Popmusik hat eine politische Verantwortung

Stars sollen das Image Saudiarabiens aufpolieren. Rapperin Nicki Minaj hat sich dem Ansinnen im letzten Moment entzogen. Andere nicht. Leider.

«König-Salman-Remix»: Bei seinem Auftritt in Saudiarabien liess sich David Guetta instrumentalisieren. Foto: Stephen Lioy (Alamy)

«König-Salman-Remix»: Bei seinem Auftritt in Saudiarabien liess sich David Guetta instrumentalisieren. Foto: Stephen Lioy (Alamy)

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«Musik vereint uns» – was auf der Homepage des Jeddah World Fest versprochen wird, dürfte Onika Tanya Maraj alias Nicki Minaj anders sehen. Die amerikanische Rapperin sagte ihren Auftritt in Saudiarabien ab, aus politischen Gründen. Janet Jackson sowie die Rapper 50 Cent und Future werden dagegen programmgemäss beim Jeddah World Fest auftreten.

Deswegen stellt sich mal wieder die Frage: Hat die Popmusik so etwas wie eine politische Verantwortung? Und wenn ja, wo?

Nicki Minaj hatte auf den Druck von Menschenrechtsorganisationen ihren Auftritt abgesagt. Ihr sei es wichtig, ihre «klare Unterstützung für die Rechte von Frauen, der LGBTQ-Bewegung und für die Meinungsfreiheit zu zeigen», erklärte sie und folgt damit der Formel, nach der Pop stets politisch ist und sich ein Künstler, der in einem repressiven Land auftritt, mit dem dortigen Regime gemeinmacht.

Die 36-jährige US-Rapperin ist nicht gerade zimperlich, was übersexualisierte Bühnenshows und freizügige Texte angeht. Wie eine Einladung in das ultra-konservative Land überhaupt zustande kam, ist fraglich: Frauen müssen sich dort verhüllen und dürfen erst seit einem Jahr Auto fahren.

«Wenn ein Popstar in Saudiarabien auftritt, sollte er wissen, welches Regime seinen Auftritt genehmigt hat.»

In Saudiarabien geschieht nichts ohne die Zustimmung des Kronprinzen Muhammad bin Salman. Das Jeddah World Fest gehört unmittelbar zu bin Salmans «Vision 2030», einem Projekt, das neue Wirtschaftszweige erschliessen soll.

Jüngst erlaubte der Kronprinz Frauen das Autofahren, dann begann er, eine Unterhaltungsindustrie aufzubauen. Mit Massnahmen wie diesen will er Saudiarabien für westliche Investoren interessanter machen. Er liess Kinos und Theater eröffnen und internationale Weltstars einfliegen. Liberal ist das alles jedoch nur sehr vorder­gründig, Regimekritiker werden härter bestraft denn je, manche sogar ermordet.

Wenn nun also ein Popstar in Saudiarabien auftritt, sollte er wissen, welches Regime seinen Auftritt genehmigt hat. Künstler wie Minaj, die in ihren Songs die Gleichbehandlung von Minderheiten fordern, verraten sich im Grunde selbst, wenn sie Aufträge von Staaten annehmen, in denen Homosexuellen immer noch die Todesstrafe droht. Vor diesem Hintergrund erscheint Minajs Absage nur logisch.

Minaj-Fan: «Warum hast du nicht für uns gekämpft?»

Die Reaktion eines Fans zeigt allerdings, dass es doch nicht so einfach ist mit dem Pop-Boykott: «Warum hast du nicht für uns gekämpft?», fragte eine Kommentatorin via Instagram nach der Absage, und Minaj antwortete: «Ich dachte, dass ich genau das getan habe.»

Wegen dessen repressiver Politik in einem Land nicht mehr aufzutreten, mag ein Zeichen an Menschenrechtsorganisationen sein. Die Menschen im Land jedoch, die wollen, dass dort dissidente Musik zu hören ist, haben nicht zwangsläufig etwas davon.

Aus deren Sicht gilt eher: Pop, der Liberalität und Minderheitenrechte feiert, darf nicht nur, er muss nach Saudiarabien. Allerdings ohne sich dabei instrumentalisieren zu lassen. Der französische DJ-Superstar David Guetta etwa spielte bei einem Auftritt Anfang des Jahres in Riad einen ­«König-Salman-Remix». Guetta sah sich darauf harter und weitreichender Kritik ausgesetzt. Zu Recht.

Erstellt: 25.07.2019, 20:13 Uhr

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