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Satan in Dübendorf

Die Schmerzen stehen ihm gut: Marilyn Manson schockte – im Rollstuhl.

Im Rollstuhl auf der Bühne: Marilyn Manson in der Zürcher Samsung Hall. (23. November 2017)
Im Rollstuhl auf der Bühne: Marilyn Manson in der Zürcher Samsung Hall. (23. November 2017)
Samuel Schalch
Satanist in der Heimstätte der Freikirche ICF: Manson füllte die Halle in Dübendorf.
Satanist in der Heimstätte der Freikirche ICF: Manson füllte die Halle in Dübendorf.
Samuel Schalch
Seine Blütezeit ist schon länger her: Manson am Wacken-Openair. (5. August 2017)
Seine Blütezeit ist schon länger her: Manson am Wacken-Openair. (5. August 2017)
Keystone
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Beim zweiten Song wurde es fühlbar, das Gruseln, man glaubte eine verottete Seele zu hören, einen in Fleisch verwandelten Dämon vor sich zu haben. «This is the new shiiit», schrie er – und da war sie, die gellende, ins Mark fahrende Stimme, in der sich die Pein der gequälten Kreatur mit dem Hass des Schinders mischt.

Marilyn Manson wirkte Donnerstagnacht in der Samsung Hall kaputt wie nie. Zu Beginn sang er im Rollstuhl; bei einem Auftritt in New York war eine Requisite heruntergefallen, er tourt nun mit lädiertem Bein. Aber die Schmerzen stehen ihm gut, er singt ja fast nur von der Qual und vom Quälen, die verschobenen Knochen scheinen ihn ganz eigentlich anzustacheln. Und auf der Bühne wurde das Handicap zum Leitmotiv: Mit devoten Pflegern, die ihren Meister stützten und einer Prothese, die das Stehen für zwei, drei Songs erlaubte.

Erinnerung an das Böse

Rückblende. Die Welt war natürlich nicht wirklich «in Ordnung» Mitte der 1990er, aber McDonalds und die US Army hatten den Planeten doch leidlich im Griff, Bill Clinton spielte lässig auf seinem Saxophon. Es ging bloss noch um die neoliberale Kalibrierung: Ewiger Wohlstand, Ende der Geschichte, und so weiter.

Gerade zur rechten Zeit kam Manson und erinnerte daran, dass da draussen noch immer das absolut Böse lauern konnte. Er sang über den «old fashioned fascism», der den Kapitalismus fressen werde, über Ängste und Würmer und seine Schmerzen, immer wieder über die Schmerzen.

Seine Clips waren noch Anfang der 2000er das Hässlichste, was es auf MTV zu sehen gab: Was machte der abartige Typ im Whirlpool? Warum liefen die Frauen nicht davon? Was machte er da mit den Fingern, der Zunge? Warum das grässliche Makeup, die silbernen Zähne, das komische Schlenkern im Rumpf? Vor allem: Was dachte sich dieser Typ, wie pervers mussten diese Gedanken wohl sein, und liefen die Frauen etwa nicht trotzdem, sondern exakt deshalbnicht weg?

Brian Hugh Warner, der das schönste Starlet und das böseste Blumenkind zum neuen Namen kombinierte, brachte Teenager-Gedanken ins Rotieren. Das wiederum liess die Eltern panisch werden, 1999 wurde Manson sogar das Massaker von Columbine angelastet, die Schützen galten fälschlicherweise als Fans.

In der Halle des ICF

So berüchtigt und berühmt ist Manson nicht mehr. Die Bösewichte des Terrors, der Kriege und der Diktaturen, die seit 2001 über die Welt gekommen sind, liessen ihn verblassen. Wenn Manson heute nach dem Tod von Namensgeber Charles Manson seine Cover-Version des Manson-Songs «Sick City» provokativ wiederbelebt, bleibt die Aufregung aus. Und hatten sich die Frommen früher noch zum kollektiven Verteidigungs-Beten gegen ihn versammelt, so ist heute kein Mucks zu vernehmen, wenn der erklärte Teufels-Anhänger in der Heimhalle der Zürcher Freikirche ICF auftritt.

Was ist vom Schrecken geblieben? Auch mit 48 Jahren kann Manson eine eigentümlich-okkulte Atmosphäre heraufbeschwören – halb Popkonzert, halb schwarze Messe – wenn er das Publikum mit Schmeichelei und Mitsingeinlagen dirigiert. Seine Stimme ist noch immer unverwechselbar. Und seine Band entwickelt manchmal einen Druck, der fast an die Nine Inch Nails herankommt, manchmal lärmt sie mit Riffs, die auch von Rammstein stammen könnten. Aber diese Stücke sind an einer Hand abzuzählen.

Der Rest des ohnehin knappen Manson-Sets wirkt im Jahr 2017 monoton und vor allem ungefährlich, also überflüssig. Fast so überflüssig wie künstlicher Hass in einer Welt, in der sich echte Bosheit ausbreitet wie zerfliessende Schminke auf dem Gesicht eines alternden, schwitzenden Satanisten.

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