Tänzle dich frei

Zu Ehren der Street-Parade widmete sich auch der letzte Tag des Zürich Openair in Rümlang der Tanzmusik. Auch wenn sie manchmal klang wie Rock.

Überbelichtete Rockmusik: Tame Impala mit Kevin Parker (Mitte) am letzten Tag des Zürich Openairs.

Überbelichtete Rockmusik: Tame Impala mit Kevin Parker (Mitte) am letzten Tag des Zürich Openairs. Bild: Reto Oeschger

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Tanzmusik, die von nichts handelt als vom Tanzen und die für nichts gemacht war als fürs Tanzen: Das war Disco, ein geschlossenes System. Aber man brauchte am Samstagabend in der Freiluftarena von Rümlang nicht auf den Auftritt der Blockbuster des Stadiontechnos zu warten, um festzustellen, dass Disco, die als Funktionsmusik in den tiefen Siebzigerjahren begann, ihr angestammtes Clubhabitat längst verlassen hat.

Denn schon bevor Paul Kalkbrenner und Skrillex die an den Stadtrand flottierten Tänzerinnen und Tänzer der Street Parade in ihre Stroboskoparme nahmen, war die Tanzmusik überall. (Und wo sie nicht war, hatte man auch nicht viel davon, weil dann war da nur der sensationell stupide Hartrock von Blood Red Shoes.)

Disco imaginaire

Mit Jungle, Hot Chip und Tame Impala standen drei Bands im Zentrum des letzten Abends am Zürcher Openair, die nicht in erster Linie eine Tanzmusik aufführen, sondern Popsongs; die aber alle mit den Beats und Bässen vom Dancefloor hantieren. Am konsequentesten gehen dabei Jungle aus London vor, die ihre einnehmenden Singalongs ins schicke Discodesign stecken. Griffige Funkmuster, hübsch ondulierte Gesänge in der Kopfstimme und ein paar Ornamente aus House – und fertig ist eine prima Liveband. Man könnte mit ihr Abschlussbälle gestalten, gäbe es denn nur einen Anhaltspunkt dafür, was für ein Jahrgang dazu einzuladen wäre.

Interessanter waren da die schon etwas älteren Hot Chip, ebenfalls aus London, die nach Jungle die Zeltbühne betraten. Diese Band entwirft eine Disco imaginaire, in welcher der frühe elektronische Minifunk von Kraftwerk ebenso seinen Auftritt hat wie der digital verrechnete Klang von Steeldrums, der die Tanzmusik am Übertritt aus der Disco an den Unterhaltungsabend markiert. Und dazwischen das ganze Repertoire: Disco, Funk, House und Techno, die gummigen Monsterbässe, die Fanfaren aus dem Keyboard, die Soundschwellungen aus dem Synthesizer. Bloss, dass die Singstimme von Alexis Taylor keine Tanzbefehle einpeitscht, sondern ein empfindliches Ich ausstellt, das sich tänzelnd befreien will.

Tanz ums Innenleben

Hot Chip phantasieren sich einen Dancefloor, der nicht veredelte Körper zusammenführt, sondern verwandte Seelen. Das ist kunst- und nicht weniger verdienstvoll. Doch so gut diese Band darin ist, die Tanzstile der letzten vierzig Jahre zu verwirbeln und mit frischer Sentimentalität aufzuladen, so sehr fehlt es ihr doch am einen oder anderen, nun ja: knackigen Song.

Auch bei Tame Impala kreist die Musik dezidiert um ein Innenleben. Es gehört Kevin Parker aus dem australischen Perth und handelt auf «Currents», dem neuen Album, von einer zerbrochenen Liebe. Die Songs erinnern in ihrer ausladenden Art immer wieder an den Westcoast-Rock aus den USA der Siebzigerjahre, und man könnte natürlich sagen, Parker passe aktuell ganz gut in diese Tradition der einsam singenden Cowboys.

Ein erotisches Echo

Doch durch die retrophile Inszenierung dieser Musik gehen zum Beispiel eben auch sanft schwüle Groovemassagen vom Bass und cool gesetzte Handclaps, und die sorgen nun für ein erotisches Echo, wie es für Break-up-Balladen nicht gerade üblich ist. Überhaupt ist es überaus reizvoll, wie Tame Impala mit den Mitteln der Dance Music einen Stil aufrufen und bespielen, der in der Tradition des Gitarrenrock steht. Technoid murrende Bässe, übersäuerte Schlaufen aus dem Synthesizer und der gepitchte Gesang lassen die Songs klingen, als habe die Band sie heftig überbelichtet.

Doch auch hier ist die Form der Musik schon bald interessanter als ihr Inhalt. Jungle, Hot Chip und Tame Impala: Das ist dreimal Pop als Sounddesign. Klug konzeptioniert und stilsicher gespielt. Macht sich gut in der Indiedisco und in jedem Haushalt. Erzählt aber nicht viel mehr als sich selbst.

Erstellt: 30.08.2015, 08:39 Uhr

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60'000 Musikfans genossen während vier Tagen das 5. Zürich Openair. Die Bilanz ist somit deutlich positiver ausgefallen als im letzten Jahr, als das unstete Wetter und das wenig kommerzielle Programm dafür sorgten, dass nur 45'000 Besucher auf das Festivalgelände in Rümlang pilgerten. Wie die Veranstalter in einem Pressecommuniqué mitteilten, kam es mit dem grösseren Andrang allerdings auch zu rund 30 Prozent mehr Behandlungen als im Vorjahr. «Bei den medizinisch relevanten Vorfällen konnte ein erfreulich geringer Alkohol- und Drogenkonsum festgestellt werden.» (sda)

Video

«Let It Happen»: Video von Tame Impala.

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«Need You Now»: Video von Hot Chip.

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«Julia»: Video von Jungle.

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