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«Schreien Sie mal, es wirkt reinigend»

Der finnische Schrei-Chor Mieskuoro Huutajat macht Musik aus Lärm. Bei ihrem heutigen Auftritt im Migros-Museum schreien sie die Schweizer Nationalhymne.

Um bei Mieskuoro Huutajat mitzumachen, müsse man nicht besonders frustriert sein, sagt Chorleiter Petri Sirviö. Foto: Mikko Törmänen
Um bei Mieskuoro Huutajat mitzumachen, müsse man nicht besonders frustriert sein, sagt Chorleiter Petri Sirviö. Foto: Mikko Törmänen

Ein paar Dutzend Finnen in schlecht sitzenden schwarzen Anzügen starren mit grimmiger Miene ins Publikum. Ein letzter Moment Stille, wie die viel zitierte Ruhe vor dem Sturm, ein kollektives Luftholen – dann reissen die Mannen ihre Münder auf. Und schreien, dass es einem durch Mark und Bein fährt. Aber nicht einfach so animalisch drauflos, sondern: koordiniert. Mit Blick auf den Taktstock des Dirigenten, der diesem testosteronsprühenden, wilden Haufen Lärm tatsächlich so etwas wie eine Komposition entlockt.

Da ist Text auszumachen; aber ob der nun von Schubert stammt, von Strauss oder von Nirvana, ist in dem Gebrüll schwer erkennbar. Und eigentlich auch nebensächlich. Denn wenn der Mieskuoro Huutajat (Männerchor der Schreier) auftritt, gehts in erster Linie um den Exorzismus der Stille. Um die Wucht der Bassstimmen und Baritone, die an eine Horde Punkveteranen erinnert (siehe die Krawatten aus zerschnittenen Veloschläuchen!) und – o Gegensatz! – auch ein bisschen an ein Singgrüppchen rechter Gesinnung.

Mieskuoro Huutajat – Kalinka. Quelle: Youtube

Huutajat ist natürlich weder das eine noch das andere. Dafür ein Phänomen: ein ehemaliges Scherzprogramm, entwickelt in den späten 80er-Jahren im westfinnischen Oulu, um die Spiessbürger ein wenig aus der Reserve zu locken. Irgendwie wurde es dann nie gestoppt. Sondern ist gewachsen. Professionell ­geworden. Und auf Tour gegangen.

Gründungsmitglied und Selfmade-Dirigent Petri Sirviö, mittlerweile 54, ist Vollzeit-Huutajater und nicht einfach ans Telefon zu bekommen. Am Abend habe er einen Auftritt, am nächsten Morgen steige er um 7 Uhr in den Flieger nach Zürich, schreibt er uns per E-Mail. Wir einigen uns dann auf ein Telefonat während seiner Fahrt vom Flughafen ins Migros-Museum, wo Huutajat am Freitagabend auftreten werden.

Mieskuoro Huutajat – Oulujoki. Quelle: Youtube

Petri Sirviö – was ist derzeit Ihr Handy-Klingelton?

(lacht) Der Standardton des iPhone. Nichts Geschrienes jedenfalls.

Sie sind Finne. Sind Nordländer besonders schreiaffin? Dank dem Wikingerblut in den Adern?

Der Witz ist, dass das Klischee gerade andersherum geht: Finnen gelten als eher schweigsam. Vermutlich pflegen wir bei Huutajat eine Form der Kompensation.

Nun leben wir in einer lärmigen Zeit. Gestresste Dauerbeschallte suchen in Meditationskursen Momente inneren Friedens. Ist Ihr Geschrei da nicht fehl am Platz?

Probieren Sie mal, in guter Gesellschaft eine halbe Stunde am Stück zu schreien. Das wirkt reinigend wie eine Stunde Yoga.

Psychoanalytiker deuten Schreien stets als Ausdruck von Frustration.

