Sie machen alles selbst

Peter Kernel ist keine Person, sondern der Name einer Tessiner Band. Diese glaubt ans Do-it-yourself – und weitet auf dem grossartigen neuen Album den experimentellen Indie-Rock aus.

Unterwegs: Aris Bassetti (l.), Barbara Lehnhoff (r.) und Tourdrummer Vitti (M.) unter der Zürcher Hardbrücke. Foto: Samuel Schalch

Unterwegs: Aris Bassetti (l.), Barbara Lehnhoff (r.) und Tourdrummer Vitti (M.) unter der Zürcher Hardbrücke. Foto: Samuel Schalch

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Sie kommen mit Verspätung in Zürich an. Nicht wegen eines irregeleiteten Navigationsgeräts oder Staus am Gotthard. Barbara Lehnhoff und Aris Bassetti mussten zu Hause in Lugano noch ihre neuen Platten verpacken und verschicken, da kann man schon mal die Zeit vergessen. Also rasch raus aus dem Minibus, eine Zigarette rauchen, posieren für den Fotografen – nicht, wie üblich, nur zu zweit, sondern mit ihrem Tourdrummer Vitti –, dann wieder rein ins Gefährt. Denn man kann ja auch unterwegs zum SRF-Radiostudio, wo am Nachmittag ein weiterer Interviewtermin ansteht, über die Band und das neue Album «The Size of the Night» sprechen.

Ja, vielleicht passt das Gespräch im Van gar besser zum Wesen von Peter Kernel. Konstant sind sie unterwegs, vor allem im Ausland. In Italien, Frankreich und Belgien mag man ihren rauen und experimentellen Indie-Rock, der in den frühen Jahren Erinnerungen an Sonic Youth oder die Riot-Grrrl-Szene weckte.

Am Anfang stand ein Film

Peter Kernel mussten jenseits der Grenzen eifrig touren, bis sie in der Schweiz für Konzerte gebucht und 2015 für den Schweizer Musikpreis nominiert wurden. «Wir sind als Tessiner etwas abgesondert vom Rest der Schweizer Musiklandschaft», sagt Sängerin und Bassistin Barbara Lehnhoff aus dem Rückraum des Autos. «Aber wenn man von der Musik lebt, muss man im Ausland Konzerte spielen. Für uns ist das normal.»

Seit 2006 bilden Lehnhoff und der Gitarrist Aris Bassetti das Duo: «Ich spielte bereits in einer Band, und Barbara war gerade dabei, einen Experimentalfilm zu beenden», erinnert sich Bassetti, der ursprünglich Grafiker ist. Noch fehlte die Musik, doch als seine Songs die Stimmung des Films bestens einfingen, fragten sie sich: «Vielleicht funktionierts ja, wenn wir gemeinsam Musik aufnehmen.» Auch, weil sie sich gegenseitig ausgleichen, korrigieren: «Ich bin die Lärmige», meint Lehnhoff heiter, «und Aris ist jener mit den süssen Melodien.»

Eröffnet das neue Album: «There's Nothing Like You» von Peter Kernel. Video: On the Camper Records (Youtube)

Seither existiert Peter Kernel. Und seither kümmern sich Lehnhoff und Bassetti um alles selbst: um die T-Shirts, die sie selbst gestalten. Um die Clips, die sie selbst drehen. Um die Aufnahmen und Produktion ihrer Musik – und schliesslich auch um die Veröffentlichung auf ihrem eigenen Label On the Camper Records. «Du kannst so alle Schritte kontrollieren, und du weisst auch, wie das ganze Projekt in all seinen Details funktioniert. Niemand kann etwas von dir stehlen», sagt Bassetti über die Vorteile des von ihnen gelebten Doit-yourself-Ethos, während er die Fahranweisungen der italienischen Navi-Stimme befolgt. Und natürlich, so Lehnhoff, sei es für sie der einzige Weg, von der Musik zu leben. «Wenn wir nur schon einen Regisseur für unsere Clips bezahlen müssten, wäre Peter Kernel in dieser Form unmöglich.»

Setzen sie sich denn auch Grenzen? «Die haben wir nur schon, da wir ja bloss zu zweit sind.» Diese Limitierung engte das Paar, das mit dem Projekt Camilla Sparksss auch so etwas wie eine böse elektronische Zwillingsschwester von Peter Kernel erfand, zunehmend ein. Sie suchten nach Möglichkeiten, ihren Gitarren-Bass-Schlagzeug-Sound nach drei Platten auszuweiten. Befreundete Musiker wurden eingeladen, die mit ihren früheren Songs improvisierten und als Wicked Orchestra auftraten. Peter Kernel lernten so neue Sounds und Klangfarben kennen. «Früher wollten wir immer laut sein, nun schätzen wir auch das Stille», sagt Bassetti.

Pop, der die Nacht fassen will

Es ist diese neue Dynamik, diese neuen Möglichkeiten, die «The Size of the Night» zu einem so aussergewöhnlichen und reichen Album machen. Da ist eben nicht mehr nur das Harsche und Widerspenstige, das früher die Musik von Peter Kernel bestimmte. Sondern auch Popsongs, die traumähnlich durch die Nacht navigieren und diese zu fassen versuchen. Man reist als Hörer quasi durch die Aufwallungen, die die dunklen Stunden mit sich bringen können. «Die Nacht bietet ja Raum für Momente, in denen man wächst, sich auch neu aufladen und die Dinge aus anderen Perspektiven beleuchten kann», sagt Lehnhoff. Mit «The Size of the Night» versuchen Peter Kernel auch, den Tod ihres Tontechnikers und Mentors zu verarbeiten, wie Bassetti erzählt: «Wir fanden einen Weg, wie wir die Trauer exorzieren konnten – und wir fanden zu unserer Überraschung eine Musik, die in gewissem Sinne fröhlicher klingt als unsere früheren Alben.» So wie der Song «Terrible Luck», der entspannt und beinahe verspielt klingt.

Fröhlicher als früher: Peter Kernels «Terrible Luck». Video: On the Camper Records (Youtube)

Aber was ist das eigentlich für ein Kerl, dieser Peter Kernel? «Erst hiessen wir El Toco – und wurden regelmässig als Salsa-Trio angekündigt», sagt Bassetti lachend. «Wenn du Rock spielst, ist ein Salsapublikum das Schlimmste, was dir passieren kann», ergänzt Lehnhoff. So erfanden sie Peter Kernel, dieses heitere und dennoch ernste Wesen. Das sich nun, angekommen auf dem Radioparkplatz, entspannt Zigaretten ansteckt. Um gleich wieder weiterzuziehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.03.2018, 11:00 Uhr

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