Schweizer Musik und Käseköder

Am Reeperbahn-Festival in Hamburg träumen Schweizer Bands vom internationalen Durchbruch – doch die Wege zu Erfolg sind strapaziös.

Die Luzerner Band Blind Butcher bei ihrem Auftritt am Reeperbahn-Festival in Hamburg. Foto: Sophia Vogel

Die Luzerner Band Blind Butcher bei ihrem Auftritt am Reeperbahn-Festival in Hamburg. Foto: Sophia Vogel

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Es ist nicht ganz klar, ob es ein Raunen oder ein Seufzen ist, das durch die Publikumsreihen im Hamburger Imperial-Theater geht. In den Bühnenkulissen, in denen sonst gerade ein Edgar-Wallace-Pistolen-Krimi gespielt wird, stimmt Anna Aaron aus Basel den Gassenhauer sämtlicher helvetischer Singlehrer an: «Der Mond ist aufgegangen». Sie begleitet sich dabei selber auf der Heimorgel. Ein hübscher, wenn auch eigenwilliger Abschluss ihres Auftritts.

Doch die Jury, die sich danach vor dem Theater trifft und den vielversprechendsten Newcomer des Reeperbahn-Festivals bestimmen soll, scheint nicht besonders begeistert zu sein. Tony Visconti ist dabei, der langjährige Produzent von David Bowie, oder Skye Edwards von Morcheeba. Anna Aaron wird leer ausgehen, und in der Laudatio wird die Jury den Musikern ausrichten, dass sie mehr Leidenschaft erwarte, mehr harte Arbeit und mehr Musik, die wirklich etwas bedeute. Wenn eine Jury so etwas tut, dann ist das kein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern mit dem Vorschlaghammer.

Nach bedeutender Musik wird am Reeperbahn-Festival in Hamburg alljährlich vier Tage und Nächte lang gefahndet. Die Veranstaltung, die jedes Jahr über 40'000 Besucher anlockt, ist einer der wichtigsten Szenetreffs für die Musikindustrie, die es auf den deutschsprachigen Markt abgesehen hat. 600 Kurzkonzerte gibt es hier zwischen Imbissbude und Sexanbietern, dazwischen treffen sich Agenten, Veranstalter und Labelbetreiber zum Business-Austausch. Hier werden Karrieren gestartet oder abgewürgt, hier wird mit der Musik von morgen gehandelt. Hier dürfen Bands noch davon träumen, entdeckt zu werden.

Wein und Gratis-Raclette

Aus dem Sommersalon im Klubhaus St. Pauli weht Käsegeruch in Richtung Reeperbahn. Im Club hat sich unmissverständlich die Schweiz niedergelassen: Das Team von Swiss Music Export ködert die wichtigen Leute der Musikbranche mit einem Gratis-Raclette und Weisswein. Das Lokal ist bald berstend voll, und die Kolonne davor wächst stetig. Denn bei den Schweizern gab es in der Vergangenheit immer etwas zu entdecken: Sophie Hunger hat am Reeperbahn-Festival gespielt, als sie noch ein Geheimtipp war. Boy traten auf, bevor das Duo in Deutschland zur Erwachsenenpop-Sensation arrivierte. Gleiches gilt für den zotteligen Faber, dessen Deutschlandkonzerte heute meist ausverkauft sind.

Der Schweizer Tag am Reeperbahn-Festival ist das Hauptprojekt von Swiss Music Export, quasi dem Büro für auswärtige Angelegenheiten der heimischen Popmusik. Die Aufgabe des kleinen Teams hat schon fast staatstragenden Charakter: Die Musikindustrie ist in der Schweiz ein Industriezweig, der praktisch alle tangiert. 95 Prozent der Schweizer hören regelmässig Musik, 71 Prozent gehen an Konzerte, und das Singen und das Musizieren sind die beliebtesten kulturellen Freizeitaktivitäten.

2013 zählte die Schweizer Musikwirtschaft 30862 Angestellte und erzielte einen Umsatz von 1,8 Milliarden Franken. Doch es gibt da ein kleines Problem: Das Musikschaffen hierzulande ist nur selten lukrativ. Gerade für die einheimischen Popbands mit englischem Gesang ist der Schweizer Markt schlicht zu klein, um nur annähernd profitabel arbeiten zu können.

Das Kulturgut muss also exportiert werden, am besten in die ganze Welt. Zu diesem Zweck setzt Swiss Music Export hauptsächlich auf europäische Showcase-Festivals wie Reeperbahn, Eurosonic in Holland, The Great Escape in Brighton oder MaMa in Paris. «Das Budget lässt es leider nicht zu, das Augenmerk weiter hinaus zu richten», sagt Jean Zuber, der Direktor von Swiss Music Export. «Das ist schade, weil sich Märkte wie Asien oder Amerika gerade äusserst spannend entwickeln. Es wäre wichtig, jetzt dabei zu sein, weil viele Schweizer Bands mit grossem internationalem Potenzial in den Startlöchern stehen.» Auch würde er gerne die lebendige Jazzszene des Landes besser mit dem Ausland verdrahten. Doch mit einem Jahresbudget von circa einer halben Million Franken sei ihm dies nur bedingt möglich.

