Unsere keine Farm

Jetzt ist auch die Countrybranche in eine Absatz- und Sinnkrise geraten. Die Chance für eine junge, grossartige Aussenseiterin wie Margo Price?

Starke Songs, doch ob Margo Price es damit ins US-Countryradio schafft, ist fraglich. Foto: Scott Dudelson (Getty Images)

Starke Songs, doch ob Margo Price es damit ins US-Countryradio schafft, ist fraglich. Foto: Scott Dudelson (Getty Images)

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Als sich der singende Cowboy und Filmstar Gene Autry aus einem patriotischen Impuls heraus um die Aufnahme in die Armee bemühte, handelte er zwei Privilegien aus: Er trug weiter Cowboystiefel und musste keine weiblichen Vorgesetzten grüssen. Es war die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die Countrymusik war jung, männlich und hatte bereits die ersten singenden Propagandisten der US-Wehrbereitschaft hervorgebracht.

Viel geändert hat sich nicht. Wann immer die USA in den Krieg ziehen, schliesst sich hinter der U.S. Army die Heimatfront der Countrysänger. Zum musikalischen Tritt in den Talibanarsch tragen auch sie Cowboystiefel: «We’ll put a boot in your ass / It’s the American way», so Toby Keith zum Afghanistankrieg.

Country meint heute weniger eine Musik als eine Idee.

Wie reaktionär das Genre immer noch ist, schien im letzten Jahr eine Aussage von Keith Hill zu bestätigen, ein Berater von rund 300 Radiostationen in den USA: «Wenn du Quote machen willst im Countryradio, lass die Frauen weg», diktierte er einem Branchenblatt. Sängerinnen seien die Tomätchen im Salat, der idealerweise aus viel Grünzeug bestehe, sprich: Sängern. Die Empörung machte die übliche Runde, aber zum Ende des Jahres belegten die Zahlen von Billboard, dass Hill das Countryradio ziemlich exakt beschrieben hatte: Unter den Interpreten der 60 meistgespielten Songs waren 2015 nur sechs Frauen, im Jahr zuvor waren es sogar nur drei.

Wo schon Elvis sang

Das liegt bestimmt nicht an der Qualität. Eben hat Loretta Lynn, eine der letzten Grandes Dames der Countrymusik, ein weiteres klassisches Spätwerk vorgelegt, auf dem sie mit souveräner Autorität eigene Songs wie «Whispering Sea» neben Evergreens wie «Always On My Mind» stellt. Genauso gut haben die ­Kritiker das neue Album von Kacey Musgraves aufgenommen, die beherzt übers Kiffen und über gleichgeschlechtliche Liebe singt.

«Hurtin' (On The Bottle)» von Margo Price. Video: OfficialTMR

Und nun ist vor wenigen Wochen auch das grossartige Debütalbum von Margo Price erschienen, einer 33-jährigen Sängerin, die sich jahrelang an einer Karriere in Nashville versucht hatte, bevor sie nun zehn Songs für die Plattenfirma des Rockmusikers Jack White aufnahm – in den Sun Studios in Memphis, wo auch Elvis Presley seine ersten Songs eingesungen hatte.

«Maybe I’d be smarter if I played dumb.»Margo Price

Doch der Geisterhauch der Rock-’n’-Roll-Mythologie, der das Album von Margo Price durchweht, diese epische Erzählung von der Strasse, aus den Kneipen und Gefängniszellen havarierter Menschen: Sie mag einem europäischen Pop- und Rockpublikum gefallen und auch den Kritikern in New York und Los Angeles.

Der Markt in den Stammlanden der Countrymusik ist aber ein anderer. Erfolgreich sind dort Sängerinnen wie Carrie Underwood, deren Songs sauber und popnah in die Stuben föhnen. Sie richten sich, wie «No Depression» angemerkt hat, eine Fachzeitschrift für Folk und Country, zunehmend an junge, suburbane Konsumenten, für deren Geschmack das Popradio zu städtisch ist, zu beat-betont, zu schwarz.

Eine Mischung aus Brad Pitt und Hoss Cartwright

Dabei handelt es sich offenbar häufig um junge Frauen. Das Publikum des Countryradios sei heute zu fast drei Vierteln weiblich, sagte Keith Hill. Die meisten sind nicht älter als 34 Jahre und bevorzugen männliche Sänger. Das Resultat sind Countrystars in knappen weissen Leibchen, die Luke Bryan oder Jason Aldean heissen und aussehen wie eine Mischung aus Brad Pitt und Hoss Cartwright aus ­«Bonanza». Ihre Songs sind so konsequent freigeräumt von Twang und Honky Tonk, dass Country weniger eine Musik meint als eine Idee – die Idee der weissen Kleinfamilie in der Kleinstadt, die hart arbeitet, die Alten und das Barbecue ehrt und vom Staat in Ruhe gelassen werden möchte.

