Sie wollen bloss die Herzen brechen

Die Backstreet Boys feiern noch immer Grosserfolge. Warum das der Boygroup gelingt? Man hat es im ausverkauften Zürcher Hallenstadion erfahren.

Backstreet's Back! Brian, Nick, Kevin, AJ und Howie im Zürcher Hallenstadion. Foto: Reto Oeschger

Backstreet's Back! Brian, Nick, Kevin, AJ und Howie im Zürcher Hallenstadion. Foto: Reto Oeschger

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Oh my god, da sind sie wieder. Oder besser: Immer noch. Denn die fünf Backstreet Boys – Brian, Nick, AJ, Howie und Kevin – die am Freitagabend im ausverkauften Hallenstadion singen und tanzen: sie sind ja längst keine Buben mehr, sondern Männer im recht reifen Alter.

Mit ihnen sind natürlich auch die Fans, jene einst so schrill kreischenden Teenies, der eigenen Jugend entwachsen. Aber nochmals Schwärmen von AJ (sein Bad-Boy-Image!), oder vom bald 40-jährigen Bandjüngsten Nick, dem blonden Herz, der alle typischen Abstürze eines Kinderstars überlebt hat und unlängst mit einem Vergewaltigungsvorwurf konfrontiert wurde, muss bereits bei der Konzertanreise drinliegen. Denn wisst ihr noch, wie wir früher Plakate gemalt und die lebensgrossen Bravo-Starschnitte gesammelt und an den Konzerten gekreischt haben? Ja, eben, so waren die Zeiten in den fernen Neunzigerjahren.

Die Boys sind längst keine Buben mehr: Die Backstreet Boys. Foto: Reto Oeschger

Im Hallenstadion selber herrscht denn auch eine schön aufgekratzte und ausgelassene Polterabendstimmung; einzelne Fangruppen tragen verblichene Shirts mit den Konterfeis der Buben und kaufen Backstreet-Boys-Neonröhren, es werden Gruppenselfies geschossen und weil es heute anders als früher nicht gleich um das Existenzielle geht, wirkt die Perspektive auf das damalige Fantum bei Einzelnen nicht mehr verbissen, sondern auch ironisch gebrochen.

Aber nicht, dass hier nur ein rein nostalgisches 90ies-Revival im Gange wäre. Die Backstreet Boys sind vielmehr die einzige Boygroup aus den goldenen Teenpop-Neunzigern, die noch immer produktiv ist und das Hit-Erbe nicht nur verwaltet. Im Januar erschien ihr neues Album «DNA»; in den USA und auch hierzulande erreichte es locker die Hitparadenspitze. Das Album versammelt Songs, die fast keinen berufsjugendlichen Trick der Popgegenwart mitmachen, weil die erfolgreichste Boyband der Geschichte selber am besten weiss, dass die heutigen Teenager längst weitergezogen sind: zu globalisierten K-Pop-Bands wie BTS, zum Hip-Hop, zu jungen Popköniginnen wie Ariana Grande.

Die Band ist grösser als der Einzelne. Foto: Reto Oeschger

Die Backstreet Boys haben ja auch überlebt, weil sie nie um Coolness-Punkte gebettelt haben, was am Konzert an ihren Klamotten aus der Bad-Taste-Party-Mottenkiste ablesbar ist. Vielleicht existieren sie auch deshalb noch, weil sie keine alles überragende Figur in ihren Reihen haben. Kein Robbie Williams, der es bei Take That nicht lange ausgehalten hat (und deren «Greatest Hits»-Tour sie in einer Woche ebenfalls ins Hallenstadion führen wird). Kein Justin Timberlake, der mit *NSync seinerzeit die grossen Rivalen der Backstreet Boys anführte – obwohl auch jene Band im Boygroup-Stall des zwielichtigen Managers Lou Pearlman designt wurde.

Vielmehr blieben die Boys aus Florida zusammen, weil nur zusammen erreichen sie jene Superhelden-Grösse, die sie am Freitag im Video-Würfel-Konzertintro zelebrieren. Wenn sie dann leibhaftig erscheinen, wird immer noch ohrenbetäubend laut gekreischt, es wird geschwelgt, und zum Smartphone gegriffen. Vor allem dann, wenn sich die Fünf während der angesexten Nummer «New Love» ab dem neuen Album in den Schritt greifen. Oder wenn ihre grosse Lichtshow für einmal pausiert – und AJ und der Bandälteste Kevin in Chippendales-Manier Stripeinlagen andeuten (und Unterhosen ins Publikum schmeissen).. Versaut ist das dennoch nicht, weil die Backstreet Boys fast schon keusch wirken; sie wollen ja bloss die Herzen der Teenagerinnen brechen – oder zumindest zum Schmelzen bringen.

Glitzer muss auch sein: Die Backstreet Boys künden sich an. Foto: Reto Oeschger

Warum ihnen das gelungen ist und noch immer gelingt: das liegt an der beeindruckenden Hitdichte aus 26 Karrierejahren. An den grossen Superballaden wie «Quit Playing Games (with My Heart)», «Show Me the Meaning of Being Lonely», «Incomplete» und «I Want It That Way». An den Nonsens-Tanzsongs wie «We’ve Got It Goin’ On» und «Everybody (Backstreet’s Back)», jenen Schlagern aus der Songfabrik des schwedischen Popgenies Max Martin, dem mit Abstand einflussreichsten Songwriter der jüngeren Popgeschichte.

Und weil der Gesangsvortrag der Backstreet Boys im Hallenstadion makellos ist, erscheinen die Fünf unkaputtbar. Oder wie ihr letzter Song heisst: «Larger than Life». Dazu: Feuerwerk und Papierschlangen. Und noch einmal kreischen. Oh my god!

Erstellt: 22.06.2019, 07:21 Uhr

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