Interessant! Dabei muss man nicht einmal besonders frustriert sein, um bei uns mitzumachen. Eine laute Röhre und ein bisschen Rhythmusgefühl genügen.

Und man muss ein Mann sein. Warum schreien bei Ihnen keine Frauen mit?

Weil Frauen, wie ich gemerkt habe, nicht gern auf Kommando schreien. Schon gar nicht in Gruppen. Sie haben eine natürlichere Beziehung zum Schreien, tun es, wenn ihnen danach ist. Beneidenswert!

Der Schreiende Männerchor aus Finnland bei einem Auftritt im MoMA. Quelle: Youtube

Bei Huutajat bleibt die Melodie der vorgetragenen Stücke auf der Strecke. Dabei macht diese doch, neben dem Text und dem Rhythmus, ein Drittel der Seele eines Musikstücks aus.

Das machen wir wett mit der Intonierung. Und mit der Verve, die wir in die Aufführung stecken. Und mal ehrlich: Es gibt doch auch so viele Melodien ohne Seele!

Wie sehen eigentlich Ihre Notenblätter aus?

Eher wie Excel-Tabellen denn wie herkömmliche Partituren. Aber sie spielen bei uns ohnehin kaum eine Rolle. Die Jungs kennen die Stücke auswendig. Ein Blatt Papier vor Augen kann die starken Gefühle, die einen schreien machen wollen, nicht hervorrufen. Man baut im Bauch auf oder im Herz.

Ihr Chor hat ein Album mit geschrienen Nationalhymnen veröffentlicht. Eignet sich Nationalismus also besonders gut, um solche starken Gefühle auszulösen?

Absolut. Und schauen Sie uns mal an: Wir sind ein uniformierter Haufen Jungs, die auf disziplinierte Weise zusammenarbeiten. Das schrie nach einer Untersuchung von Machtstrukturen, und Nationalismus ist eine Form davon.

Gibt das Schreien einem Text mehr Gewicht?

Ja und nein. Schreien ist Machtdemonstration. Interessanterweise kann es aber auch die Leere, die sich hinter manchen Texten verbirgt, entlarven.

Sie meinen die Gesetzestexte oder Auszüge aus internationalen Vereinbarungen, die Sie bisweilen vortragen? Ist Huutajat politisch?

Sagen wir es so: Wir haben Spass daran, politische Strukturen zu analysieren.

Das erste Mal trat Huutajat 1999 in Zürich auf. Damals logierten Sie in der Jugi Wollishofen. Und diesmal?

Das Budget lässt mittlerweile etwas mehr Luxus zu. Aber wir fühlen uns im Fünfsternhotel genauso wohl wie im Hostel. Wir spielen ja auch auf Eisbrechern und in der Kirche.

In der Kirche?

Klar, wir lieben das! Die Akustik ist meist fantastisch. Kürzlich traten wir in London in einer abbruchreifen Kirche auf. Gott hatte das Gebäude verlassen, wir durften übernehmen. Das Widersprüchliche gehört zu uns: Auf der Strasse wirken wir wie ein Haufen Schnösel, in der Tonhalle wie eine Horde Rowdys.

Hier traten Sie 1999 im Helmhaus auf, jetzt im Migros-Museum. Machen Sie Kunst?

Wahrscheinlich schon, irgendwo auf halber Strecke zwischen Performance und Konzeptkunst. Schwer zu sagen. Machen Clowns Kunst? Und Punks?

Sie passen Ihre Auftritte gern an den jeweiligen Anlass an. Was erwartet das Publikum im Migros-Museum?

(lacht) Ich habe festgestellt, dass die Zürcher die Schweizer Nationalhymne wahnsinnig schlecht beherrschen. Dagegen mussten wir natürlich etwas unternehmen.

Auftritt von Mieskuoro Huutajat an der öffentlichen Vernissage der Ausstellung zum 20-Jahr-Jubiläum des Migros- Museums für Gegenwartskunst: heute Freitag, 19.30 Uhr.

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