Schweizer Jazz mitten in Harlem

Washington D.C. ehrt den Schweizer Musiker und Komponisten Daniel Schnyder mit einem Festival. Und in New York feierte gerade eine seiner Opern Premiere.

«Wir müssen in der Musik ein ganzheitliches Bild der Gesellschaft von heute schaffen», sagt Daniel Schnyder. Foto: Doris Fanconi

«Wir müssen in der Musik ein ganzheitliches Bild der Gesellschaft von heute schaffen», sagt Daniel Schnyder. Foto: Doris Fanconi

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Daniel Schnyder ist zu spät. Er hat den Termin komplett vergessen. Als er endlich um die Ecke trabt, folgt ihm ausser Atem eine leicht verwirrt wirkende grauhaarige Dame. Das sei ein Gast aus Holland, erklärt Schnyder, während er die Tür zu seinem Studio aufschliesst – angereist, um am Wochenende die New Yorker Premiere seiner Oper «Charlie Parker’s Yardbird» zu sehen.

Das Studio gleicht einer Höhle. Es liegt im Souterrain eines der für Harlem typischen alten Backsteinhäuser und dient Schnyder als Gelegenheitsunterkunft (ungemachtes Sofabett), Proberaum (Klavier, andere Instrumente) und Büro (Papiersalat, Computer). Die holländische Dame wird ins Büro hinten komplimentiert und das Bett vorne wieder zum Sofa umfunktioniert. «Es ist alles gerade ein bisschen hektisch.» Schnyder setzt sich. Er untertreibt. Eben ist er aus Deutschland und Polen zurückgekehrt. Am Abend zuvor hatte er in der Stadt ein Konzert, später an diesem Tag sind Aufnahmen für den Funk geplant. Andererseits: Das geht schon seit über dreissig Jahren so.

In der Schweiz unmöglich

Der Schweizer Daniel Schnyder ist 55 Jahre alt und zählt zu den vielseitigsten Musikern und Komponisten der Gegenwart. Mit Jazz im Kopf und mit seinem Saxofon besuchte er Anfang der 80er-Jahre das renommierte Berklee College of Music in Boston. Danach studierte er am Konservatorium Winterthur klassische Flöte. Schon damals interessierte er sich für Musiktraditionen ausserhalb des europäischen Kulturkreises. 1992 zog er nach New York; er hatte genug von Kategorisierungen und Grenzen. Klassik, Ländler, Improvisation, mongolischer Kehlkopfgesang, indische Ragas – ihn faszinierte die Gesamtheit dieser melodischen Phänomene.

«Wir müssen in der Musik ein ganzheitliches Bild der Gesellschaft von heute schaffen», sagt Schnyder. Das sei mit musikalischem Schubladendenken unmöglich. Deshalb hat er ein Alphornkonzert komponiert. Er hat Friedrich Murnaus Stummfilm «Faust» vertont und ein afrikanisches Epos in ein Oratorium für Orchester transkribiert. Traditionelle arabische Instrumente kombiniert er mit westlichen in «Arabian Nights», und als Solist tritt er überall auf dem Globus in Jazzclubs und mit Philharmonien gleichermassen auf.

Ursprünglich kam Schnyder nach New York, weil sich hier Projekte einfacher und billiger realisieren liessen als in seiner Heimat. Es gab gute Ideen und freischaffende Musiker zuhauf. Heute sind viele der Musiker in die Akademie abgewandert, und für Ideen muss man kämpfen wie anderswo auch. Ein Unterfangen wie «Charlie Parker’s Yardbird» hätte er in der Schweiz dennoch nie umsetzen können, sagt Schnyder. Zu teuer, zu kompliziert.

Dieses eineinhalbstündige Werk über den grossen Jazzmusiker Charlie Parker entstand im Auftrag der Opera Philadelphia, wo es vergangenen Sommer uraufgeführt wurde. Das Publikum war entzückt. Die «New York Times» lobte die «temporeiche, pulsierende Partitur». Auch die übrigen Kritiker schätzten an der Oper, was sie an Daniel Schnyder generell mögen. Nämlich seine Fähigkeit, anspruchsvolle Musik auch in ungeübten Ohren zum Swingen zu bringen.

Russel Platt, Redaktor für klassische Musik beim Edelmagazin «The New Yorker», sagt: «Schnyders Grundlagen im Jazz und in der klassischen Musik und seine Offenheit gegenüber anderen Stilen machen ihn zu einem sehr geschickten Vermittler von seriöser Musik, die gefällt, ohne gefällig zu sein.» John Schaffer, Moderator des beliebten Radiopodcasts «Soundcheck», stimmt Platt zu. Er bewundert auch Schnyders eckigere Arbeiten: «Wir haben einmal eine ganze Sendung mit Schnyders Jazz­ensemble gemacht. Wer nur Pop gewohnt ist und diese Musik mögen will, muss sich ein bisschen anstrengen.» Stets erkennbar blieben jedoch die Subtilität und der Reichtum von Schnyders akustischem Vokabular.

