Schöner kann man Genesung nicht feiern

Der Jazz-Pianist Keith Jarrett litt Mitte der Neunziger unter chronischer Erschöpfung. Mit einem Ausnahmekonzert kämpfte er sich zurück aus der Krankheit.

Vier Jahre nach der Aufnahme von «After the Fall»: Keith Jarrett 2002 beim Soundcheck am Montreux Jazz Festival.

Vier Jahre nach der Aufnahme von «After the Fall»: Keith Jarrett 2002 beim Soundcheck am Montreux Jazz Festival. Bild: Andree-Noelle Pot/Keystone

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Um es klar zu sagen: Keith Jarrett ist ein grosser Künstler. Also ein wirklich grosser Künstler. Entschuldigung, er ist ein exzeptionelles Ausnahmetalent allerersten Ranges. Er selbst würde wahrscheinlich erst bei der letzten Formulierung leicht zu nicken beginnen, schliesslich spricht er über sein Leben'n'Werk mit einer ergriffenen Inbrunst, wie sie sonst nur noch Autokraten zu eigen ist, denen seit 25 Jahren niemand widersprochen hat und deren Hobby es ist, in Sechsstundenmonologen ihre phänomenale Lebensleistung aufzufächern. Übertrieben? Bitte sehr, hier einige Jarrett-Sätze über sein Album «The Melody At Night with You»: «Ich glaube, kein anderer Pianist wird je in die Nähe dieser Aufnahme kommen. All meine anderen Sachen können irgendwie geklont werden. Aber so simpel, wie dieses Album nach aussen hin wirkt – ich glaube, dass es aufgrund des sehr speziellen Zustands, in dem ich damals war, nie wieder eine ähnliche Aufnahme geben wird.»

Der sehr spezielle Zustand, auf den er hier anspielt, hat mit der schweren Erkrankung zu tun, von der er sich damals erholte: 1996 hatte Keith Jarrett einen Zusammenbruch, die Ärzte diagnostizierten bei ihm das Chronische Erschöpfungssyndrom (CFS), das ihn mehrere Jahre lang völlig lähmen sollte. «Melody At Night», eingespielt Ende 1998, galt bislang als erstes musikalisches Lebenszeichen nach dieser existenziellen Krise. Es ist tatsächlich ein sehr besonderes Solo-Album, die Standards, die Jarrett darauf spielt, sind so was wie die Essenz des Real Book – so karg setzt er darin die Harmonien, so wenig Beiwerk fügt er zu den Melodien, durch die er ruhig lauschend hindurchspaziert – aber was stöpseln wir hier selber Vergleiche zusammen, sagen wir es doch lieber gleich in seinen Worten: «Es hatte was von Zen: spiel die Melodie, aber spiel sie wirklich».

Ein unheimliches Experiment

Am anderen Ende seines musikalischen Spektrums ist die CD-Box «Multitude of Angels» anzusiedeln, die vor zwei Jahren erschien und Live-Mitschnitte der vier Solokonzerte enthielt, die er 1996 in Italien kurz vor seinem Zusammenbruch gegeben hatte (O-Ton Jarrett: «Höhepunkte in meiner Karriere») – freier Fluss der Ideen, musikalischer Hochleistungssport, Tonnen von Tönen, Improvisationsekstase.

Der ausladende Überflusskünstler, der nach der Krankheit zu mönchischer Kargheit findet – klingt so schlüssig wie abgeschlossen. Stimmt nur nicht ganz: Jetzt nämlich erscheint eine dritte CD, die ebenfalls eng mit Jarretts Krankheit verknüpft ist: «After the Fall» (ECM) spielt schon im Titel darauf an, dass hier einer wiederaufersteht. Jarrett und seine musikalischen Lebenspartner, der Bassist Gary Peacock und der Schlagzeuger Jack DeJohnette, wagten im November 1998, noch während der Genesungsphase und vor der Einspielung des «Melody»-Albums, ein Konzert in Newark, in der Nähe von Jarretts Zuhause.

Jarrett nennt das Ganze im Booklet «ein unheimliches Experiment», keiner wusste schliesslich, ob er überhaupt ein ganzes Konzert durchstehen würde, aber um es kurz zu machen, das Experiment war ein voller Erfolg, von Krise, Müdigkeit, fragilem Zustand ist nichts zu hören, im Gegenteil, man wundert sich, wie er direkt aus der kranken Einsamkeit kraftvoll mitten hineinspringt in die Musik und eineinhalb Stunden lang Bebop vom Feinsten abschnurren lässt (ein letztes mal O-Ton: «For me it's not only a historical document, but a truly great concert!»).

Als hätte es Krankheit und Pause nie gegeben

Bebop also. Beschwingt und leicht. Altbekannte Nummern, Charlie Parker, Bud Powell, Sonny Rollins, Autumn Leaves, aber alles unbedingt mehr wie Frühling als wie Herbst. So fangen sie mit einer beeindruckend schnellen Version des im Grunde ja eher melancholischen Songs «The Masquerade Is Over» an, der hier eher nach Faschingsmaskeradenkehraus als nach trauriger Einsicht in das Ende einer Liebe klingt. Jarrett mixt in die langgespannte Melodie Kinderliedschnipsel und Gary Peacock tanzt um diese musikalischen Luftschlangen eher im Stile Fred Astaires als wie ein verlassener Liebhaber. 16 Minuten dauert das, eine Reise durch Postbop, Popbop, Bibabutzebop, und bleibt doch dauernd schlank und elegant.

Die drei Musiker funktionieren vom ersten Ton an so symbiotisch, als habe es Krankheit und Pause nie gegeben. In «Autumn Leaves» setzt Jarrett während eines langen Peacock-Solos irgendwann vier repetitive Töne, die sofort im Bass und Schlagzeug ihr Echo finden und auf denen DeJohnette dann ein Bossanova-artiges Solo aufsetzt.

Und was ja meist zu kurz kommt in den Jarrett-Elogen: Der Mann hat viel Humor. Leider nicht im Leben, da steht ihm die Eitelkeit doch zu sehr im Weg, aber am Klavier macht er oft einen Witz nach dem anderen. Das Konzert fand zu Beginn der Weihnachtszeit statt, Jarrett stapft irgendwann breitbeinig im Bass herum und kommt dann plötzlich als Weihnachtsmann aus diesen Tontiefen hervor: «Santa Claus Is Coming To Town», eines der beliebtesten und abgedroschensten Weihnachtskinderlieder, wird zum ultimativen Groove, in DeJohnettes Schlagzeugsolo schellen die Becken wie der olle Rentierschlitten, unter den Jarrett aber einen Formel-Eins-Boliden schiebt und der Song bekommt einen Groove, dass das Newarker Publikum danach nicht zu bändigen ist. Schöner kann man Genesung nicht feiern.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 19.03.2018, 16:45 Uhr

Keith Jarrett - One for Majid


Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack DeJohnette spielen «One for Majid» vom neuen Album «After the Fall».

Video: Youtube/Radi0 hi Special

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