Sechs Deutsche und ein Heimspiel

Rammstein, wie sie rütteln, flackern und singen – und in Bern im ausverkauften Stade de Suisse ein grossartiges Konzert geben.

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Am Ende dann, nach zweieinviertel Stunden Musik, Feuer, Licht und schweren Gitarren, nachdem die Musiker auf Schlauchbooten durch die Menge gerudert sind, die sie buchstäblich auf Händen getragen hat, nachdem der letzte Akkord von «Ich will» verklungen ist – dann steht man benommen da, geschüttelt und gerührt. Und weiss wieder, warum Rammstein ihr Konzert im Berner Stade de Suisse in wenigen Stunden ausverkauft haben, 43’000 sind gekommen; warum ihr 10. Album in 14 europäischen Ländern von null auf eins geschossen ist; und warum die Band auf der ganzen Welt für etwas bekannt ist, wofür man eher Berlin toll findet oder die deutsche Fussballnationalmannschaft, aber nicht eine Rock-’n’-Roll-Band: wegen ihres Deutschseins.

Dieser Erfolg hatte sich bei ihnen nicht abgezeichnet. Als die Musiker in der DDR aufwuchsen, mit einem Bein im Gefängnis, weil sie nämlich Punk toll fanden, da war ihr Traum noch ein Ozean weit weg: einmal in den USA spielen zu dürfen. Heute füllen Rammstein mehrmals den Madison Square Garden, und auch ihre Konzerte sonstwo auf der Welt sind ausverkauft, von Japan bis Mexiko. Und alle Leute singen mit. Auch wenn sie den Text nicht einmal ansatzweise verstehen.

Nahe am Skelett gebaut

Wie ist es so weit gekommen? Weil das Sextett nach dem Mauerfall realisierte, dass es mit einer Kopie der westlichen Rockmusik keine Chance haben würde. Also besannen sich die Ostdeutschen auf eine Musik, die sie «Tanzmetall» nannten. Und die mehrere Elemente provokativ kombinierte: eine rüttelnd harte, nahe am Skelett gebaute Heavy-Metal-Musik; düstere, provokative, ja schockierende Texte, die umso greller klangen, als sie auf Deutsch vorgetragen wurden; die Vorstellung eines Rockkonzerts als einer Theatervorstellung; und den Einsatz von Licht, Feuer und darauf abgestimmter Choreografie, die auf eine maximale Wirkung kalkuliert war.

Der Einsatz all dieser Elemente dominiert auch das Berner Konzert vom Mittwochabend, das mit Händels «Feuerwerksmusik» einsetzt und mit den Zeilen aus dem neuen Album: «Ich kann auf Glück verzichten / weil es Unglück in sich trägt». Der Auftritt wird von einem exaltierten Publikum vom ersten Ton an gefeiert, als sei es der letzte. Als Mitte Mai das neue, unbenannte Album der Band erschien, reagierten viele verhalten, die neuen Stücke kamen ihnen vor wie die alten minus. Auch die deutsche Presse klang unbeeindruckt, ausgerechnet die «Frankfurter Allgemeine» warf Rammstein mangelnde Risikofreude vor.

Beim Konzert spielt das keine Rolle mehr, weil nicht nur bewährte Songs wie «Du hast», «Pussy» oder «Sonne» stadionfüllend funktionieren, sondern auch neue, im Lauf des Abends vorgetragene Lieder wie «Was ich liebe», «Ausländer» oder «Puppe», das beklemmende Stück über einen psychotischen Mann und seine Schwester. Er nimmt seine Medizin, während sie sich im Nebenzimmer prostituiert: «Sie kommen und sie gehen / Und manchmal auch zu zweit / Die späten Vögel singen / Und die Schwester schreit». So etwas geht in keiner anderen Sprache. Wie schade, dass Sänger Till Lindemann viel zu wenig gegen seine Kollegen ankommt, man ahnt die Texte mehr, als man sie versteht.

Finster und ironisch

Natürlich spielt die Band mit dem Grauen, besingt Lindemann den Mensch als Bestie, aber dann kommt es immer wieder anders, als man es erwartet. «Mein Teil» zum Beispiel handelt vom Kannibalen Armin Meiweis, bringt es aber fertig, humorvoll über seine Speise zu berichten. «Ausländer» erzählt vom Deutschen in fernen Ländern und karikiert in seinem Videoclip die Fantasien der AfD über dunkelhäutige Flüchtlinge. «Ohne dich», gegen Ende des Konzerts in einer fantastischen Version gegeben, hat mit Joseph von Eichendorff viel mehr zu tun als mit Metallica.

Was insofern passt, als Lindemann ihn zum Vorbild erklärt hat und sich selber als Spätromantiker versteht. Das klingt bei ihm dann so: «Ich werde in die Tannen gehen / dahin wo ich sie zuletzt gesehen / doch der Abend wirft ein Tuch aufs Land / und auf die Wege hinterm Waldesrand». Die Single «Deutschland» schliesslich, in die strategische Mitte des Konzerts gerückt, geht auch nicht so auf, wie der Titel glauben macht: «Deutschland», dein Atem kalt / So jung, und doch so alt / Deutschland, deine Liebe / Ist Fluch und Segen / Deutschland, meine Liebe / Kann ich dir nicht geben.»

Letzten Endes funktionieren Rammstein so, wie es die Berliner «TagesZeitung» bereits in den Neunzigerjahren kühl erkannte, als «herbeiinszeniertes Kasperletheater der Grausamkeit». Das klingt abschätzig, dabei fänden sie es wahrscheinlich amüsant, vergleichen sie ihre Show doch selber mit einer Geisterbahn. Ohnehin ist die Selbstironie der finster aufspielenden Deutschen mindestens so gross wie ihr inszenatorisches Talent.

Darum haben Rammstein in Bern auch ein grossartiges Konzert gegeben. Weil es alles bot, was dieses Genre dauernd verspricht und selten einlöst: Überschwang von Anfang bis zum Ende. Keine Gitarre zu viel, keine Feuersalve zu wenig, kein Song zu lang, keine Ansage zu umständlich, weil keine Ansage. In drei Worten gesagt, den einzig relevanten im Rock ’n’ Roll: keine Sekunde Langeweile.

Erstellt: 05.06.2019, 22:22 Uhr

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