Taylor Swift ringt um ihre Reputation

Es ist Popblockbusterzeit, dank dem neuen Album von Taylor Swift. Wir haben es durchgehört.

Sieht sie gefährlich aus? Popsuperstar Taylor Swift.

Sieht sie gefährlich aus? Popsuperstar Taylor Swift.

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1. … Ready for It?: Sind Sie bereit? Ja? Gut. Denn hier beginnt «Reputation» oder, wie Swift es stilisiert, «reputation», das sechste Album der 27-Jährigen. Im Vorfeld der Veröffentlichung wurde ja gefragt, wer denn die «neue» Taylor Swift sei. Eine Feministin oder doch eine Trump-Sympathisantin, die von rechtsnationalen Kräften vergöttert wird? Nun, «... Ready for It?» gibt natürlich in diesen Fragen keine Antworten, aber das Klangbild hat sich geändert. Denn sie klingt schon ein wenig heavier und weniger fröhlich. Vor allem aber trägt die zweite Single des Albums die Handschrift der Popfabriken der Gegenwart. Das bedeutet hier: Ein schwer produzierter Beat, ein Refrain, der «in the middle of the night» in süsse Träume hochsteigt, ehe Swift wieder hinabsteigt in die Keller, wo ihre Ex-Lovers (Harry Styles!) zu finden sind. Der Schluss dann: «Let the games begin!» Fehlt nur noch der Gangster-Gunshot.

2. End Game: Schon ein Endspiel? Na, na, wir sind ja erst im zweiten Song. Und doch ist das hier ein nominelles Gipfeltreffen der Chartsgrössen, weil, Ed Sheeran singt mit und der Rapper Future auch. Wie es klingt? «I wanna be your end game», singt Taylor, auch, dass sie eine «big reputation» habe, und aber auch: Dass da «big enemies» lauern. Und natürlich denkt man da an Kanye West, an Kim Kardashian, an Katie Perry, mit denen sie bereits in der ersten Single (zu der wir später kommen) abgerechnet hat. Aber angestrengt böse ist das hier nicht, eher klingt das wie ein entspanntes «fuck you» an die entsprechenden Adressen.

3. I Did Something Bad: Jetzt aber: Wer hören will, wie die Popfabriken – beispielsweise der schwedische Produzent Max Martin, der «Reputation» massgeblich prägt – arbeiten, höre dieses Lied. Es gibt sogar ein Intro, doch da hängt man nicht ab, dann folgt der Beat, der Pre-Chorus, dieses Mal mit Gunshots, und dann eben auch ein bemühender Trap-Post-Chorus. «This is how the world works», singt Swift einmal, nachdem sie zugestanden hat, dass sie etwas Schlimmes gemacht habe. Aber: «Then why’s it feel so good?»

4. Don’t Blame Me: Nein, in diesem Song singt Swift nicht über verstrichene Gelegenheiten, in denen sie zu ihrer politischen Gesinnung durchaus hätte Stellung beziehen können. Denn es geht nur um das «baby», und aber auch: «your love made me crazy». Dass da einige gebrochene Männerherzen rumliegen? Geschenkt, weil: «I’ve been breakin’ hearts a long time, and toyin’ with them older guys just playthings for me to use». Das Büssergewand kommt hier in einem aufgebrezelten Gospel daher.

5. Delicate: Ja, ihr Ruf sei noch nie so schlecht gewesen, bekennt sie hier, denn eigentlich war Taylor Swift nach dem Stadionpopalbum «1989» auf dem Weg zum nicht ganz unverfänglichen Popstar für fast alle Klassen. Ihren Ruf könnte sie nun mit diesem delikaten, und verhältnismässig leisen Song wieder ein wenig verbessern, denn es ist schon hübsch, wie sie hier vom «Babe» keine Versprechungen, sondern bloss einen Drink wünscht.

