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Pop-Briefing: Grosses Bibbern im Königreich

Die Popmusik-Kolumne: Warum fürchten britische Musiker den Brexit? Wie klingt elektronischer Fado? Und: Trübe Aussichten für den neuen Schweizer Konzertmulti.

Ihr drohen Probleme am Zoll: Die britische Rapperin Kate Tempest.
Ihr drohen Probleme am Zoll: Die britische Rapperin Kate Tempest.

Das muss man hören

Wie klingt es, wenn man ein Album teils in der Abgeschiedenheit norwegischer Wälder und teils in Berlin-Kreuzberg einspielt? Es klingt wie das Debüt der in Berlin aufgewachsenen, norwegisch-irischen Singer-Songwriterin Tara Nome Doyle. Ein Werk voller aufgeschürfter Seelenruhe, voller Zerrissenheit und dunkler Pracht.

Die Gruppe Algiers ist bisher grossmehrheitlich durch unheiligen Zorn aufgefallen. Die Band aus Atlanta hat sich 2007 als Reaktion auf Frustration, Repression, Gewalt und Rassismus in den Südstaaten ins Leben gerufen. Da sich die Welt seit der Band-Gründung nicht auf dem Weg der Besserung befindet, schmettern sie mit «There Is No Year» ein Album in ebendiese Welt, das auf eindrückliche Weise Furor, Rausch und Passion in sich vereint.

Galten sie bisher als eine Art Gospel-Grobiane, weil ihre Spirituals immer wieder von lärmigen Attacken durchzuckt wurden, besticht das neue Album mit einer umwerfenden Vermengung von defätistischem New Wave und Soul mit höchster Körperspannung.

«Erst als Seu Jorge meine Lieder gesungen hat, habe ich ihre tiefere Schönheit entdeckt», hat David Bowie einst gesagt, nachdem der Brasilianer in Wes Andersons «Life Aquatic» einen Matrosen spielte, der Bowie-Schlager ins Bossa-Nova-Format umformte.

Seither ist der Mann aus Rio nicht nur in Brasilien ein Superstar, sondern hat als Sänger oder Schauspieler (kürzlich spielte er in «Pelé» den Vater des Fussballers) weltweit für Aufsehen gesorgt. In einem Interview hat er uns vor einiger Zeit ein reduziert instrumentiertes Bossa-Nova-Album angekündigt. Nun überrascht er zuerst mit einer «Direct to Disc»-Session – einem Album also, das ohne Overdubs in einem Take aufgenommen wurde und ganz viel Lagerfeuer-Charme entwickelt.

Portugals altehrwürdiger Fado war bis anhin eine der letzten Musikrichtungen der Welt, die noch nicht elektronisch verdrahtet wurde. Damit ist nun Schluss: Raül Refree hat es getan. Er ist der Mann, der bereits die Flamenco-Sirene Rosalia mit einer neuzeitlichen Deutung ihrer Musik zu Weltruhm gebracht hat. Nun hat er mit der Fado-Sängerin Lina ein obskures, pathetisches und packendes Album eingespielt.

Darüber wird gesprochen

Das Vereinigte Königreich ist also aus der EU ausgetreten, und nun rätseln alle, was das für die bisher so verhätschelte britische Musikszene bedeuten könnte. Die Ausgangslage: Da noch keine bilateralen Verträge mit der EU bestehen, müssen diese in sämtlichen Sektoren verhandelt werden.

Probleme könnten insbesondere für Bands auf Tournee auftreten. Im Grunde müssten sie für jedes Land eine Arbeitserlaubnis anfordern und jedes einzelne ausgeführte Instrument verzollen und dafür ein Depot hinterlegen. Helen Smith, die Leiterin von Impala, einem Zusammenschluss unabhängiger Labels in England, hat deshalb vorsorglich mal einen grenzenlosen europäischen Musikmarkt ausgerufen – ob es so einfach wird, ist fraglich.

Simon Rattle, der Chefdirigent der Londoner Symphoniker, ist so pessimistisch, dass er beschlossen hat, die Europatourneen seines Orchesters zu kürzen. Die Zollkontrollen für die Instrumente und das Ausfüllen von Formularen dauerten «im Durchschnitt 15 Stunden, was bedeutet, dass unser Reiseleben völlig anders sein wird», so Rattle.

