Süssstoff gegen den Zynismus

Wie kann ein Popstar nach einem Terroranschlag weitersingen? Ariana Grande zeigt auf ihrem Album «Sweetener», dass es geht.

Den Gemütszustand aufhellen, das reicht Ariana Grande gegenwärtig schon. Und wie sie das singt, geht zu Herzen. Foto: Andrew Lipovsky (Getty Images)

Den Gemütszustand aufhellen, das reicht Ariana Grande gegenwärtig schon. Und wie sie das singt, geht zu Herzen. Foto: Andrew Lipovsky (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Himmel weint. Aber das, was hier von ganz oben auf die Erde fällt, ist nicht einfach Regen, sondern es müssen schon die Tränen eines Engels sein. Warum jener hier im Intro von Ariana Grandes viertem Album «Sweetener» weint, muss sie auch gar nicht singen und nicht erklären; denn ein privates Drama kann angesichts jener Dimension des Schreckens, der sich am 22. Mai 2017 im Nachgang ihres Konzerts in Manchester ereignet hat, nicht gemeint sein. Damals sprengte sich ein Jihadist im Arenafoyer in die Luft, just dann, als die mehrheitlich jugendlichen Konzertbesucherinnen zurück zu ihren Eltern strömten, noch verzückt vom Auftritt ihres Idols und ihrer gross dimensionierten Popshow, die das eskapistische Entertainment, das Zusammensein, kurz: das Leben feiert. 22 Menschen riss der Terrorist mit sich in den Tod, über 500 Personen wurden verletzt.

Wie sehr dieser Anschlag das Leben und die Karriere von Ariana Grande seither prägt, hat sie in einem Interview mit dem US-Magazin «The Fader» geschildert. Oder eben auch nicht. Sie findet noch immer nicht viele Worte für das Unbegreifbare – trotz Therapien, Gesprächen mit Freunden und Familie und weiterer «Herzausschüttungen», wie sie sagt – und bricht in Tränen aus, sobald das Wort Manchester fällt.

Wie diese Tränen fliessen, das ist zu sehen bei jenem Auftritt, den sie im Rahmen eines Gedenkkonzerts für die Terror­opfer kurz nach dem Anschlag in der noch verwundeten Stadt gab. Sie sang «Over the Rainbow», und so, wie sie dieses Lied über das jenseitige Märchenland des Zauberers von Oz vorgetragen hat, wurde klar, welches Jenseits sie meinte.

Von dort ging es schnell zurück in die von ihr aufrechterhaltene Showroutine; nach dem Anschlag sagte sie nur sieben Konzerte ab. Die Show musste für sie weitergehen, obwohl eine komplette Absage der rundum versicherten Welttournee finanziell lukrativer gewesen wäre.

Die Entdeckung der Zwanglosigkeit

Der Anschlag von Manchester bildet die Klammer von «Sweetener», obwohl der Terror in den Texten nicht explizit angesprochen wird. Auch, weil es in dieser Popmusik um mehr als Trauerarbeit geht. Oder, wenn man so will, auch um weniger. Denn sobald das Intro «Raindrops (An Angel Cried)» abgeklungen ist, schlauft sich ein Beat rein, und das dünne Stimmchen von Pharrell Williams, der die markantesten Teile des Albums produziert hat, ist zu vernehmen. Es geht hier bereits um die Liebe, die zwischen zwei Personen lodert und die, wenn der Funken übergesprungen ist, ewig währen soll.

Man kann das nicht verwechseln mit dem Sex, der in ihren früheren Hits und noch auf ihrem letzten Album «Dangerous Woman» den Ton angegeben hat; und es hat auch nichts mit dem Image des «Bad Girl» zu tun, das der Abrisskugel reitenden Miley Cyrus immer so viel besser als der 25-Jährigen aus Boca Raton in Florida gestanden ist. Aber keusch oder pathetisch wie der Countrypop, den Cyrus gegenwärtig singen muss, ist die Liebe bei Ariana Grande nicht. Sie passiert einfach, erscheint mühelos (selbst das Stück «Pete Davidson», das sie ihrem Verlobten widmet, fällt wunderbar unpeinlich aus).

