt 2016 in Chile. Foto: Keystone

Wollen aus Gründen des Klimaschutz nicht mehr touren: Chris Martin von Coldplay an einem Auftritt 2016 in Chile. Foto: Keystone

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Das muss man hören


Zunächst etwas, das man sich bestimmt nicht anhören muss: Robbie Williams, der einstige Anwärter auf den vakanten Titel «King of Pop», hat ein Weihnachtsalbum herausgebracht und tischt der Welt damit derartig widerwärtigen Musical-Big-Band-Kitsch auf, dass man ihm für einmal richtig böse sein darf. Fest der Liebe hin oder her.

Aber egal. Unbedingt kennen lernen sollte man hingegen den englischen Trompeter Matthew Halsall. Wenn jemand das Erbe von John Coltrane würdevoll weiterführt, dann dieser Herr aus Manchester. Er führt nebenbei das honorige Label Gondwana Records, auf welchem diesen Herbst ein neues Album von ihm sowie der ebenso empfehlenswerte Backkatalog seines Schaffens erschienen sind.

Matthew Halsalls Musik, das sind Meditationen in purer Schönheit – eine Suchtsubstanz. Hier ein Beispiel aus seinem 2009 erschienenen Album «Colour Yes»:

In seiner Reduktion aufs Wesentliche erinnert das schon fast an die jazzigen Machenschaften des deutschen Dark-Jazz-Kollektivs Bohren & Der Club of Gore. Auch hier gibts neues Tonmaterial – das Album folgt im Januar:

«Halt ein, sonderbarer Herr», höre ich die Lesegemeinde aufmucken. «Was hat dieser untiefe Jazz in einer Popkolumne verloren? Wir Popmusik-Endverbraucher dürsten nach Unterhaltung, Entertainment und nachvollziehbarem Liedgut.» Natürlich haben wir auch das im Angebot. Zum Beispiel in Form dieser hippen Retro-Soul-Anwandlung der Gruppe Brainstory aus dem amerikanischen San Bernardino Valley.

«Nun», rufen die unzufriedenen Leser. «Wir begehren mehr Glamour! Wir lassen uns nicht mit diesem abgetakelten Indie-Soul abspeisen!» Nun denn. Auch der Pop-Tunichtgut Baxter Dury hat ein neues Lied veröffentlicht. Zur Erinnerung: Das ist der Mann, der uns vor zwei Jahren den an Coolness kaum zu übertrumpfenden Song «Miami» beschert hat.

Mit seinem neuesten Song schlägt er in dieselbe Kerbe:

Und für die, die immer noch maulen: Die Entdeckung der Woche heisst Hanne Hukkelberg, die Soul mit lautmalerischer Elektronik kreuzt:

Gleicher Ansatz, differentes Ergebnis: Evann McIntosh beschert uns eine elektroakustische Wunderballade – da ist es auch egal, wenn am Anfang des Songs das Midi-Keyboard ein bisschen spinnt:

Auch die Tanzmusik-Abteilung war nicht untätig. Der neueste Knaller aus Manchester von Fox:

Auch ganz spassig: Dub aus Südkorea. Das Projekt heisst NST & The Soul Sauce meets Kim Yulhee.

Darüber wird gesprochen


Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, dass das Thema aufkommt: Die Gruppe Coldplay will nicht mehr auf Tournee gehen. Nicht irgendeine Band also, sondern eine, die einst so gross und marktmächtig war, dass allein die Verzögerung eines Album-Veröffentlichungstermins für Turbulenzen an den Börsen sorgte. Der Grund für den Tour-Verzicht: das Klima. Die Band streicht sich damit vorerst Einnahmen von 470 Millionen Euro ans Bein, so viel soll sie jedenfalls mit ihrer letzten Tour umgesetzt haben.

Der Entscheid dürfte die ganze Musikbranche ins Grübeln bringen. Die Ökobilanz international tätiger Musikschaffender ist miserabel. Jener, auch noch so umweltbewusster Festivals ebenso, stellt man die Reisen der Musiker und des Materials in Rechnung. Coldplay wollen nun in den nächsten Jahren herausfinden, wie eine künftige Tour nachhaltig und klimaneutral zu bewerkstelligen ist.

