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Quicklebendige Hommage an den grossen Abwesenden

Am Sonntag gab es in Luzern acht Stunden Musik von dem französichen Komponisten.

«Messagesquisse» hat Pierre Boulez eines seiner Werke genannt, Botschaft und Skizze in einem. In zwei Fassungen wurde es gespielt am Lucerne Festival, und man hätte gern noch drei weitere gehört: So impulsiv und klangsinnlich wirkt diese Musik für Solocello und sechs Celli (respektive dasselbe in Bratsche), so fantasievoll spiegelt, verlängert und verfärbt das Ensemble die Solotöne.

Botschaft und Skizze: In Boulez’ Werk schwingt bei aller Radikalität der Tonsprache immer das Provisorische mit. Etwa in «Sur Incises», in dem er die ebenso verblüffende wie faszinierende Besetzung mit je drei Klavieren, Harfen und Schlagzeugen so begeistert ausgekostet hat, dass das Stück nach einem vermeintlichen Schluss immer noch einmal weitergeht; nicht nur jenen, die happeningmässig auf Kissen sitzen mussten, dürfte es lang vorgekommen sein. Oder im «Livre du quatuor»: Selbst in diesem eher spröden Frühwerk gibt es Momente, in denen sich die Instrumente verbünden und per Du an die Hörer wenden. Anderes klingt fast fragmentarisch, als fehle dem Werk nur noch der Boden, auf dem es üppiger wuchern könnte.

Das grösste Verdienst der Hommage, mit der die Lucerne Festival Academy den 90.?Geburtstag ihres Gründers Pierre Boulez feierte, war denn auch dies: Dass seine im normalen Konzertbetrieb viel zu selten gespielten Werke nicht als historische Taten, sondern als Musik zur Geltung kamen.

Eindrücklich zu hören war auch, wie vielseitig er Jüngere gefördert hat. Im letzten Konzert spielten das Ensemble Intercontemporain und die Academy zwei Uraufführungen von Komponisten, die in Luzern mit Boulez gearbeitet hatten. Beide Werke waren für grosses Orchester geschrieben – und hätten nicht unterschiedlicher sein können. Während der Kanadier Samy Moussa im weitesten Sinn tonal organisierte Akkorde in exzessiver Lautstärke und schrillen Farben an die Schmerzgrenze trieb, dimmte der Pole Piotr Peszat die Klänge auf ein Raunen und Rauschen, auf verwischte Texturen und ins Megafon geflüsterte Wortfetzen zurück. Geschickt orchestriert und prägnant strukturiert waren beide Werke: Die beiden jungen Komponisten packten die Chance, die ihnen das Lucerne Festival und die Roche Young Commissions boten.

Respekt und Wehmut

Bei den Älteren hörte man vor allem Respekt. Grosse Namen hatte man eingeladen, klingende Hommagen an Pierre Boulez zu schaffen (der seinerseits sehr viele Werke als Hommagen geschrieben hat), und sie formulierten sie bemerkenswert zurückhaltend. Tod Machover verarbeitete in «Re-Structures» für zwei Klaviere und Elektronik Material aus Boulez’ «Structures», Heinz Holliger liess Werktitel singen. Wolfgang Rihm reduzierte in seinem «Gruss-Moment» die Streicher auf vier Kontrabässe und ein Pianissimo-Streichquartett – als hätte er befürchtet, sein Temperament könnte sich zu sehr in den Vordergrund drängen. Und György Kurtág steuerte mit seiner «Petite musique solennelle» ein sechsminütiges, für seine Verhältnisse also geradezu ausuferndes Werk bei, das wie eine Trauermusik klang. Dass es Boulez nicht gut geht, ist kein Geheimnis, und Dirigent Matthias Pintscher musste wohl aufpassen, dass er bei seinen Erinnerungen nicht nur im Imperfekt sprach.

Seine Interpretationen waren aber unmissverständlich im Präsens gehalten. Boulez’ «Notations» etwa: Vor dem Konzert hatten Viertklässler in einer musikalisch-pantomimischen Einführung gezeigt, wie gestisch, ja szenisch sie diese Musik verstehen. Und in der Gegenüberstellung der Klavier- und der Orchesterversion konnte man hören, wie Boulez seine Werke weiterdachte, wie sich die zwölftönigen, zwölftaktigen Klavierstücke während 53?Jahren zur Orchesterpartitur auswuchsen. Die Musikerinnen und Musiker aus aller Welt spielten in Boulez-T-Shirts und betonten damit optisch, was akustisch längst klar war: Welch quicklebendige, eingeschworene Community Boulez in Luzern zusammengebracht hat.

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