So bodenständig war Polo Hofer

Konzerte mit dem bekanntesten Mundartsänger der Schweiz zu veranstalten, war einfach und unkompliziert. Eine Erinnerung.

Legende ohne Starallüren: Polo Hofer im Restaurant Aarbergerhof in Bern, im September 1990.

Legende ohne Starallüren: Polo Hofer im Restaurant Aarbergerhof in Bern, im September 1990. Bild: Alessandro della Valle/Keystone

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Die meisten Musiker habe ich als Musikjournalist kennengelernt. Nicht aber Polo Hofer. Ihm begegnete ich zweimal, weil ich Konzerte mit ihm mit veranstaltete. Das erste Mal war am 30. Januar 1999 in der Zwischenbühne, einem kleinen Konzertlokal in Horw bei Luzern, in dem ich in meiner Freizeit mithalf und vieles von dem lernte, was ich über Musik weiss und darüber, wie sie hergestellt wird. Wir organisierten damals eine Nacht, in der zahlreiche Schweizer Musikerinnen und Musiker die Songs von Bob Dylan interpretierten, und über den Gitarristen Hank Shizzoe, der die Hausband leitete, hatten wir auch scheu bei Polo Hofer anfragen lassen, ob er denn nicht auch kommen wolle. Er wollte. Und er wollte nicht einmal mehr Geld als alle anderen, die auch kamen. 200 Franken pro Song.

Für dieses Geld übersetzte Polo Hofer vier Songs, probte mit der Band von Hank Shizzoe an zwei Tagen und fuhr dann gemäss meinem handgezeichneten Kroki nach Horw. Mit anderen Worten: Wer da kam, das war kein Star, und das war auch kein kiffender Althippie, wie ihn manche vielleicht erwartet hatten. Sondern das war ein Liebhaber und Profi, was, wie sein Beispiel veranschaulichte, gewiss kein Widerspruch ist, im Gegenteil. Ohne auch nur einen einzigen Sonderwunsch anzubringen, teilte Polo Hofer den winzigen Backstagebereich mit allen anderen, meist viel weniger prominenten Musikerinnen und Musikern. Und unvergesslich ist, wie er davor warnte, dass an der Kasse bestimmt allerhand Leute auftauchen würden, behauptend, dass sie Polo kennen und gratis rein könnten. Ich solle sie mit seinem Segen wegweisen: «Selbst falls ich sie kenne, hätten sie halt reservieren sollen.»

Er wolle es gut machen heute, sagte er, und er war nervös.

Dann ging das Konzertprogramm los. Polo Hofer hörte vom Seiteneingang zu oder zog sich in die Garderobe zurück, wenn ihm etwas nicht gefiel. Bis er, sehr spät, wohl um Mitternacht dran war, blieb er sozusagen nüchtern, trank vor seinem Auftritt vielleicht zwei Gläser Rotwein, also für seine Verhältnisse nichts. Er wolle es gut machen heute, sagte er, und er war nervös. Dann ging er raus, sang seine Versionen von «Highway 61 Revisited», «Just Like A Woman», «Man In the Long Black Coat» und, im Duett mit Shirley Grimes, auch noch «If Not For You». Polo Hofer war grandios an dem Abend (und ich kann das anhand der Aufnahmen vom Mischpult auch ganz leicht beweisen). Danach trank Polo noch mehr vom Rotwein, etwas zügiger jetzt, nahm seine acht Hunderternötli entgegen, fuhr mit der Band im Bus nach Hause und hinterliess beeindruckte und umso zügiger dem Bier zusprechende Horwer Veranstalter.

Vielleicht zwei Jahre später wars, als Polo Hofer wiederkam. Er spielte in jenen Jahren regelmässig mit seiner eigenen Band im «Stadtkeller», einer Beiz in der Luzerner Altstadt, und sang alle seine Hits. Aber diesmal hatte er, wieder mit Hank Shizzoes Band, ein Bluesprogramm erarbeitet, mit alten Knüllern von Howlin' Wolf, Muddy Waters oder Bo Diddley – etwas, das er im «Stadtkeller» nicht hätte spielen können, weil dort, wie er erklärte, alle nach «Alperose» gerufen hätten. Also kam er nach Horw, und wir waren etwas stolz und hatten extra ein Plakat gestaltet, auf dem die alten Bluesmänner zu sehen waren.

Bodenständiger Perfektionist

Polo war wieder wie beim ersten Besuch, freundlich, unkompliziert, und dass das Haus mit seinen etwa 250 Plätzen nicht ausverkauft war, schien ihn nicht sonderlich zu stören. Er wollte Blues spielen. Und tatsächlich, die Band und ihr Sänger gaben ein rohes, kraftvolles Bluesset (was ich nicht beweisen kann).

Nach dem Konzert tranken wir noch etwas Wein und Bier, und Polo sagte, es habe ihm wieder schampar gefallen, aber etwas müsse er kritisieren, das finde er unprofessionell: «Wenn ihr meinen Grind aufs Plakat getan hättet, wäre die Bude voll gewesen.» Er hatte natürlich Recht. Dann verabschiedete er sich sehr nett und war weg. Der Musikliebhaber, aber eben auch Vollprofi. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2017, 09:09 Uhr

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