Schwestern im Höhenrausch

Am Jazzfestival von Montreux spielten Diven aus drei Popgenerationen: Während Grace Jones, Bryan Ferry und Erykah Badu ihren alten Ruhm verwalteten, wehrte sich Solange Knowles gegen die Apokalypse.

Der Auftritt von Grace Jones wirkte ambitioniert und angestrengt. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Der Auftritt von Grace Jones wirkte ambitioniert und angestrengt. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

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Während einer totalen Mondfinsternis fällt gebrochenes Sonnenlicht in den Schatten der Erde und färbt den Mond rot ein. Immer wieder haben die Menschen geglaubt, dass sich so grosse Katastrophen ankündigen oder sogar der Weltuntergang. Und jetzt hängt ein solcher Blutmond formatfüllend über der Bühne des Auditorium Stravinski und taucht alles in sein verhängnisvolles Licht – eine ägyptische Pyramide, zwei griechische Säulen und die amerikanische Black Music. Mit anderen Worten, das ganze Weltkulturerbe. So viel zur ­Bedrohungslage, glaubt man Solange Knowles, die am Dienstag ans Jazzfestival nach Montreux gekommen ist.

Aber ehrlich gesagt, die Apokalypse sieht in erster Linie einfach verdammt gut aus – geradezu todschick und aufgeräumt. Die Sängerin zeigt eine von ihr selbst choreografierte Bühnenadaption von «A Seat at the Table», ihres letzten, gefeierten Albums. Auf der Tournee ist die Show schlanker als noch bei der New Yorker Premiere im Mai: Statt dreizehn sind noch zwei Bläser dabei, und die seltsam formellen Bewegungsmuster werden nicht von Tänzern, sondern von Solange, ihren Mitsängerinnen und Musikern absolviert. Was nichts an der Brillanz ändert, welche die Schwester von Beyoncé an diesem Abend zeigt.

Erykah Badu spielte virtuos mit ihrem Repertoire, ihrer Band – und dem Publikum. Foto: Paul Bergen (Keystone)

Fast andächtig singt sie auf ihrer Platte über den Stolz und die Würde schwarzer Frauen in der US-amerikanischen Gesellschaft; und auf der Bühne tut sie den Teufel, das Tempo ihrer Lieder den Konventionen der Konzertdramaturgie anzupassen. Langsam, aber gestochen scharf setzt die Band mit knappen Beats, Bassläufen und minimalistischen Gitarrenfiguren die Gerüste der Songs. Darüber schimmern die Synthesizer nur und verschwimmen mit dem Gesang von Solange und ihrer zwei Mitsängerinnen, der fast durchgehend in Sopranlagen arrangiert ist – eine singende Sisterhood im Höhenrausch.

Schritte in den Kampf

Es ist eine offene und freie Soulmusik, die Solange über die Choreografie allerdings souverän in die Tradition des Black Cool einrastert. Da gibts stilisierte Schrittfolgen, die an die lässig perfekten Moves der Gesangsgruppen von Motown erinnern – aber in einer abstrahierten Art, wie sie vielleicht Trisha Brown inszeniert hätte, die im März verstorbene Tanzkünstlerin, die Solange als einen wichtigen Einfluss erwähnt hat. Der stylishe Fluss der Show wird freilich immer wieder unterbrochen durch harte, aggressive Attacken: Dann schüttelt Solange für Sekunden schreiend ihren Afro, die Bläser spielen eine klirrende Fanfare, und die Truppe fällt für ein paar Schritte in eine Kampfbewegung.

Man hat der Musikerin vorgeworfen, Black-Power-Chic für die Coffee Tables des soften, liberalen Milieus zu produzieren. Und auch wenn man an diesem kunstsinnigen Abend in Montreux schon sieht, was weisse Männer meinen, die so etwas schreiben: Es ist nicht der Eindruck, der vom Konzert bleibt. Denn eher ist es eine Stärke dieses Auftritts, dass er die Erwartungen unterläuft, die man gemeinhin so hat an eine herb-­authentische Black Music mit Seelen­anschluss. Solange zeigt, das ist nicht zu übersehen, Posen. Aber sie ist in den Posen anwesend; mal sanft, mal aggressiv, aber immer mit Haltung und Kraft.

