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Schwarze Hostien

Was soll dieser Kult um die Schallplatte?

Platte vor dem Kopf: Auch MP3 hat seine Qualitäten.
Platte vor dem Kopf: Auch MP3 hat seine Qualitäten.
Peter Klaunzer (Keystone)

Andrian Kreye, Feuilletonchef der «Süddeutschen Zeitung», hat im «Magazin» die neue Strophe einer alten Litanei vorgetragen: Was das für ein klanglicher, kultureller, geradezu greifbarer Verlust sei, die Vinylplatte durch komprimierte Musik ersetzt zu haben. Das digitale Verfahren war in den 90er-Jahren vom Fraunhofer-Institut entwickelt worden und erlaubt das Herunterladen, Kopieren und Verschicken von Musik mit einem viel kleineren Datenvolumen als eine CD.

Es stimmt, was Kreye und seine Gesprächspartner einander sagen und jeder bestätigen kann, der noch mit 33 Revolutionen pro Minute aufgewachsen ist: Die Schallplatte ist sinnlicher als ein USB-Stick. Die Hülle, das Auspacken, der Geruch, die Konsistenz. Dieser fette, schwarze Glanz. Das Senken des Tonarms. Das erwartungsvolle Knistern, bevor Keith Richards seine Kettensäge anwirft, Miles Davis eine Melodie skizziert oder PJ Harvey das Begehren vertont.

Trotzdem kann man das mit der Schallplatte nicht mehr hören. Also nicht die Platten selbst, aber ihre Verklärung zur schwarzen Hostie, die Feier der Umständlichkeit, dieser Kult des Alten. Ob die Schallplatte wirklich so viel besser klingt, wie ihre Hörer behaupten, runder und wärmer, oder ob das von der Anlage abhängt, bleibt umstritten. Aber man glaubt dem Elektrotechniker und Mathematiker Karlheinz Brandenburg, dem Miterfinder des MP3-Formats, dass sehr hochwertig komprimierte Musik auch sehr hochwertig klingt.

Länger auf dem Laufband

Vor allem haben Digitalisierung und Komprimierung zu einem völlig neuen Umgang mit der Musik geführt: Sie wurde Teil unserer Kommunikation, sie lieferte die Fortsetzung der Sprache mit anderen Mitteln. Und ermöglichte damit den Ausdruck unserer Gefühle als Lied.

«Die einfachen Dinge sind der letzte Trost komplizierter Menschen», hat Oscar Wilde geschrieben, der englische Aphorismenlieferant. Den Trost bietet die gespeicherte Musik, das einfache Ding ist das Gerät für sie. Tausende von Stücken stets auf Mann. So hat man für jede Zugfahrt den passenden Soundtrack. Und vermag dank eigenen Playlists wie «Great Guitar Riffs», «Even Greater Guitar Riffs» oder gar «The Return of the Son of the Great Guitar Riffs» doppelt so lang auf dem Laufband zu rennen.

Früher dienten Kassettenkollektionen, sogenannte Mix Tapes, den Jungen als Gefühlsverstärker, um Mädchen zu betören. Heute können die Männer von ihrem Gerät aus einen Youtube-Song verschicken, der etwas vertont, das sie sagen möchten, das sie fühlen oder von dem sie hoffen, die Schöne möge es nachfühlen. Versuchen Sie einmal, eine Schallplatte so durch die Luft zu werfen, dass sie direkt bei der Empfängerin ankommt. Ausserdem lässt sich vom Handy aus der Text mitschicken, was umso nützlicher ist, als viele Frauen selten auf die Texte hören (was man nicht statistisch, aber empirisch belegen kann; feministisch wurde es noch nicht ergründet).

Plötzlich tauchen Supertramp auf

Früher musste man jedes Mal aufstehen, um das eine Stück einer anderen Platte zu hören, das bedeutete Schallplatte unten rechts versorgen, aber richtig, sonst ginge sie in der Sammlung verloren. Dann die andere Schallplatte herausnehmen und auflegen für drei Minuten Musik. Heute hat man 50 000 Stücke in einer Hand, wenn das Handy die Musiksammlung steuert. Mit Freunden am Esstisch oder mit der Freundin im Bett lässt sich damit kollektive Hitparade betreiben; jeder darf einen Song wünschen, der den laufenden kommentiert; so kommt man von Tracey Thorn zu Caetano Veloso in fünf Schritten und von Veloso zu Celentano in zwei.

Schliesslich gibt es noch die sogenannte Shuffle-Funktion, bei der man nie weiss, was als nächster Song kommt, das erhöht Spannung und Heiterkeit und führt zu Erklärungszwängen, wenn plötzlich ein Supertramp-Song auftaucht statt der coole Gainsbourg-Remix.

Diese Art des Musikhörens zerstöre die Einheit des Albums, mahnen die Plattenabspieler, sie verletze den vom Künstler vorgesehenen Ablauf der Songs. Ich habe Laurie Anderson einmal gefragt in meiner sensiblen Art, ob die Shuffle-Funktion der MP3-Geräte die Integrität ihrer Kunst verletze. «Dann schalt sie doch ab», sagte sie.

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