Sie machen Kindergeburtstag für Erwachsene

Das neue Album der Band Deichkind ist das schlaueste und lustigste Popkunstspektakel der vergangenen 30 Jahre.

Immense Strahlkraft: Deichkind mit Philipp Grütering alias Kryptik Joe, Sebastian Dürre alias Porky und Henning Besser alias La Perla (von links). Foto: Keystone

Immense Strahlkraft: Deichkind mit Philipp Grütering alias Kryptik Joe, Sebastian Dürre alias Porky und Henning Besser alias La Perla (von links). Foto: Keystone

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Wenn es im Pop so etwas gäbe wie die Fields-Medaille in der Mathematik, nicht bloss diese Lebenswerk- und Meistverkauft-Preise, sondern einen richtigen Preis dafür, dass es einem gelungen ist, ein bis dahin unlösbar erscheinendes Problem gelöst zu haben – wenn es so einen Preis gäbe, dann müsste ihn in diesem Jahr die Band Deichkind bekommen. Für den Song «Wer sagt denn das?», der auch der titelgebende Song des eben erschienenen, siebten Deichkind-Albums ist.

«Wer sagt denn das?» ist nämlich – darunter geht es leider nicht – der cleverste Popmusiksong, der in deutscher Sprache je geschrieben wurde. Und das bislang unlösbar erscheinende Problem, das er löste, war, wie man einen grossen kritischen Popsong macht aus dem kaputten Karma Deutschlands, aus Rechtsruck und Fake-News-Hysterie, aus Verunsicherung, Verrohung, Spaltung und so weiter.

Einen Song also, in dem das alles drin ist und der trotzdem keine öde Ode gegen das Böse und für die Guten ist. Eher schon bringt er es fertig, dass man als Hörer am Nasenring der eigenen Selbstgerechtigkeit in die Moshpit-Manege springt. Wer sagt denn das? «Alexa und Siri, die Cloud und dein Boss / Die stille Post und die Stimmen in deinem Kopf / Der Guru, die Trainer, der TÜV und der Mob / Der hats von Tinder und die habens von Gott».

Auf dem schmalen Grat zwischen dumm und schlau

Der Text steht dabei in robustem Gegensatz zur Musik, die oft allzu routiniert lapidar als Elektropunk bezeichnet wird. Ein bisschen näher ist man dran, wenn man versucht, sich vorzustellen, wie es klingen könnte, wenn man Hip-Hop-Beats mit einem Presslufthammer in einem Öltanker fabriziert. Im Wesentlichen sind Deichkind-Tonspuren Kirmestechno-Parodien getarnt als Kinderdiscomusik, mit Swing und Stil und krachend unsubtil.

Sitzt man Philipp Grütering alias Kryptik Joe, Rapper, Beat-Tüftler, Songwriter und mittlerweile einziges verbliebenes Urmitglied der 1997 in Hamburg gegründeten Band, in einem zugigen marokkanischen Imbiss in Berlin-Kreuzberg bei einer Gemüsesuppe gegenüber, erlebt man einen so freundlichen wie nachdenklichen Mittvierziger. Er redet gern darüber, wie Deichkind-Songs nicht nur in Teamarbeit mit Henning Besser und den beiden anderen festen Mitgliedern, dem Rapper und Bassisten Sebastian Dürre alias Porky und dem Produzenten Roland Knauf, entstehen, sondern auch mit Schriftstellern, Songwritern und begnadeten Sprücheklopfern wie Gereon Klug, Rocko Schamoni oder Maurice Summen, die aus dem Hamburger Intellekto-Indiepop kommen.

«Wer sagt denn das?», der Titelsong des neuen Albums von Deichkind. Video: DeichkindTV (Youtube)

Zufall ist da nichts, alles eher Ergebnis des ständigen Wandelns der Komplizen auf dem «schmalen Grat zwischen dumm und schlau». Oder auch: «Manchmal sind Songideen zu dumm und ballermannmässig, und manchmal zu arrogant und unsympathisch, zu hochtrabend, zeigefingermässig.» Der neue Song «Tausend Jahre Bier» sei in dem Sinn übrigens echt ein Grenzfall, eigentlich zu «monothematisch», genau wie Reime wie «drei Liter Malz / rein in den Hals». Aber als Zeilen dann auch wieder zu gut, um sie liegen zu lassen. Wer auf dem schmalen Grat zwischen dumm und schlau wandelt, der darf sich im Zweifel nicht dafür schämen, dem Zeigefinger der Moral beherzt mit einem Fass Bier in die Parade zu fahren.

Im strengen Sinne schön ist das alles folglich nicht, aber so geschmeidig dahinpalavert, wie es in der deutschen Sprache eigentlich nicht vorgesehen ist.

