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So klingt Pop im Zeitalter des Algorithmus

Grimes ist die Cyber-Pop-Königin der Gegenwart, ist mit Tesla-Chef Elon Musk zusammen und spielt die digitale Schurkin exzellent. Ihr neues Album kündet von der Zukunft des Pop.

Joachim Hentschel
Quecksilbrige Cyber-Pop-Königin: Grimes alias Claire Boucher. Foto: PD
Quecksilbrige Cyber-Pop-Königin: Grimes alias Claire Boucher. Foto: PD

Die Geschichte passierte 2009, kurz bevor Claire Boucher zu einem der digitalsten Pop-Superstars unserer Zeit wurde. Und man würde sie gar nicht extra erzählen, wenn sie nicht eine so herausragende Eigenschaft hätte: Die Anekdote ist von vorn bis hinten analog.

Denn es begab sich zu der Zeit, als Claire Boucher – aus Vancouver, Kanada, Jahrgang 1988 – in Montreal Neurowissenschaften studierte, nachts im Bett «Die Abenteuer des Huckleberry Finn» las und dann einen Freund überredete, mit ihr die Fahrt über den Mississippi nachzuspielen. Im Schopf eines Kumpels schreinerten sie ein altertümliches Motorfloss, luden eine Nähmaschine, zehn Kilo Kartoffeln und ein paar lebendige Hühner an Bord. Sie stachen im Juni 2009 von Minneapolis aus in See.

Sie kamen nicht ganz bis New Orleans. Schon nach wenigen Flussbiegungen ging der Aussenbordmotor kaputt. Mehrfach tauchte die Polizei auf, beschlagnahmte am Ende das Floss, steckte die Hühner ins Tierheim. Boucher und ihr Freund mussten die Fahrt nach Süden mit dem Bus vollenden. «Die Idee mit Tom Sawyer fand ich ja ganz schön», zitierte eine Lokalzeitung damals einen der beteiligten Polizisten, «aber wir haben nun mal nicht mehr 1883.»

Ihr bekanntester Song: «Oblivion» aus dem Jahr 2012. Video: Grimes

Wie nahe 1883, also die frühe Industrialisierung, und 2020 oft beieinanderliegen, ästhetisch und mental, weiss jeder, der schon einmal eine Craft-Beer-Bar besucht hat. Trotzdem hat Claire Boucher sich in den elf Jahren seit dem Mark-Twain-Reenactment künstlerisch eminent weiterbewegt.

Heute, mit 31, nennt sie sich Grimes, verfügt über ganze Schockmengen digitaler Gesichter, Haarfarben und Charakterprofile. Claire Boucher ist Musikerin, Sängerin und Social-Media-Slam-Poetin, Videoregisseurin, Grafikdesignerin. Entsprechend klingt der Pop von Grimes – eine auf Anhieb kaum verschlagwortbare Interferenz aus süssem Pop, Clubsound-Krawall und ausserirdischer Esoterik. Ihre Songs leiten wenig Ruhm aus Verkaufsmengen oder Chartplatzierungen ab – dafür umso mehr aus Zahlen, die man eher in den Monitoringberichten von Content-Agenturen suchen würde: Social-Media-Interaktionen, Bewegtbild-Reichweiten, Follower-Statistiken.

Grimes' letztes Album «Art Angels» war voller knallbunter Hits, verkaufte sich seit 2015 in den USA dennoch nur 50'000-mal. Allein das Instagram-Foto vom 9. Januar 2020, auf dem sie im japanischen Gewand und mit Rapunzelzöpfen ihren schwangeren Bauch zeigt, hatte dagegen zuletzt fast 270'000 Likes.

Einer der neuen Songs: «Violence». Video: Grimes

Grimes veröffentlicht nun ihr fünftes Album «Miss Anthropocene», aber vorher noch schnell die Information, auf die viele atemlos warten: Seit 2018 ist sie mit dem Unternehmer Elon Musk zusammen, der nicht nur Tesla erfunden hat, sondern auch mit eigenen Raketen zum Mars fliegen und Menschen durch eine Luftkissenröhre von San Francisco nach Los Angeles schiessen will.

