Und sie klatschen wie Seehunde

Nach der Hitze kam die Sturmflut, dem Publikum war es egal. Den Leuten gefällt einfach alles, und das irritiert. Eine Polemik zum dritten Tag des 40. Paléo Festival Nyon.

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Der Extremismus kommt vom Himmel. Am Dienstag drückte die Sonne die Menge auf den Boden, am frühen Mittwochabend gehen Wolken finster in Stellung. Kaum hat der fade französische Songwriter Arthur H versichert, die paar Tropfen würden wieder aufhören, als immer mehr Tropfen fallen, sich zu Fäden verlängern und zu Schnüren verdicken, bis das Wasser wie eine Decke auf das Gelände klatscht. Der Regen trommelt auf Zelte, Schirme und nackte Oberkörper, er weicht den Boden auf, das Wasser gluckst und fliesst, Wege werden zu Bächen, die Temperatur sinkt rapide, die Menge sucht unter den Zelten Schutz, ein paar spielen Woodstock und rollen sich im Schlamm.

Wiegende Pelerinen

Das alles gibt den auftretenden Künstlern die Möglichkeit, sich unter widrigen Umständen zu behaupten. Angus & Julia Stone, das australische Geschwisterpaar aus Sydney, muss den Auftritt um eine Stunde verschieben, kompensiert die Verspätung aber mit einem energischen Set. Neu ist das nicht, was die beiden mit ihren Begleitern vorführen, Rock mit folkig schimmernden Zwischentönen, dazwischen etwas Reggae. Aber das Konzert erfüllt seinen Zweck, mehr kann man nicht verlangen, das Publikum verlangt auch nicht mehr; wiegende Pelerinen, wohin man sieht.

Diese feuchte Fröhlichkeit dauert den ganzen Abend an, die gute Laune hält jedem Wetter stand. Nichts scheint die Menge an ihrem Entschluss zu hindern, Spass zu haben, schon gar nicht der Regen, der nach kurzer Pause wieder einsetzt. Auch kurz vor Mitternacht, als Sting mit seiner Band auf die Hauptbühne kommt, stehen noch Unzählige im Schlamm, jubeln im richtigen Moment, singen mit und klatschen wie Seehunde, wenn wieder ein Stück fertig ist.

Sting spielt «Roxanne/Ain't No Sunshine». Video: Youtube/Minsworld

Nachmacher am Werk

Warum geht einem diese kollektive Seligkeit so auf die Nerven? Weil Kritiker mürrische Charaktere sind, schallt es zurück; weil ihre Unzufriedenheit zum Berufsverständnis gehört; weil sie keine Freude empfinden können und deshalb die Freude der anderen ruinieren wollen. Der Vorwurf kommt in den Leserkommentaren häufig auf, aber wenn man hier einmal stellvertretend antworten darf: Er ist falsch. Wer keine Freude an der Musik hat, tut sich solche Anlässe nicht an.

Der Verdruss an diesem Abend und an so vielen anderen, die man an solchen Festivals erlebt, gründet zunächst in den Aufführungen selbst. Auch ein anspruchsvolles Festival wie das Paléo kompensiert die Gagen von Stars wie Robbie Williams, indem es die Vorprogramme mit Kollegen bestückt, deren Stärke darin besteht, Bessere so zu imitieren, dass es nach etwas tönt, ohne etwas zu sein, jedenfalls nichts Besonderes. Um die Hauptbühne als Austragungsort zu nehmen: Am Dienstag intonieren The Script aus Irland eine angerockte Folklore, die auf die Dauer klingt wie U2 für Arme. Am Mittwoch mischt der französische Sänger Calogero die Gitarrenriffs der Clash mit den Perwoll-Klängen des Variété, eine ungewöhnliche Kombination, aber deswegen nicht hörenswert. Zuletzt gibt Sting, der 63-jährige Bassist und Sänger, zwar ein engagiertes Konzert. Dass er es über weite Teile mit Songs aus seiner Zeit mit Police bestückte und dem besten, also früheren Material seiner Zeit als Solist, wird man ihm nicht vorwerfen, denn diese Songs sind stark, und er spielt sie gut.

Dieses dauernde Gemeinschaftsgefühl

Aber selbst ein Songschreiber seines Formats kann es nicht lassen, sein Publikum zum Mitwippen und Nachsingen aufzufordern. Nichts funktioniert leichter an solchen Festivals als solche Animationsprogramme, die eine Kommunion zwischen dem Musiker und seiner Menge vortäuschen, dabei aber nur ein Ritual abhalten als veranstaltete Unmittelbarkeit. Der Musik wird damit nicht geholfen, im Gegenteil, sie wird durch die Simulation einer Gemeinschaft banalisiert.

Darin liegt das Frustrierende solcher Abende: Nicht dass das Publikum seine Freude hat, sondern dass diese Freude keine Unterschiede macht zwischen Originalität und Kopistentum, Intensität und Showgebahren. Wenn alles gleich gut ankommt, spielt keine Rolle mehr, was gut ist und was gut funktioniert. Das Einzigartige wird abgewertet durch die Feier des Mediokren.

Erstellt: 23.07.2015, 16:26 Uhr

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