Gangsta-Attacke

SRF im Dilemma: Was tun, wenn ein Strassenrapper auf Platz eins der Charts landet?

24-jährig und schon in ein paar Ländern auf Platz 1 der Charts: Capital Bra. (Sony Music/Phong Le)

24-jährig und schon in ein paar Ländern auf Platz 1 der Charts: Capital Bra. (Sony Music/Phong Le)

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Eigentlich ist «Prinzessa» ja ein pädagogischer Song. Er handelt von Verlockung und Gefahr schöner Oberflächlichkeit, hier verkörpert von einer luxussüchtigen Frau.

«Baby, du bist heiss, aber kalt wie Schnee. Du sagst, ‹Alles hat sein'n Preis!›, Baby, ne, ne, ne», rappt Capital Bra, dazu verpeilte, sphärische Sounds. Das lyrische Ich umsäuselt die Frau, fühlt sich zugleich abgestossen. «Scheiss mal auf dein'n Beauty-Dreck. Sie sagt, dass es unter meinem Gürtel schmeckt.» Und: «Du fühlst dich cool mit deinem Louis-Koffer. Du bist 'ne richtige Hurentochter.»

Krasse Passagen. Übler als die Lyrics eines Eminem oder Kanye West, deren Songs vor «B*tches» und «Mother*ckers» strotzen, sind sie allerdings nicht. Auch ist «Prinzessa» nicht irgendein Rap. Letzte Woche war der Song auf Platz eins der Schweizer Musikcharts, derzeit liegt er auf Platz sechs. Auf den Streamingportalen wurde die Rap-Ballade millionenfach angeklickt.

Dennoch wurde sie dieser Tage von kaum einem Schweizer Radio auf Rotation genommen. Auf SRF 3 wird sie nur gespielt, wenn sie gespielt werden muss – zur Hitparaden-Zeit. Auch die Privaten halten sich zurück. Man will sich keinen Sexismusvorwurf einhandeln, keine Hörer verlieren. Die Zuhörerschaft ist nicht affin, also spielt man kaum oder keine Rapper. Selbst wenn diese höchst erfolgreich sind wie Capital Bra, der erst 24-jährige, in Berlin gross gewordene Russe.

Den Hip-Hop ausgelagert

Vertrackter ist die Situation bei SRF 3. Seine Redaktion machte mit Deutschrap bereits einschlägige Erfahrungen: Als der Sender vor zwei Jahren einen deutlich brutaleren Song von Farid Bang und Kollegah spielte, gabs entsetzte Rückmeldungen aus der Hörerschaft.

Andererseits hat SRF einen öffentlichen Auftrag und ein Jugendproblem. Selbst beim jugendlich angedachten SRF 3 ist der durchschnittliche Hörer über 40 Jahre alt. Wenn SRF 3 einen Song wie «Prinzessa» aussperrt, versperrt es sich den Zugang zu vielen Jugendlichen. Bis heute hat SRF den Hip-Hop weitgehend ausgelagert an den Nischensender Virus, dessen Marktanteil im Promillebereich liegt. Hier sei Capital Bra schon Thema gewesen, sagt Michael Schuler, Leiter der SRF-Musikabteilung.

Nicht «relevant» genug?

Indem SRF 3 den Deutschrap auf Stumm schaltet, entfernt sich der wichtigste Musiksender im Land auch von jenen Debatten, die nicht nur die Jungen angehen. Sympathisieren Fans tatsächlich mit den Zeilen, oder gehts mehr um den fiesen Habitus? Warum stören sie sich nicht an den frauenfeindlichen Texten, den Clips? Wie kommt es, dass in der Schweiz ein Album von Kollegah auf Platz eins landet – trotz vorgängiger Antisemitismus-Debatte? Und was tun, wenn der Deutschrap noch mächtiger wird? Weiter ignorieren?

SRF-Mann Schulers Erklärung, andere, häufiger gespielte Songs seien nun mal «relevanter» als «Prinzessa», ist weder überzeugend noch hilfreich. Denn egal, wie man zu ihm steht: Dringlicher und kontroverser als Deutschrap ist heute keine Musik in der Schweiz.

In der «Prinzessa»-Debatte stehen sich Radiomann und Strassenrapper gegenüber wie zwei Hip-Hopper im Freestyle-Battle. Der eine ringt um Worte und Haltung. Der andere feuert Wortsalve auf Wortsalve, im Rücken hat er die Jungen, die weiter streamen, so oder so.

Säuselnder Sound, sexistischer Clip: «Prinzessa».

Erstellt: 15.02.2019, 10:58 Uhr

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