Überschätzt: Bruce Springsteen

Künstler, mit denen wir wenig anfangen können. Heute: der Malocher.

Bruce Springsteen während seiner «The River Tour» in Spanien (17. Mai 2016)

Bruce Springsteen während seiner «The River Tour» in Spanien (17. Mai 2016) Bild: Juan Herrero/Keystone

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Es ist ein verräterisches Lob. Es soll Bruce Springsteen über andere Sänger und Songschreiber erheben, doch illustriert es zuletzt doch nur all das, was seine Musik so freudlos macht. Springsteen gebe, heisst es nämlich, sehr lange Konzerte. Und das stimmt ja auch. Lobend erwähnt, bedeutet diese simple Tatsache aber nur, dass nicht von Kunst oder prosa­ischer: von Rock ’n’ Roll die Rede ist, sondern von Maloche.

Und so klingt die Musik des 66-jährigen Sängers aus New Jersey ja auch – wie in schweisstreibender Arbeit aus dem Rockbergwerk gehauen. Das ist Bruchwerk aus klobigen Riffs und Grooves, geschöpft mit Händen, die ihre Schwielen stolz herzeigen. Und dazu werden Hymnen gesungen; wuchtige, ungestüme Hymnen von Akkordarbeitern, die sich auf der Bühne gern um ein einziges Mikrofon scharen, um im Refrain jenes kameradschaftliche Ethos zu beweisen, das sich unter schuftenden Männern geziemt. Alle für einen und einer für alle, so hält man locker auch drei Stunden durch und mehr. Bloss, da ist keine Souplesse, da ist keine Spannung, da reissen nur alle am einen Riemen. Hier werden keine Lieder gespielt, hier werden Einfache-Leute-Hits zum selbstgerechten Dröhnen gebracht.

Pauken und Planiergitarren

Und man fragt sich, warum. Denn Bruce Springsteen kann ja Geschichten erzählen, gerade über diese einfachen Leute, die bei ihm nie einfach sind. Und auf «Nebraska» oder «The Ghost of Tom Joad» kommt man sogar dazu, diesen Geschichten zuzuhören. Weil sie nicht übertönt werden durch Pauken und Planiergitarren (um von den Saxofonen pietätvoll zu schweigen). Weil Springsteen sie, ohne Band, nicht pathetisch herausbrüllen muss wie ein Gewerkschaftsboss auf Stippvisite in der besetzten Fabrik. Weil man auch Worte hört und nicht nur Parolen.

Wenn ich alles richtig verstanden habe, war das nie das Versprechen, das der Rock ’n’ Roll gegeben hat. Das war doch nicht so gemeint, dass diese Musik wie Arbeit klingt; wie etwas, dessen Bestandteile bei Hornbach auf den Karren gelegt und dann in stundenlanger Sitzung verbaut wurde; wie etwas, das schliesslich überschwänglich vorgezeigt wird von einem monströs authentischen Menschen, dem vor Anstrengung die Halsschlagadern zu platzen drohen. Wenn ich alles richtig verstanden habe, ging es doch darum, ein ganz anderes Leben zu führen, oder nicht?

In dieser Serie stellen TA-Journalisten Klassiker und Institutionen vor, mit denen sie wenig anfangen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2016, 09:37 Uhr

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