Welches die beste Strategie ist, Musik zu exportieren, darüber herrscht keine Einigkeit. Die Methoden und Budgets verschiedener Länder variieren enorm. Die einzige Konstante ist, dass alle ein wenig neidisch nach Frankreich schielen. Die Franzosen erheben eine Steuer von 3,5 Prozent auf jeden Konzerteintritt – die Einnahmen fliessen in einen Musikfördertopf. Es gibt Unterstützung für Musikvideos, Radioquoten für einheimische Musik und eine Art Grundeinkommen für Musiker, die mehr als 50 Konzerte pro Jahr spielen. Ausserdem betreiben die Franzosen Musik-Exportbüros in diversen Städten der Welt. Seit 2010 ist der Exportumsatz um 40 Prozent auf 283Millionen Euro im letzten Jahr gestiegen. Nun plant man, die ganze Musikförderung in einer Maison Commune de la Musique zu ballen, die ein Jahresbudget von 68 Millionen Franken verwalten soll.

Im Vergleich dazu: Der Pro Helvetia stehen jährlich 42 Millionen Franken zur Verfügung – für alle Kunstsparten zusammen. Doch auch das Schweizer Modell gilt als attraktiv. Wird eine Band für eine Auslandtournee gebucht, kann sie in der Gemeinde (die meistens nichts zahlt), der Stadt, dem Kanton und bei der Pro Helvetia um Unterstützung anfragen. Dazu gibt es diverse weitere Institutionen, die potenziell Geld sprechen, wie die Suisa- oder die Interpretenstiftung.

Grosses Potenzial

Zurück nach Hamburg: Damit es nicht beim blossen Raclette-Plausch bleibt, wird den Anwesenden im Sommercasino schon ab Nachmittag Schweizer Livemusik unterbreitet. Als Erster an der Reihe ist Marius Hügli, der sich Marius Bear nennt, weil er – laut Programmheft – eine Präsenz und eine Stimme hat «wie ein Bär». Von ihm wird einiges erwartet. Das Management des nach London ausgewanderten Appenzellers hat Roger Guntern übernommen, der zuvor Stephan Eicher und Philipp Fankhauser betreut hat. Die honorige Lausanner Agentur Two Gentlemen, die auch Sophie Hunger vertritt, kümmert sich um das internationale Booking und ist merklich frohgestimmt, weil sich nicht weniger als 15 grössere Agenturen für das Showcase angemeldet haben – selbst ein Abgesandter von Live Nation, dem potentesten Veranstaltungsmulti der Welt, soll sich irgendwo im Raclette-Dunst aufhalten.

Marius Bear lässt seine raue Überwältigungsstimme durchs Lokal schmettern, dass einem ganz wohlig wird. Doch für seinen Manager kommt der Trubel noch etwas zu früh. Bear, der erst eine EP veröffentlicht habe, brauche noch zwingendere Songs, sagt er; notfalls werde man sich diese bei einschlägigen Songwritern einkaufen. Trotzdem werde er die Angebote, die reinflattern könnten, sorgfältig prüfen.

Ebenfalls gross ist das Inte­resse am Auftritt der Gruppe Black Sea Dahu aus Zürich. Sie hat zwar erst einen hübschen Folksong veröffentlicht, der wird jedoch von Spotify bereits fleissig auf herbstliche Playlists gesetzt. Ausserdem sind schon über 20 Konzerte in deutschen Kleinclubs gebucht.

Neben einer Säule steht Andreas Ryser vom Berner Label Mouthwatering und hört zu. Er hat die Band unter Vertrag genommen und verrät, was diese auf ihrem mittelbaren Karriereweg erwartet: «An den Konzerten in Deutschland werden sie kaum etwas verdienen», sagt er und schaut zornig zum Mischer, der vergeblich gegen eine Rückkoppelung ankämpft. Die meisten deutschen Clubs engagierten Bands nur noch gegen sogenannte Door-Deals, das heisst, die Einnahmen der Kasse werden geteilt, das Risiko wird auf die Bands abgewälzt.

Um im heillos übersättigten Livemarkt in eine lukrativere Verdienstklasse aufzusteigen, braucht es permanent ausverkaufte Konzerte, Medienrummel, ein wenig Glück und ganz viel Ausdauer. Die Strapazen, wochenlang in irgendwelchen WGs zu nächtigen, schlecht zu essen, Tausende Autokilometer abzuspulen und über ungünstige Anlagen zu spielen, nehmen auf die Dauer nicht viele Schweizer Bands auf sich.

Schweiss und Glitzer

Dass es sich lohnen kann, zeigen etwa Blind Butcher aus Luzern, die im Sommercasino ein fast schon euphorisch beklatschtes Rock-’n’-Roll-Showcase spielen. Das arbeitstechnisch höchst effiziente Duo (der Schlagzeuger spielt die Bässe mit dem linken Fuss ein) tourt mittlerweile durch ganz Europa, zu Gagen, die es den Musikern erlaubt haben, ihre Brotjobs auf ein Minimum zu reduzieren oder ganz aufzugeben – dies verrät Sänger Christian «Blind Banjo» Aregger und lächelt verschwitzt aus seinem Glitzerkostüm. Zu behaupten, aus seinem Blick spreche die Entschlossenheit eines Welteroberers, wäre vermessen. Schon eher sieht man darin Freude – und ein gehöriges bisschen Müdigkeit.

Erstellt: 02.10.2018, 23:22 Uhr

Swiss Music Export

Swiss Music Export ist eine Initiative von Pro Helvetia, Suisa-Stiftung, Migros-Kulturprozent, Fondation CMA, Schweizerischer Interpretenstiftung und Phono­produzentenfonds. Die Organisation mit Sitz in Zürich soll die internationale Verbreitung von Schweizer Popmusik fördern – beratend, verknüpfend und mit finanzieller Unterstützung. Den grössten Anteil leistet die Pro Helvetia, die Tourneen mitfinanziert und Büros in Kairo, Johannesburg, Shanghai, Moskau und Delhi betreibt. (ane)

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