Überschätzt: Tocotronic

Künstler, mit denen wir wenig anfangen können.

Und irgendwann wurde es dekadent: Tocotronic, 2005.

Und irgendwann wurde es dekadent: Tocotronic, 2005. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Punch hatte die Band nie, das ist hier nicht der Punkt. Tocotronic, 1993 in Hamburg gegründet, waren von Anfang an der Unpräzision und dem musikalischen Dilettantismus verpflichtet. Koordinativ überaus unbegabt, stilisierten die Urmitglieder der Band – Sänger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller, Drummer Arne Zank – jedes verkorkste Riff und jeden verpassten Paukenschlag zu ungelenken Gesten des Triumphs. Schaut her, wir sind die Leptosomen, und wir finden das sogar cool. Wir rocken nicht: Das war insgeheim stets der wichtigste Slogan dieser für Slogans so empfäng­lichen Band. Wir schrummeln bloss, den triebhaften Schub musst du dir anderswo holen, excusez-nous.

Aber, wird nun jeder Tocotronicianer einwenden: die Texte, die Texte! Endlich intellektuelle Rocklyrik auf Deutsch, das war das grosse Versprechen von «Deutschlands bester intellektueller Band» («Der Spiegel»). Das Etikett dafür hiess «Hamburger Schule». Ja, was war mit diesen Texten? In der Frühphase schwankten sie zwischen pubertärer Peinlichkeit («Ich warte dort auf dich, weil ich dich mag /An unserem letzten Sommerferientag»), Nerd-Rage («Ich weiss nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt») und brachialer Melancholie («Kauf mir ein Bier, / Ich trink es dann bei mir, / Ich steige ein / Und bin dann gern allein»). Die Grenze zu tief verachteten Gruppen wie Echt oder Pur war erschreckend blass.

1999, mit dem Album «K.O.O.K.», kam dann der Stilwechsel: schwarze Anzüge, polierter Sound, kryptische Texte. Die akademischen Spleens des Sängers drückten nun von Album zu Album stärker durch, jetzt gings um den kruden Romancier Joris-Karl Huysmans oder Gruselmeister H. P. Lovecraft. Das wirkte alles sehr zufällig, eine lebensweltliche Dring­lichkeit war partout nicht auszu­machen. Warum also diese Versteckspiele im Kuriositätenkabinett der Décadence? In erster Linie wars wohl halt doch Angeberei, und des Distinktionsgewinns wegen blieben auch die Fans dabei: Mein Lieblingssänger singt von «À rebours», und deiner so?

Und dann stand man am Konzert wieder unten zwischen all den anderen Empfindsamen, das Magazin «Spex» in der einen Hand und das Craft Beer in der anderen, derweil von Lowtzow oben sang, das Bein angewinkelt wie ein Storch: «Dass wir zwei uns gut verstehen, / Wenn wir Champagner trinken gehen / Und wir geben uns die Hand.» Ich habe spät nachgedacht und dann kurz gelacht – wars Schlager, mit dem ich die Gymnasialzeit verbracht’?

In dieser Serie stellen TA-Journalisten die Künstler aus dem Kanon vor, mit denen sie wenig anfangen können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2016, 14:24 Uhr

Artikel zum Thema

Überschätzt: Christoph Waltz

Serie Künstler, mit denen wir wenig anfangen können. Mehr...

Überschätzt: Bob Dylan, dieser Kojote

Serie Manche Dylan-Auftritte bleiben unvergessen, doch viele sind von seiner Schadensstimme geprägt: Ein Blöken, ein Japsen, ein Nölen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der Charme der Bescheidenheit
Tingler Alles auf Zeit
History Reloaded Der Zwingli des Islam

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Wiederspiegelt die Gesellschaft: Ein Fahrradfahrer fährt im Lodhi Art District von Neu Dehli an einem Wandbild vorbei. (24. März 2019)
(Bild: Sajjad HUSSAIN) Mehr...