Eine kleine Protestnote wollten die Befürworter eines EU-Verbleibs setzen. Die Remainers gedachten, die offizielle EU-Hymne «Ode an die Freude» – in einer Version des Geigers André Rieu – am Austrittsdatum auf Platz 1 der UK-Charts zu hieven, und forderten ihre Anhänger auf, das Lied zu downloaden. Die Aktion scheiterte kläglich: Es reichte bloss für Rang 30. Im Fussball würde man von einer verkorksten Saison sprechen.

Das Schweizer Fenster

Frauen im Jazz sind schon an sich eine Rarität. Wenn sie dann auch noch Harfe spielen, kann man schon von einer aussergewöhnlichen Rarität sprechen – und wenn sie für ihre Liveaktivitäten zusätzlich eine Trapezkünstlerin aufbieten, dann ists garantiert ein Unikum.

Dieses Unikum heisst Julie Campiche, stammt aus Genf und hat gerade ihr Album «Onkalo» veröffentlicht. Die Harfenistin und ihre Band bezirzen mit einem lyrischen Hochspannungsjazz voller dynamischer Zuspitzungen und voller betörender Schönheit. Das Video eignet sich übrigens auch für jene, die nach neuen Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur fahnden.

Was blüht

Wir hatten in dieser Kolumne ja bereits gemutmasst, ob das Open Air St. Gallen nun an Live Nation oder an den deutschen Konkurrenten CTS Eventim verkauft werden wird. Unsere Ahnungen haben sich nun bestätigt: CTS Eventim hat das Rennen gemacht. Feierlich wurde verkündet, dass sich die Agenturen Wepromote (inklusive Philippe Cornu, Gadget und den St.-Gallen-Veranstaltern Incognito) mit ABC-Productions (von André Bechir) und Eventim zu einem neuen Schweizer Konzertmulti zusammenschliessen.

Die Beteiligten geben sich optimistisch, dass eigentlich alles beim Alten bleibe, dass man nun bessere Chancen habe, an die grossen Bands heranzukommen, und es klang ein bisschen so, als würden hier eigentlich bloss ein paar alte Freunde geschäftlich etwas näher zusammenrücken.

Der deutsche Branchenkenner Berthold Seliger widersprach diesem Bild vehement und prophezeite, dass sich CTS Eventim mit grosser Sicherheit in die Geschäfte der Schweizer Veranstalter einmischen und eine Monopolstellung in der Schweizer Konzertlandschaft anstreben werde.

Nun melden sich erste – nicht genannt werden wollende – Veranstalter und zeichnen eine ebenso düstere Zukunft für den neuen Zusammenschluss: Die neue Firma sei viel zu gross, es werde zu einem personellen Kahlschlag kommen, da am Ende des Jahres ein finanzielles Fiasko zu erwarten sei. Wir werden die Sache weiter beobachten.

Das Fundstück

Die Gruppe Minimal Compact war in den Achtzigerjahren eine der führenden Kräfte in der kunstaffinen New-Wave- und Indierock-Szene. Aus Tel Aviv stammend, siedelte sie bald nach Amsterdam über und wurden vom belgischen Label Crammed Discs unter Vertrag genommen. Sie tourte um die ganze Welt und schaffte es immerhin zu einer «Single of the Week» beim New Musical Express und einer Session bei John Peel.

Letzten Oktober haben sie ein Album mit neu interpretierten Versionen alter Songs herausgebracht. Auch wenn es nicht so aussieht, aber frisch klingt das immer noch.

Die Wochen-Tonspur

Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? 30 neue Songs sind diese Woche zusammengekommen. Es gibt Soul von Son Little und der umwerfenden Angela Muñoz, es gibt Kraft-Jazz von Binker and Moses und Dan Rosenboom, Neues von Nneka, Kate Tempest, Ana Calvi, Iggy Pop oder den U.S. Girls. Wem das nicht reicht, für den offerieren wir die erste Hörprobe eines gemeinsamen Albums von Tony Allen und Hugh Masekela, ein bisschen Finster-Country von The Sadies und Beatbox-Folk von Marcella Simien.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt. Bestens geeignet für ausgedehnte Frühlingsspaziergänge.

Jeden Dienstag schreiben die Musikredaktoren Ane Hebeisen und Benedikt Sartorius in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

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