6. Look What You Made Me Do: Und dann eben die erste Single des Albums, die im englischsprachigen Raum für Essay um Essay sorgte. Und einen Teil der Swifties, wie Taylors sehr treue Fangemeinde heisst, schon auch in Krisen stürzen konnte. Was aber übrig bleibt? Das klingt zwar alles spektakulär, doch eben auch vermurkst, wie Taylor hier mit ihren «big enemies» und den «alten» Rollen – namentlich dem Countrypopgirl, dem Stadionpopstar – abrechnet.

7. So It Goes…: So geht es weiter, zurück an einen dunklen Ort der Sehnsucht, der das Schlafzimmer sein kann, oder auch nur eine dunkle Seitengasse, wo «my magician» schon wartet. Allzu romantisch ist diese Begegnung nicht, weil, es geht um Betrug («You did a number on me but, honestly, baby, who’s counting? I did a number on you but, honestly, baby, who’s counting?») und sie singt in dieser Nicht-Verzeihungsballade auch: «You know I’m not a bad girl, but I do bad things with you».

8. Gorgeous: Dieser Song hätte auch auf «1989» gepasst, denn so hell klang «Reputation» noch nie. Die Swifties atmen auf.

9. Getaway Car: Auch das klingt so «neu» beziehungsweise anders eben auch nicht. Sondern ist grosses Popdrama à la Swift, (die hier von Jack Antonoff unterstützt wird, der dieses Jahr mit «Melodrama» von Lorde und St. Vincents «Masseduction» zwei grosse Popalben des Jahres produziert hat). Denn mit dem Fluchtwagen kann man schon ausbrechen, doch weit kommt man in der Regel auch nicht. Auch dann nicht, wenn man «Jet-Set» und «Bonnie and Clyde» ist.

10. King of My Heart: Zurück zum nebelpetardengleichen Soundoverload gehts in diesem Track, in dem die Beats an- und abgeknipst werden. So, als möchten die Produzenten nachprüfen, ob man noch am Haken hängt. Ja, schon noch grad. Und Swift singt: «And all at once, you are the one I have been waiting for King of my heart, body and soul, ooh whoa.»

11. Dancing with Our Hands Tied: Dazu könnte man auch gut über den Highway cruisen, doch der hier sehr überraschende Drop kommt im Refrain. Nicht unverwirrend.

12. Dress: Nun aber sind wir im Schlafzimmer angekommen, denn das Kleid, hat die Sängerin nur gekauft, damit du es ausziehen kannst. Also: «Take it off». Und dann stöhnt Taylor Swift.

13. This Is Why We Can’t Have Nice Things: Rich Kid Taylor Swift erinnert sich an wilde Partys, an denen die Gesellschaft im Champagnerbad geschwommen ist, «feeling so Gatsby for that whole year». Doch dann kamst du, «raining on my parade», und die schönen Zeiten waren vorbei. Swift prostet ihren echten Freunden zu, und will selbst ihm, der ihr die guten Zeiten verdorben hat, verzeihen: «And here’s to you // ’Cause forgiveness is a nice thing to do». Und dann lacht sie dreckig los, und bekennt: «I can’t even say it with a straight face». Auch das: eine «fuck you»-Hymne, geeignet für jene, die schon mal in einem Champagner-Pool ihre Partys feierten.

14. Call It What You Want: Der letzte Song, der schon vorab veröffentlicht wurde, und zum letzten Mal erinnert sie an die jüngste Vergangenheit, indem sie abgetaucht war («Nobody’s heard from me for months, I’m doin’ better than I ever was»). Dabei war sie ja nur mit ihrem Lover beschäftigt.

15. New Year’s Day: Eine Klavierballade ohne Pathos und Produktionstricks zum Schluss? Ja, denn die Silvesterparty ist vorbei, nun gehts ans Weinflaschenputzen, und ans sammeln der Erinnerungen. «Hold on to the memories, they will hold on to you / And I will hold on to you», sind die letzten Worte dieses Blockbusters, der hier zärtlich endet.

Taylor Swift: «Reputation» (Universal) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2017, 16:27 Uhr

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