Und genau diese Karambolage ist der Trick, genauso wie die seit über zehn Jahren von Band-Mitglied Henning Besser alias DJ Phono alias La Perla konzipierte knallbunt-eklektische Ikonografie der Band aus selbst gemachten Mülltüten-Kostümen, neonfarbig beschmierten Gesichtern, Popart-Anspielungen aller Art und leicht tapsigen Boygroup-Choreografien von Rappern mit Bierbäuchen. «Kindergeburtstag für Erwachsene» hat die Band ihr Konzept selbst einmal genannt, das stimmt schon, auch wenn es ein Kindergeburtstag ist, den ein ganzes Team popkulturell überinformierter und erbarmungslos selbstironischer Popart-Nerds sehr lange geprobt hat.

Brachiale Sublimität

Auf einer früheren Tour klebte die Band grosse orangene Plakate in die Halle, auf denen unter der Überschrift «UiUiUiUiUi» vor der Lautstärke und Allergiker vor Experimenten mit Daunen gewarnt wurde. Es endete mit dem Satz: «Wenn jeder auf den nächsten Rücksicht nimmt und ihn so sein lässt, wie er sein möchte, wenn man dem Anderen mit einem Idealmass an Güte und Strenge begegnet, könnte das schon eine Vorübung für eine kommende, bessere Gesellschaftsform sein.»

Deichkind ist nicht einfach ein schmerzfrei eskapistischer Pop-Exzess. Es ist nicht zuletzt an Jenny Holzers Slogan-Konzeptkunst geschulte Performance-Kunst, nur eben mit dem zart paradoxen Haken, dass man deren Grösse eigentlich erst am unerträglichsten Ort in voller Pracht gewahr werden kann: vor fünf- bis zehntausend impulsiven Menschen in einer deutschen Mehrzweckhalle, die die Band seit Jahren mühelos und oft am selben Ort mehrfach ausverkauft füllt.

Auch vom neuen Album: «Richtig gutes Zeug». Video: DeichkindTV (Youtube)

Brachiale Sublimität, wenn man so will. Wenn man sie nicht kapiert, ist man nur umso mehr ein Teil von ihr. Das letzte Album «Niveau weshalb warum» war vor vier Jahren entsprechend auf dem ersten Platz der deutschen Album-Charts und verkaufte sich sogar mehr als 200'000-mal: sehr ungewöhnlich in Zeiten, in denen Popmusik bei Streamingdiensten abonniert, aber nicht mehr einzeln gekauft wird.

Lakonischer Ritt auf der Konsumlawine

Spätestens seit dem fünften Album der Band, das sich todesmutig in genau den Abgrund stürzte, der sich eben so auftut zwischen Party-Brechern wie «99 Bierkanister» und der sardonischen Selbstoptimierungshymne «Bück Dich hoch», war das zu beobachten. Titel der Platte, die 2012 erschien: «Befehl von ganz unten».

Hier und da wurden genau deshalb immer mal wieder Abgesänge angestimmt, die Band habe ihr Ding doch längst in den Mainstream totgeritten. Aber das Album «Wer sagt denn das?» ist alles andere als ein Aufguss. Im Gegenteil. Es ist nicht nur mit dem Titelsong, sondern mit Hits wie «Richtig gutes Zeug», «Keine Party» oder «Dinge» der Höhepunkt dieses Gesamtwerks.

Dazu gehören auch die Clips, die selbst im besten Sinn mehr Videokunst als Musikvideos sind. Das Video zu «Richtig gutes Zeug» etwa ist ein so anspielungsreicher wie lakonischer Ritt auf der Konsumlawine. Im Berliner Edel-Kaufhaus KDW und im Baumarkt, in Kostümen, an denen alles zu gross und zu viel ist und nichts zusammenpasst. Der Theaterstar Lars Eidinger spielt dazu das aberwitzige Youtube-Video-Meme eines Betrunkenen nach, der mit aller Kraft versucht, sich an der Tür eines Späti-Kühlschranks festzuhalten, obwohl er die Kontrolle über seine Beine längst verloren hat. Was für ein Bild.

Überhaupt Eidinger. Als schambefreitester oder einfach freiester und mutigster Schauspieler seiner Generation ist er für die Deichkind-Welt die Idealbesetzung. Das Video zu «Keine Party» zeigt nur ihn, wie er als manischer Springteufeltechnotänzer zu einem maximal stumpfen Beat durch Berlin irrlichtert.

Mit anderen Worten: Jetzt ist erst in voller Pracht zu sehen, was da Unglaubliches gelungen ist: das schlaueste, lustigste, kompromissloseste deutsche Popkunst-Spektakel der vergangenen 30 Jahre. Mindestens.

Deichkind: Wer sagt denn das? (Sultan Günther Musik / Irascible)

Erstellt: 30.09.2019, 14:39 Uhr

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