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Singen, kreischen, T-Shirts kaufen

Niall Horan wurde mit der Boygroup One Direction zum Star. Jetzt ist er solo unterwegs – auch in Zürich wurde er frenetisch gefeiert.

Der Ire Niall Horan ist derzeit auf seiner ersten grossen Solo-Tournee. Bild: David Wolff-Patrick/Redferns/Getty Images
Der Ire Niall Horan ist derzeit auf seiner ersten grossen Solo-Tournee. Bild: David Wolff-Patrick/Redferns/Getty Images

Er singe jetzt ein Stück seines Lieblings-Songwriters, kündigte Niall Horan nach einem Drittel seines Sets an: «Singt bitte mit, und wenn ihr es nicht kennt, klatscht einfach schön im Takt.» Was folgte, war «Dancing in the Dark» von Bruce Springsteen – und die Erkenntnis, wie rasch doch die Zeit vergeht.

Als Springsteen den Song herausbrachte, war Niall Horan noch längst nicht geboren, und sein Publikum erst recht nicht. 24 ist der Ire nun, ein Superstar als One-Direction-Mitglied, ein Neuling als Solosänger, der sich allerdings auf die «Directioners» verlassen kann. So nennen sich die Fans der erfolgreichsten Boygroup der letzten Jahre, die offiziell pausiert, aber wohl nicht mehr zusammenkommt. Ihre Mitglieder sind nun nicht mehr in einer, sondern in ganz unterschiedlichen Richtungen unterwegs: Zayn Malik, der als Erster ausgestiegen ist, macht R ’n’ B; Harry Styles hat kürzlich auf seiner Welttournee auch im ausverkauften Basler St.-Jakob-Stadion gezeigt, dass ihm Rock lieber ist als Pop.

Und nun also Niall Horan: 20,6 Millionen Follower auf Instagram, Tausende von ihnen in der rappelvollen Halle 622 in Oerlikon. Wärmefolien vor dem Eingang verraten, dass einige die Nacht vor dem Konzert hier verbracht haben. Teenagermädchen, zweifellos, das Publikum ist denkbar homogen. Nur vereinzelte Boyfriends sind mitgekommen, dazu einige Eltern (auch die Kritikerin wäre ohne die 15-jährige Tochter wohl nicht da gewesen). Wer kein Teenie ist, kennt Niall Horan kaum.

«You’re a lovely crowd»

Aber dann singt er eben Springsteen, und die Mütter und Väter nicken sich zu: Doch, der kann was. Fotogen sein reicht längst nicht mehr aus für eine Boygroup-Karriere. Horan hat eine starke Stimme, nicht sehr wandelbar, aber charakteristisch und charismatisch; auch als Gitarrist hat er einiges zu bieten. Und als Songwriter wird er sich machen; noch ist das Material des ersten Albums «Flicker» eher knapp für einen 90-Minuten-Auftritt, die prägnantesten Stücke werden dramaturgisch geschickt am Anfang und am Schluss gruppiert. Dazwischen gibt es ein bisschen viel langsame Tempi und ähnliche Melodien. (Falsch, widerspricht die Tochter: «Wenn du mitsingen könntest, würdest du merken, dass auch die ganz verschieden sind.»)

Niall Horan selbst würde vielleicht sogar der Mutter zustimmen, jedenfalls entschuldigt er sich für die vielen «sad songs», «jetzt gehts gleich wieder ab». Sympathisch ist er, unprätentiös, nett zu den Fans: «You’re a lovely crowd.»

Die Fans sind ja auch nett zu ihm oder besser gesagt: enorm grosszügig. Bei Springsteen können sie zwar tatsächlich nur klatschen, aber sonst singen sie das ganze Programm mit, schwenken Smartphones und Irland-Fähnchen, kreischen und plündern den Merchandise-Stand (sie habe nur 100 Franken dabei, klagt eine; das reicht für zwei T-Shirts und einen Schlüsselanhänger, immerhin).

Schon Stunden vor Horans Auftritt war die Stimmung ausgelassen, geradezu festlich. Beim Warten in der Schlange, beim Warten vor der Bühne und natürlich beim Vorkonzert der 24-jährigen Amerikanerin Julia Michaels, die sich

als Songwriterin für Selena Gomez oder Justin Bieber einen Namen gemacht hat und nun den Sprung auf die Bühne wagt: mit einer kraftvoll fragilen Stimme, gekonnt knappen Arrangements und einem schon fast herzergreifenden Strahlen angesichts der Begeisterung, mit der sie hier empfangen wird.

Horan hätte da gar nicht mehr viel zu tun brauchen, er tut es aber dennoch. Wechselt die Gitarren, sucht den Kontakt zum Publikum, setzt sich zwischendrin ans Klavier für einen Song, der es nicht aufs Album geschafft hat (die Fans kennen ihn trotzdem, die Tournee läuft schon eine Weile, und das digitale Buschtelefon funktioniert). Mal sind die Arrangements intim, dann wieder gibt die Band Schub: Fünf Leute sind es, darunter ein Geiger für die besondere Farbe, und eigentlich hätten sie eine Vorstellung verdient. Aber sie bleiben namenlos an dem Abend, fertig Boygroup-Groove, jetzt geht es um den einen.

Leicht retro, also trendy

Zwei Songs von One Direction singt Niall Horan dann doch. Sie fallen kaum auf, er ist näher am Stil der Gruppe geblieben als seine Kollegen. Aufgerauter Softpop, ein bisschen retro, also trendy – das liegt ihm. Und es lässt sich problemlos von der CD in den Konzertsaal übertragen, in leicht anderer Reihenfolge, mit minimen Varianten beim Gesang, etwas grösseren bei der Begleitung. Auch da zeigt sich der Profi: Er bietet, was man von ihm will. Aber so, dass es persönlich wirkt.

Am Ende fügen sich die Scheinwerfer dann endlich zu jenem NH, das man von Anfang an erwartet hat. Dann wickelt sich Niall Horan noch kurz in eine Schweizer Flagge, und weg ist er. Die Fans dagegen: hin und weg.

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