Und auf der Hülle ein junger Hengst

Bruce Springsteens neues Album bringt gute Songs, die im Kitsch getränkt sind. Was für eine verpasste Chance.

Haben wir ihn endgültig an den Kitsch verloren? Bruce Springsteen. Foto: PD

Haben wir ihn endgültig an den Kitsch verloren? Bruce Springsteen. Foto: PD

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Eine neue Platte von Bruce Springsteen hat schon lange aufgehört, uns auf Vorrat zu beschäftigen. Dazu waren die vorherigen einfach zu wenig interessant: «Magic», «Working on a Dream» oder «Wrecking Ball» klangen eintönig, als sei der Autor bei den Aufnahmen eingeschlafen. Auf «High Hopes» liess er sich vom Gitarristen Tom Morello helfen, aber zu wenig: Das Album brachte zwei exzellente neue Songs, aber nicht mehr. Bruce Springsteens letzte gute Platte mit eigenen Liedern war «The Ghost of Tom Joad» gewesen, jene grossartige, asketisch instrumentierte Meditation über den Niedergang seiner amerikanischen Heimat. Sie erschien 1995. Noch besser gelang «We Shall Overcome: The Seeger Sessions» von 2006, aber da waren die Songs nicht von ihm. Ansonsten: gepflegte Langeweile in Albumlänge. Man merkte sie auch den Konzerten an: Der Druckabfall im Vergleich zu seinem besten Material war dramatisch, man stand nur da und wartete, dass die neuen Songs vorbei waren.

Die neue Single: «Hello Sunshine». Video: Bruce Springsteen (Youtube) Und jetzt also Bruce Springsteens 19. Album, solo eingespielt mithilfe von Synthesizern, Streichern, einer Steelgitarre und gelegentlichem Bass und Schlagzeug. «Western Stars» heisst es und zeigt einen jungen, schwarzen Hengst auf der Hülle. Man liest den Titel und sieht die Plattenhülle und fragt sich, ob wir Bruce Springsteen endgültig an den Kitsch verloren haben. Er ruiniert seine Lieder mit den Arrangements

Am Ende der Platte, 13 Lieder weiter, bestätigen sich die schlimmen Befürchtungen: Auch das neue Album ist missglückt. Das ist umso mehr zu bedauern, als mehrere Songs gefallen würden, auch lyrisch hat Springsteen einiges zu bieten. Aber er ruiniert seine Lieder mit den Arrangements: Warum hat er das nicht selber gemerkt, warum hat ihn keiner vor sich selber geschützt? Springsteens Lieder sind harmonisch einfältig, das waren sie schon immer. Mit dieser Begleitung aber wird diese Einfalt quälend monoton. Statt seine E Street Band zu aktivieren oder, wie er das auf seinem letzten Live-Album getan hat, sich selber sparsam mit der Gitarre oder am Klavier zu begleiten, hat sich Springsteen für Synthesizer und Streicher entschieden. Mit dem Resultat, dass die Songs eine sirupähnliche Begleitung verpasst bekommen, eine dickliche, süsse Sauce über die Musik geleert wird, welche die Songs ruiniert, egal, wie gut sie sind und wie sensibel die dazugehörigen Texte. Ein weiterer Song aus dem neuen Album. Video: Bruce Springsteen (Youtube)

«Western Stars» inspiriert sich an Springsteens Vergangenheit, als er mit dem Auto zwischen den Küsten navigierte, mit Freunden und wild unterwegs. Seine neuen Songs formulieren also Erinnerungen, und man merkt Liedern wie «Hitch Hikin'», «Sleepy Joe’s Café» oder «Drive Fast (The Stuntman)» an, wie gerne er an diese Zeit zurückfühlt. Und wünscht sich, Springsteen hätte sich an «Nebraska» orientiert, seinem sechsten Album von 1982. Damals liess er seine Band zu Hause und spielte die Songs alleine ein, begleitet von seiner akustischen Gitarre und einer gelegentlichen Mundharmonika. Das düstere Album gehört bis heute zu seinen besten, auch weil es die hohe Qualität der Songs deutlich macht.

Leider hat er sich für den Kitsch entschieden, und das in einem Ausmass, das ernsthaft an seinem Geschmack zweifeln lässt. Egal, wie vielversprechend die Songs anfangen, sobald die Begleitung sich meldet, sind sie ruiniert. Was für eine verpasste Chance. Der einzige Trost des neuen Albums ist das Versprechen auf das nächste. Er habe, sagt Springsteen, die neuen Songs schon geschrieben, die er mit der E Street Band aufnehmen werde. Wir warten und hoffen.

Bruce Springsteen: «Western Stars». Sony, erscheint am 14. Juni

Erstellt: 29.05.2019, 18:06 Uhr

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