Niemand wird bestreiten, dass es für Grimes' Kunst hochgradig egal ist, was der Vater ihres ungeborenen Kindes beruflich macht, aber trotzdem ist die Situation höchst suggestiv. Da sitzen sie also beisammen, wie vor elf Jahren die zwei verlorenen Technologie-Nostalgiker auf dem Mississippi: Musk, der Heureka-Mann der ganz neuen New Economy, und Grimes, die quecksilbrige Cyber-Pop-Königin. Man erkennt Potenzial für wunderbar kreative Synergien, die viele kulturelle Grenzen transzendieren könnten.

Wird menschliche Kreativität bald obsolet?

Oder, und der misogyne Einwand kommt leider oft: Man sieht nur die Frau, die ihre Glaubwürdigkeit fürs Leben mit dem Milliardenmann opfert. Allerdings stürzt sich die Figur Grimes gern selbst in jede Social-Media-Debatte, die etwas Hass verspricht, zu Themen wie LSD, Sexismus, Klimawandel. 2014 verband sie ihre Weigerung, an der Ice Bucket Challenge teilzunehmen, mit einer schludrigen Attacke gegen die Organisation, die damit Spenden sammelte. Im Rahmen einer von Adidas gesponserten Instagram-Strecke beschrieb sie bizarre Wellnessrituale, und kurz darauf erklärte sie im Podcast eines bekannten amerikanischen Physikers sinngemäss, künstliche Intelligenz werde bald jede menschliche Kreativität obsolet machen.

Die Musikerin Zola Jesus nannte Grimes daraufhin «die Stimme des privilegierten Silicon-Faschismus», denn natürlich ist das politisch: Wollen wir die Kunst ohne jede Verhandlung den Händen der Technologie-Elite überlassen? Oder braut sich hier ein Kulturkampf zusammen, dessen Waffen man nicht einfach im Fortnite-Spiel kaufen kann?

Klingt nach Lagerfeuer-Country: «Delete Forever». Video: Grimes

Wenn man Grimes' Aussagen zur Veröffentlichung von «Miss Anthropocene» liest, bekommt man den Eindruck, dass sie sich für die Machtfragen rund um die Digitalisierung der Kunst eigentlich nicht sonderlich interessiert. Sie scheint mehr das Abenteuer darin zu sehen, wenn sich Mensch und Algorithmus erst mal richtig aneinander reiben. Und genau hierzu bringt das neue Album zehn grossartige, verstörende, schöne und hässliche, im besten Sinne furchtlos ermittelte Vorschläge. Dabei zeichnen die «Miss Anthropocene»-Songs all die typischen Pop-Assoziationsketten der Gegenwart nach, changieren von laut geatmetem Weltraum-Schwurbel zum R'n'B der Studentendiscos und Wodka-Nachtclubs. Und vom asiatischen K-Pop zu Tanzbeats, die an den Drum'n'Bass und Trip-Hop der Neunziger erinnern. In «Delete Forever» klingt Grimes mit Wandergitarre und Fiedel sogar mehr nach Lagerfeuer-Country, als es Taylor Swift jemals tat. Mit «New Gods» enthüllt sie ihre Theatervorhang-Ballade: «The world is a bad place, baby», singt sie da. «Only brand new gods can save me.»

Eine ständige Beta-Version

Ob Grimes an dieser neuen Musik tatsächlich mithilfe von künstlicher Intelligenz gearbeitet hat, wie manch einer es heute ja bereits tut, ist unbekannt – wahrscheinlich eher nicht. Gerade deshalb kann man «Miss Anthropocene» als fantastische Vision sehen, als klug formuliertes Konzept dafür, wie Pop im Zeitalter des Algorithmus klingen könnte und sollte. Im besten Fall wird dieser Pop seine stilistische Bandbreite nicht mehr als Zeichen von Virtuosität vor sich hertragen, sondern als starken, assoziativen Fluss verwenden. Er wird aus all den abgetrennten Traditionssträngen etwas Neues flechten, dessen Einzelteile wir vielleicht wiedererkennen, ohne dass sie deshalb unbedingt auf irgendeine konkrete Vergangenheit verweisen wollen. Vielleicht wird er immer ein bisschen unfertig wirken, auch das gilt für diese Platte. Eine ständige Beta-Version.

Die wichtigste These allerdings, die Claire Boucher mit dieser Platte aufstellt, ist eine andere: Im Kern braucht der Pop der Zukunft ein pochendes, fleischiges Herz, und das spürt man selbst in den arrogantesten Momenten ihrer Grimes-Musik. Die digitale Schurkin spielt sie exzellent. Doch sie bleibt eine grosse Sentimentalistin.

Grimes: Miss Anthropocene (4AD/MV)

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