Es entspricht auch dem, wie Grande auf «Sweetener» singt. Früher neigte sie dank ihrem grossen Stimmumfang zum Über­virtuosen, wurde immer wieder als Nachfolgerin von Mariah Carey oder als Millennial-Neuauflage von Christina Aguilera bezeichnet. Dieses grosse Drama klang rasch schrill, maschinell und austauschbar. Aber jetzt, wo sie das grosse Drama zu Recht inszenieren könnte, verzichtet sie auf Virtuosität. Das Album klingt, als hätte eine Künstlerin das Zwanglose entdeckt.

Was ja auch stimmt: Ariana Grande, die wie viele ihrer Popstarkolleginnen eine Kinderstar-Vergangenheit hat, erhielt erst nach dem Terroranschlag den kreativen Freiraum vom Label, was viel über den Zustand der Musikindustrie aussagt. Jedenfalls wirken bei Grande die Sätze, die bei jeder Neuproduktion zu lesen sind – dass dies nun wirklich ein persönliches Album sei –, für einmal wahrhaftig. Denn «Sweetener», das natürlich immer noch ein Blockbusteralbum ist, hört sich verhältnismässig frei und konzentriert an in Zeiten, in denen Songs mit Gästen vollgestopft und für die Streamingdienste optimiert sind.

Die Beats, die Pharrell Williams produziert hat, klingen minimal, die Arrangements sind fast nackt und beschränken sich auf eine Basslinie oder lustige Computersounds. So wie in «The Light Is Coming», dem wohl besten Stück. Gemeinsam mit der Rapperin Nicki Minaj wiederholt Grande die Zeile «The light is coming to give back everything the darkness stole» im fordernden Ton der Rächerinnen, die sich gegen das Böse und Zynische wehren. Das kann man als Protestnote gegen alles lesen: als Song gegen den Terror, als Song gegen Trump, gegen den sich Grande stets ausgesprochen hat, als Song aber auch gegen den Superstarpop der Gegenwart, der so oft nur noch Produkt ist.

Party ja, aber bitte noch nicht zu euphorisch

Wie dieser anonyme Pop klingt, ist in den schwächsten Songs von «Sweetener» zu hören; denn alle Hitgarantien über Bord zu werfen, das wäre dann doch zu riskant gewesen. So enthält das Album neben den originären Produktionen von Pharrell einige Nummern des Hit-Wissenschaftlers Max Martin, der wie kein anderer für die Popästhetik des Streamingdienst-Zeitalters steht. Aber der Schwede kann seine Anwesenheit gut kaschieren, indem er weitgehend auf seine vorfabrizierten Soundklischees verzichtet – und zeigt, welch gerissener Songwriter er sein kann.

Etwa in der ersten Single «No Tears Left to Cry». Die Sängerin verlässt das Tal der Tränen und sucht nach den guten Vibes, die mit dem tanzenden Beat rein­gedreht werden. Das klingt hier wie der Versuch einer Rückkehr zurück ins Leben, eines Wiederherstellens des Normalitätszustands. Party ja, aber bitte noch nicht zu euphorisch.

Zuckersüss, das ist auch das süsse Titelstück nicht: Den «Sweetener», den Süssstoff, den Grande in diesem durch und durch weltlichen Gospel gegen jegliche Bitterkeit besingt, überzuckert sie nicht. Die Gemüts­lage aufhellen, das reicht ihr ja gegenwärtig schon. Und wie sie das singt, geht zu Herzen.

Am Schluss des Albums, wenn man schon gar nicht mehr an Manchester denkt, nach Tracks wie «Borderline», in dem sie die grosse Missy Elliott an ihrer Seite präsentiert, sind wir wieder am Anfang. Dann, wenn es nach dem Song «Get Well Soon» für vierzig Sekunden gänzlich still wird. Es ist der richtige Ton an der richtigen Stelle.

Ariana Grande: Sweetener (Republic Records/Universal) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2018, 21:05 Uhr

Artikel zum Thema

Ariana Grande und Comedian Pete Davidson sind ein Paar

Stars & Styles Brigitte Nielsen für Schwangerschaft kritisiert +++ Annina Frey neu als DJ Freya bei Radio 105 Mehr...

Ariana Grande überrascht verletzte Fans im Spital

Am Tag vor ihrem Benefizkonzert in Manchester hat die US-Sängerin Opfer der Terrorattacke besucht. Weitere News zum 5. Juni 2017 im Ticker. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...