Die Pose sei die kleinste Einheit der Popmusik, hat der deutsche Poptheoretiker Diedrich Diederichsen zu Recht geschrieben, aber: «Eine Pose taugt nur etwas, wenn ihre Fiktion gewissermassen echt ist.» Nimmt man den Satz ernst, zeigt sich erst, wie schwierig das Pop­metier ist. Gerade auch an einem Festival wie in Montreux, wo dem Publikum zwar, wie Solange zeigt, mitunter die ­Diven von morgen erscheinen, deutlich häufiger aber jene von gestern. In den Tagen vor Solange waren das beispielsweise zwei begnadete Poseure der Siebziger: Grace Jones und Bryan Ferry.

Der Brite nahm die Bühne wie immer, als ewiger Dandy in dunklem Anzug und aufgelockertem weissem Hemd. Mühelos sang und moderierte er sich durch ein Set aus alten Roxy-Music-Hits, aus neueren Liedern und Coversongs. Dabei war das Singen vom Moderieren nicht immer eindeutig zu unterschieden: In «Simple Twist of Fate» etwa, dem Song von Bob Dylan, schien er nicht sonderlich auf den Fährnissen zu bestehen, die der Protagonist des Lieds erlebt; sondern mehr interessiert, mit Leichtigkeit und Stil darüber hinwegzugehen.

Passend liess die neunköpfige Band die Musik abschnurren, in immer neuen Varianten einer leichten Popklassik und so lange, bis man sich fragte, was der singende Mann da oben auf der Bühne hinter seiner Dezenz wohl zu verbergen habe. Nun ja – alles, was an ihm nicht leicht und stilvoll ist. Der 71-Jährige war gekommen, um nichts mehr beweisen zu müssen, und er bewies auch nichts ausser seine Stilsicherheit darin. Ein irritierend tolles Konzert eines Mannes im Einklang mit seinem Abziehbild.

Fast ein Statement

Im Vergleich wirkte Grace Jones, eben 69 geworden, ambitionierter. Und angestrengter. Als wolle sie nochmals ein Statement machen – oder auch nur ihre Marke bewirtschaften –, begab sie sich obenrum nackt, aber angemalt, neuerlich aufs Feld der Körper- und Identitätspolitik: Sie war Todesbotin, Sonnen­göttin, Gospelmatrone oder auch Afro-Tuntschi im Bastrock. Aber weil das jeweils in erster Linie ein logistisches Problem der Umkostümierung war, wirkte der Auftritt wenn überhaupt, dann wie die Darbietung eines Statements. Es kann sein, dass die reale Grace Jones die Lücke nie ganz schliessen konnte, die sich hinter den ikonischen Fotos der Siebziger auftut, auf denen sie als androgyne Black-Power-Statue posierte. Die Bewegtbilder fielen auch in Montreux dahinter zurück; ihr Hauptwerk, das zeigte das musikalische Best-of-Programm, sind drei, vier Plattencover.

Auch die Show von Solange war nicht ohne Hänger. Aber wie sie die Musik ihres erfolgreichen Albums weiterentwickelte: Das war auch ein Plädoyer dafür, tänzerisch in Bewegung zu bleiben. «Rest in movement», hatte sie nach dem Tod der Tänzerin Trisha Brown getwittert. Nicht, dass Erykah Badu nach ihr steif aufgetreten wäre. Es war sogar virtuos, wie die First Lady des Neo Soul ihre Songs auf die Bühne und wieder davon weg schnippte, wie frei sie über ihr Material verfügte, über ihre Band und letztlich auch über das Publikum. Man spürte, dass der lockere Funkjam auf ein Handzeichen der Chefin jederzeit in eine futuristische Black-Music-Messe umschlagen könnte. Doch Badu zog es vor, einfach nur die Diva des Abends zu sein. So liess sie das Publikum wacker kopfnicken; nicht zuletzt in langen Ansprachen, die der politischen Unterrichtung dienten. Verdammter Blutmond.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2017, 20:24 Uhr

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