Gewisse Festivals (eher kleinere) haben bereits damit begonnen, Bands nur zu buchen, wenn sie ohnehin in der Nähe spielen. Andere werden sich bald – neben dem Einhalten der Gender-Quote, dem Berücksichtigen ethnischer Vielfalt und dem Umweltschutz auf dem Gelände – unangenehme Fragen nach der Summe verursachter Flugkilometer stellen müssen.

Ist nun also bald Schluss mit Kulturaustausch? Bedeutet das das Ende von befruchtenden Musikimporten? Wird an hiesigen Open Airs irgendwann nur noch heimisches Schaffen zu bewundern sein? Und sind die Schweizer Bands bald auf den mickrigen Heimmarkt zurückgeworfen, müssen sich also mit Tourneen in den immergleichen Aulas und Mehrzweckhallen zufriedengeben? Und: Gilt die alte Losung «Reisen bildet» bald nichts mehr? Soll der Welthorizont an der eigenen Kantonsgrenze enden?

Vielleicht ersinnt die Umweltabteilung von Coldplay ja etwas Revolutionäres. Heute lastet also nicht mehr der Börsenkurs, sondern das Wohl einer ganzen Branche auf den Schultern der bemitleidenswerten Engländer.

Kleiner Tipp: Die Schweizer Gruppe Tim & Puma Mimi hat mit ihren Skype-Konzerten vorgemacht, wie es gehen könnte. Tim war mit seinem Instrumentenpark in San Francisco vor Ort, Mimi sang vor dem Computer in Zürich. Ein Flugticket wurde da schon mal gespart.

Das Schweizer Fenster


Das Zürcher Duo None of Them hat sein zweites Tonwerk auf den Markt gebracht. Es mutet an wie ein Gang durch ein elektromusikalisches Spiegelkabinett. Was ist Pop, was ist eine Dekonstruktion desselben? Selten hat elektronische Musik aus der Schweiz so viel Verwirrung ausgelöst.

Was blüht


Es blüht uns ein ziemlich ereignisloser Dezember. Wie eh und je beschränkt sich die Musikindustrie darauf, Best-of-, Remastering- oder Livematerial als Geschenkidee unter die Menschen zu bringen. So ist ein eher nicht fiebrig erwartetes Livealbum von Kylie Minogue in Aussicht gestellt, Bob Dylan hat wieder ein paar Demo-Tapes aus den Sechzigern ausgegraben, und The Police veröffentlichen eine 6-CD-Box. Nur die alten Rocker von The Who geben sich produktiv: Von ihnen gibts ein Album mit neuem Studiomaterial. Und der etwas verwirrte Kanye West will ausgerechnet an Weihnachten sein Album «Jesus Is Born» herausgeben. Er scheint den Verkauf physischer Tonträger endgültig abgeschrieben zu haben.

Das Fundstück


Nick Cave hat in den Achtzigerjahren in seiner Heimat Australien einen regelrechten Reigen ähnlich gesinnter Musiker nach sich gezogen. Crime & the City Solution oder Hugo Race sind ihm gar nach Berlin gefolgt. Einer, der stets in Caves Schatten agierte, aber dennoch einige Tourneen in Europa spielen konnte, war Louis Tillett. 1992 erschien sein Paradealbum «Letter to a Dream», von welchem das Stück «Harpies Bizarre» stammt.

Kürzlich hat er ein neues Album namens «The Ugly Truth» veröffentlicht. Das Stück «Condemned to Live» hat es uns besonders angetan.

Die Wochen-Tonspur


Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? Rekordverdächtige 52 neue Songs sind diese Woche zusammengekommen. Es gibt freudiges Wiederhören mit den deutschen Rappern Kinderzimmer Productions, mit den Pop-Bastlerinnen CocoRosie, mit dem verstorbenen Leonard Cohen oder dem Finstermann Zebra Katz. Es lässt sich im A-cappella-Klangbecken der französischen Sängerin Dominique Fils-Aimé baden, zu neuer afrikanischer Musik tanzen oder zu neu aufgelegtem Gospel aus den Sechzigerjahren schwelgen.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt. Bestens geeignet für ausgedehnte Herbstspaziergänge.

Jeden Dienstag schreiben die Musikredaktoren Ane Hebeisen und Benedikt Sartorius in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

Erstellt: 26.11.2019, 13:20 Uhr

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