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Pop-Briefing: Freie Sicht aufs Mittelmeer

Die aktuelle Popkolumne – mit den Sternstunden des bisherigen Musikjahres, einer Compilation mit Schweizer Untergrund-Raritäten und einer Playlist gegen die Durchhörbarkeit.

Benedikt Sartorius
Sie hat mit «Workaround» eines der besten Alben des laufenden Jahrgangs veröffentlicht: Beatrice Dillon. Foto: PD
Sie hat mit «Workaround» eines der besten Alben des laufenden Jahrgangs veröffentlicht: Beatrice Dillon. Foto: PD

Das muss man hören

2020 ist bislang ein herausragendes Jahr, zumindest was neu veröffentlichte Popmusik angeht. Da ist, immer noch, die so berührende wie dringliche Neuversion von Gil Scott-Herons «I'm New Here», die Makaya McCraven aufgenommen hat. Da sind die so selbstverständlich klingenden Popspielarten, die die hiesigen Dachs und Jeans for Jesus auf ihren neuen Alben zelebrieren – so, dass auf den Zusatz «Mundart» getrost verzichtet werden kann. Oder diese drei Alben, die in dieser Kolumne noch nicht erwähnt worden sind.

Eines heisst «Workaround», was übersetzt so viel wie «Not-»- oder «Zwischenlösung» bedeutet, und stammt von Beatrice Dillon. Der Titel passt insofern, weil die Trackentwürfe auf dem Debüt der Engländerin nichts Definitives behaupten. Hier ist alles in Bewegung: Die Perkussionsspuren, die immer neue Formen annehmen, die Beats, die an den Club erinnern – aber gängige Dancefloormuster ablehnen, die Stimme von Laurel Halo, die in «Workaround Two» kurz aufscheint. «Workaround» hat auch drei Wochen nach der Veröffentlichung nichts vom neugierigen Geist eingebüsst – und wird mit Sicherheit über 2020 hinaus drehen.

Auch sehr konsequent unterwegs ist Archy Marshall als King Krule: «Man Alive!», wie sein drittes Album heisst, ist wie die Vorgängerplatte «The Ooz» eine Reise durch die Nacht mit wiederum sehr bruchstückhafter Musik. Aber so trostlos einige seiner Songskizzen anmuten, so tröstend leuchtet das Album zuweilen auf. Ein Ort der Zuflucht – bei aller Verzweiflung und Drogen, die den Urheber umtreiben.

Schliesslich sei noch auf die EP hingewiesen, die das Klavier-Klarinette-Synth-Duo Group Listening eben veröffentlicht hat. Auf diesem Stück übersetzen Group Listening einige Songs von Cate Le Bon, jener Songwriterin, die nach superwindschiefen Songs auf ihrem letzten Album «Reward» eine neue Tiefe gefunden hat. Wie tief dieses Songalbum nachwirkt, ist nun auch in den meist instrumentalen Versionen von Group Listening zu hören.

Darüber wird gesprochen

Oder eben auch nicht. Denn die Meldung, dass wieder ein Rapper sehr jung gestorben ist, ist beinahe schon zur traurigen Routine geworden. Letzte Woche flimmerte der gewaltsame Tod von Pop Smoke über die Ticker – er wurde 21 Jahre alt und zählte zu den hoffnungsvollsten, weil eigensinnigsten Rappern seiner Generation. Und «Welcome to the Party», das in den USA ein Sommerhit wurde, bleibt sein Vermächtnis.

Was macht aber eine Generation, deren Helden wie Mac Miller, Nipsey Hussle oder Juice WRLD einfach wegsterben – schneller, als dies je der Fall war? Und was macht die Musikindustrie, die offenbar ihre jungen Stars nicht schützen kann?

Das Schweizer Fenster

Für einmal blicken wir hier zurück, denn am Freitag erscheint die Compilation «Intenta – Experimental and Electronic Music from Switzerland 1981–93». Die Zusammenstellung lässt nämlich neue Blicke in den Schweizer Untergrund zu, in dem sehr freudig und sehr verspielt mit allerlei Elektronik experimentiert wurde – und eben nicht alles nach strengem und trostlosem Wave geklungen hat. Viele der Tracks zeichnet eine unerhörte Leichtigkeit aus. Freie Sicht aufs Mittelmeer? Zumindest die Balearen sind mehr als nur in Sichtweite.

Was blüht

Die andere Hälfte von Moses Sumneys Doppelalbum «Grae». Diese erscheint zwar erst im Mai, aber jene Songs, die der aromantisch veranlagte Sänger am vergangenen Freitag veröffentlicht hat, lassen die Vorfreude und die Erwartungen ins Unermessliche steigen:

Das Fundstück

Nichts ist romantisch am Musikbetrieb, selbst bei den Indie-Labels nicht. Daran erinnert der Track «VS Cancelled». Der verstorbene Fall-Sänger Mark E. Smith liest aus den Mails vor, in denen die Domino-Labelchefs ihm und Mouse on Mars mitteilen, dass ihr gemeinsames Projekt Von Südenfed keine Zukunft mehr hat. Es ist sehr lustig und bitterböse, zumal dann, wenn Mark E. Smith spottet: «I’m in Switzerland at the moment.» Dazu hat Jan St. Werner von Mouse on Mars ein paar Sounds hinterlegt.

Die Wochen-Tonspur

Dies ist mein letztes Pop-Briefing – deshalb hier: zehn neue Songs (mit der Ausnahme von «Olympians», den Andrew Weatherall produziert hat). Unter ihnen ist die neue, einmal mehr fantastische Single der fantastischen Jessy Lanza und das neue Monster von Arca als Ode gegen die Durchhörbarkeit. Weil: bloss bequem? Sollte Pop wirklich nur sehr selten sein.

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