Schrill ins Rentenalter

Nina Hagen hat heute Geburtstag und findet: «Leute, ich bin jetzt 60, ich finde das waaaaahnsinnig alt!!!»

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Heute wird das einstige DDR-Girlie Nina Hagen, Deutschlands «Godmother of Punk», 60. «Leute, ich bin jetzt 60, ich finde das waaaaahnsinnig alt!!!», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Und schwärmte von sämtlichen Hochzeiten, auf denen sie derzeit tanzt. Sie ist schrille Punk-Lady mit Löwenmähne und Reizwäsche oder einfühlsame Brecht-Interpretin mit Klampfe und Ringelsöckchen. Sie ist schnoddrige Nervensäge in Talkshows oder engagierte Kämpferin für den Weltfrieden.

Im Frühjahr geht sie auf Tournee nach Frankreich, noch in diesem Jahr soll in Zusammenarbeit mit dem deutschen Blues-Rocker und Produzenten Daniel Welbat («WellBad») ein neues Album herauskommen, und in zwei Kinofilmen übernimmt sie die Hauptrolle, einmal zusammen mit ihren Kindern Cosma Shiva und Otis. «Es gibt halt Regisseure, die Frauen in fortgeschrittenem Alter sehr schön finden, hihi.»

Fünfzehn eigene Alben hat Nina Hagen in ihrer fast 40-jährigen Karriere herausgebracht und auf unzähligen anderen mitgewirkt. Vom legendären Debütalbum «Nina Hagen Band» (1978) bis zur hochgelobten Gospelplatte «Personal Jesus» (2010) und der jüngsten Polit-CD «Volksbeat» (2011) erfand sie sich immer wieder neu, steckte auch zahlreiche Flops, Rückschläge und Durststrecken weg. Geblieben ist ihre orgelnde Vier-Oktaven-Stimme und die mitreissende Energie.

Biermanns Ziehtochter

Geboren wurde sie 1955 als Tochter der bekannten Schauspielerin Eva-Maria Hagen und des Schriftstellers Hans Hagen in Ost-Berlin. Nach der frühen Trennung der Eltern wird der regimekritische Liedermacher Wolf Biermann als neuer Lebensgefährte der Mutter ihr Ziehvater. Auch sie gerät deshalb ins Visier der Stasi und darf - wohl aus politischen Gründen - nicht wie erhofft auf die Schauspielschule.

Mit Schlagern wie «Du hast den Farbfilm vergessen» als Kultfigur der DDR-Jugend gefeiert, folgt sie 1976 mit ihrer Mutter dem ausgewiesenen Biermann in die Bundesrepublik. Sie macht mit wechselnden Bands Karriere und hat nach einem längeren Abstecher in die USA auch im Ausland Erfolg. 1985 spielt sie beim brasilianischen Festival «Rock in Rio» vor mehr als 100'000 begeisterten Fans.

Keine Angst mehr vor Älterwerden

In Deutschland sorgt immer wieder auch ihr Privatleben für Schlagzeilen: wechselnde jüngere Männer, Taufe mit 54, esoterische Berichte von Ufo- und Gottes-Visionen. Riesenwirbel löste sie 1976 aus, als sie in der österreichischen Spätsendung «Club 2» recht anschaulich zeigte, wie Frauen sich selbst befriedigen können. «Es gibt wenig Kunstfiguren, die so konsequent Kunstfiguren sind», schrieb Thomas Nöske im Buch «Pop-Schamanismus» (1999). Nina Hagen mache die Unterscheidung von Masche und Echt hinfällig.

Sie selbst wehrt sich gegen alle Schubladen. «Ich bin die Tochter von meiner Mama und von meinem Papa», sagt sie schlicht. «Und ich bin natürlich auch die Tochter vom Schöpfer.» Der Glaube sei mit Triebfeder für ihr soziales Engagement: Die Sängerin setzt sich gegen Zwangspsychiatrie und für Pharmaopfer, gegen Tierversuche und für Menschenrechte ein.

Hat sie Angst vor dem Älterwerden? «Kann ich gar nicht haben, weil ich ja schon alt bin», gibt sie an. «Alt ist auch schön. Weil man die Gewissheit haben kann, dass man auf dem Weg nach Hause ist - dorthin, wo schon einige von meinen Liebsten ins ewige Leben abgeschwirrt sind.» (phz/sda)

Erstellt: 11.03.2015, 11:00 Uhr

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