Dass die Branche panisch ihre Erfolgsprodukte kopiert, leuchtet ein.

Der Markt, den die Countryindustrie mit dieser Idee bespielt, ist alt. Neu ist darin dieses junge, weibliche Publikum. Es wird umso frenetischer bedient, je stärker der Einbruch der Musikbranche als letztes Genre auch den Country trifft. Noch bis 2012 wurden in den USA jedes Jahr auf stabilem Niveau deutlich über 40 Millionen Countryalben verkauft. In den letzten drei Jahren sank diese Zahl aber in riesigen Schritten auf 24,9 Millionen.

Dass die Branche vor diesem Hintergrund panisch ihre Erfolgsprodukte kopiert, leuchtet ein. Allerdings gibt es auch Kommentatoren, die gerade die langweilige, austauschbare Musik für den Niedergang mitverantwortlich machen: «Wenn Country kleiner und unpopulärer wird, kann das der Musik nur guttun», so eine Kritikerin des «Dallas Observer».

«Soince You Put Me Down». Video: Margo Price

Nun könnte man einwenden, Amerika brauche vielleicht nur einen neuen Krieg, damit Country wieder boomen kann. Wahrscheinlicher ist aber, dass das Genre ganz einfach von der Normalität eingeholt worden ist: Schön, hat man das Zielpublikum verjüngt. Weniger schön, hören jetzt auch die Digital Natives zu, die Musik streamen, rippen und sharen. Doch so könnte auch im Country geschehen, was der Popmarkt in den letzten Jahren mit Künstlern wie James Blake, Grimes oder The XX erlebt hat: Wo die Musik billig und das Publikum unberechenbar ist, haben eigenwillige, frohsinnferne Künstler wieder die Chance, breit gehört zu werden.

In der Countrymusik könnte das bedeuten, dass neue Gelegenheiten für Sänger entstehen, die man früher etwas sentimental die «Outlaws» nannte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es Hank Williams, der das Amerika der braven Siedlerfamilien nicht nur besang, sondern immer wieder hinter sich liess – mit so eleganten wie elenden Hymnen auf das Leben auf der Strasse und am Hals der Schnapsflasche. Später waren es Johnny Cash, Merle Haggard oder Steve Earle, die über ihre brüchige Treue zum sesshaften und gottesfürchtigen Leben sangen – ohne sich je wirklich davon zu verabschieden. In Liedern wie «I Walk the Line» balanciert mit Johnny Cash auch die ganze Nation auf der dünnen Linie, die das fruchtbare Hinterland von der Freiheit an der Frontier trennt.

Den Stiefel ins Gesicht

Die widerstrebenden Träume des weissen Amerika beschäftigen die Countrymusik bis heute. Immer wieder kämpfen ihre konservativen Stars mit einzelnen radikalen Sängern um die Deutungshoheit; um das, was sie das «wahre Amerika» nennen. Die Besten aber tragen den Kampf in sich selber aus, weil sie wissen, dass sich der Widerspruch nicht auflösen, nur leben lässt.

Zu ihnen gehört seit kurzem Margo Price. Im ersten Stück ihres Albums erzählt sie die Geschichte, die ihre eigene ist: Wie der Vater die Familienfarm verkaufen musste, als sie zwei Jahre alt war; wie sie die Schule abbrach und mit 57 Dollar in der Tasche loszog; wie sie einen Mann heiratete und ein Kind verlor. Und wie sie davon träumt, die Farm zurückzukaufen und so die Zeit an den Anfang zurück zu drehen.

Ihre Lieder sind streitlustig, alkoholselig, selbstbewusst und dann wieder reuevoll.

Gefasst geht Margo Price durch die Geschichte dieser «Midwest Farmer’s Daughter», wie sie ihre Platte in Anlehnung an «Coal Miner’s Daughter» genannt hat – einem bekannten Song von Loretta Lynn, deren klaren, nur leicht angeschatteten Gesangsstil sie übernommen hat. Ihre Lieder sind streitlustig, alkoholselig, selbstbewusst und dann wieder reuevoll, und dazu spielt die Band einen trockenen, aber nie gleichgültigen Twang. Einmal droht die Sängerin, einem Mann den Stiefel ins Gesicht zu treten, dann bringt sie ihre Zerrissenheit so lakonisch verstört in einer Zeile auf den Punkt, wie das nach Hank Williams nur wenige konnten: «Without a doubt I may be wrong.»

Dass Margo Price mit diesen Liedern je ins Countryradio kommt, ist damit nicht gesagt. Zu wünschen wäre es. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie Recht behält mit dem, was sie über ihre Erfahrungen als Frau in der Countryindustrie von Nashville singt: «Maybe I’d be smarter if I played dumb.» Vielleicht wäre es klüger gewesen, sich dumm zu stellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2016, 17:08 Uhr

Album

Margo Price: Midwest Farmer's Daughter (Third Man Records).

Album

Loretta Lynn: Full Circle (Sony).

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