Als Etikettenallergiker freut sich Daniel Schnyder auf das Festival, das ihm zu Ehren im Mai in Washington D.C. stattfindet. Es heisst schlicht «Schnyderfest». Neben Stücken wie «Blues for Schubert» und der Gershwin-Adaption «Let Them Eat Cake» wird dort zum ersten Mal in den USA sein Konzert für Pipa zu hören sein. Die Pipa ist eine Art chinesische Laute. Wir seien von «Made-in-China-Produkten» umgeben, sagt Schnyder, aber wir wüssten nichts über die Kultur dieses riesigen Volkes. «In der Musik kann ich fremde Traditionen auffangen und reflektieren und dabei selber immer wieder dazulernen.»

Zwischen Dies- und Jenseits

Der Schlüssel sei Integration statt Imitation, meint der «New Yorker»-Kritiker Russell Platt: «Die Kunst besteht darin, fremde Elemente zu einem Teil der eigenen Stimme zu machen. Daniel Schnyder ist das bisher ziemlich gut gelungen.» Schnyder dankt es dem Jazz, um den sich sein musikalisches Universum dreht: «Jazz ist wie ein Schwamm: Er kann unheimlich viel in sich aufnehmen, weil er selber schon eine Mischung aus verschiedenen Elementen ist, aus afrikanischer Rhythmik, europäischer Raffinesse und dem amerikanischen ‹any­thing goes›, dem Alles-ist-möglich.» Daniel Schnyder beginnt nach den Probeplänen von «Charlie Parker’s Yardbird» zu suchen. Dieses Werk kommt im legendären Apollo Theater in Harlem auf die Bühne, diesem Zuhause schwarzer Stars von Duke Ellington über Ella Fitzgerald bis Michael Jackson. «Dass ich als eingewanderter Swiss Guy mit meiner Oper über einen Titanen des Jazz an diesem Ort gespielt werde, erfüllt mich schon mit einem gewissen Stolz, aber auch mit Ehrfurcht», meint Schnyder

«Charlie Parker’s Yardbird» spielt im berühmten New Yorker Jazzclub Birdland und zwischen Leben und Tod. Es ist 1955, und der 34-jährige Parker ist soeben gestorben. Noch weiss niemand davon. In den 48 Stunden, die der Musiker zwischen Dies- und Jenseits schwebt, suchen ihn seine wichtigsten Weggefährten auf: seine Frauen und sein Freund, der Trompeter Dizzy Gillespie.

Mit dem 7-köpfigen Ensemble und dem 15-köpfigen Orchester verfügt das Stück über die Intimität der Kammeroper und über eine Atmosphäre, die zum Schauplatz passt. Die Musik wiederum passt zum Sujet. Es ist eine Mischung aus «Porgy und Bess» und «Carmen», die funktioniert, eine Jamsession mit Arien und Leidenschaft, zum Mitwippen, Zuhören und Nachdenken. Weder bepoppte Sinfonik noch vergeigter Jazz, sondern Daniel Schnyder.

Es gibt aber auch Skeptiker. «Die reklamieren Charlie Parker für sich», so Schnyder, «wie Schweizer, die sagen: Wilhelm Tell ist unser Held! Wie kann es ein Schwabe wie Schiller wagen, darüber ein Theaterstück zu schreiben, oder Rossini, dieser Italiener, eine Oper! Das kann ich verstehen.» Trotzdem ist er überzeugt, dass Musik allen gehört, weil sie alle zu verbinden vermag. «Nichts vereint unterschiedliche Menschen so sehr wie eine Gruppe von Musikern, die im Moment X an einem Ort zusammenkommen und mit Musik eine Sprache sprechen, die alle verstehen. Das ist eine unglaubliche Kulturleistung.»

Die holländische Dame meldet sich zurück. Sie verlangt nach dem Passwort für den WLAN-Empfang. Nach mehreren Anläufen erinnert sich Daniel Schnyder ans richtige Abrakadabra. Dann blickt er Richtung Kochnische. Da steht als offensichtlich meistgebrauchte Apparatur die Kaffeemaschine. Auf die Frage, welche Musiker und Komponisten er zu einem Abendessen bei sich einladen würde, antwortet er: «Händel und Miles Davis . . . und Beethoven und Prokofjew.» Und was würde er für sie kochen? Er lacht: «Ich würde Essen holen lassen. Für diese Leute zu kochen, wäre mir zu gefährlich.» Vielleicht wären sie ja auch mit einer Tasse Kaffee zufrieden und würden einfach zusammen Musik machen – wie in Daniel Schnyders holistischen Träumen und in seiner musikalischen Wirklichkeit.

Daniel Schnyder in der Schweiz: 10. Juni: Schweizer Erstaufführung von «Drakool», Tonhalle Zürich. 1. Juli: «Arabian Nights», Klassik-Festival Boswiler Sommer, Künstlerhaus Boswil. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2016, 18:32 Uhr

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