Vernunft ist das Gegenteil von Pop

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen: So könnte das Motto des Paléo in Nyon lauten. Es bietet radikalen Selbstzweifel und graziöse Melancholie – ein wunderbarer Mix.

MGMT vollführte ein irritierendes Wechselspiel zwischen Genialität und Schund. Bild: Keystone

MGMT vollführte ein irritierendes Wechselspiel zwischen Genialität und Schund. Bild: Keystone

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Der Talentspäher von Sony Music dürfte einige Momente des Zweifelns durchlebt haben, nachdem er im Jahre 2005 dem damals noch unbedeutenden New Yorker Retro-Schickimicki-Projekt MGMT einen gut dotierten Plattenvertrag aushändigte, welcher der Band in einer Klausel die totale künstlerische Freiheit zusicherte.

Eine Freiheit, die das Duo seither gebührend auslebt und dabei sein musikalisches Tun nicht sonderlich ernst nimmt: «Wir schreiben gewisse Songs, bloss weil wir ausloten wollen, wie man besonders schlecht in einem bestimmten Genre sein kann», gab die Zweierschaft kürzlich in einem Interview zu und zeigte sich erstaunt darüber, dass die Leute – unter ihnen ein gewisser Paul McCartney – diese Songs dennoch lieben.

Nun steht diese Band auf der zweitgrössten Bühne des Paléo-Festivals in Nyon, wirft sich in unmögliche musikalische Retro-Posen und tut dies so schlecht wie möglich, aber auch so musikalisch aufwendig wie möglich: Blumenkinder-Psychedelik mit Anleihen an klassische Musik mit windschiefer Kopfstimme? Kein Problem. Hochkonjunktur-Pop mit prekären Digitalsynthesizer-Einsätzen und noch prekäreren Verweisen auf die Machenschaften der Pet Shop Boys? Et voilà!

Ästhetisches Leiden

Das Konzert von MGMT ist ein heillos überfrachtetes Sortiment sämtlicher Irrungen und Wirrungen der Popgeschichte. Und doch kann man sich der Reizopulenz dieser Musik nur schwer entziehen. Nach Phasen des ästhetischen Leidens wird immerhin ab und zu das Belohnungszentrum gefüttert. Vornehmlich mit hippen Disco-Hits aus der Gründerphase («Kids», «Electric Fields»), die dann auch tatsächlich euphorisch betanzt werden. Doch nichts ist bei dieser Band sicher. Alles ist zerfressen von Ironie und Zynismus gegenüber der heutigen und – noch viel mehr – der gestrigen Popkultur. Der Tanzboden könnte jederzeit einstürzen.

Ein irritierendes Wechselspiel zwischen Genialität und Schund, das MGMT auch auf visueller Ebene vollführt. Billige Computerspiel-Ästhetik wechselt sich ab mit staunenswert-futuristischen Echtzeitanimationen, Gimmick und zeitgenössischer Videokunst. Wegschauen geht nicht.

Rock der alten Schule: Black Rebel Motorcycle Club mit Peter Hayes. Bild: Keystone

«Vernunft ist das Gegenteil von Pop», hat Neil Tennant von den Pet Shop Boys einst gesagt. MGMT scheinen diese Losung verinnerlicht zu haben. Pure Unvernunft – im besten Sinne – könnte man auch den Programmmachern des grössten Open Airs der Schweiz vorwerfen. Das Paléo in Nyon setzt seit Jahren auf radikalen Stilmix und widersetzt sich dem Jugendwahn, dem so viele andere Freiluftveranstaltungen zum Opfer gefallen sind. Am Mittwoch zeigt sich das folgendermassen: Im Village du Monde bringt die portugiesische Fado-Sängerin Ana Moura die hoffnungslose, aber doch so graziöse Musik ihres schwerblütigen Volkes auf die Bühne, während zeitgleich der Black Rebel Motorcycle Club mit weit schnöseligeren Methoden jegliche Lebenszuversicht ins Grün des Geländes stampft. Markanter könnte der künstlerische Kontrast kaum sein. Ana Moura beginnt beeindruckend: Mit tonnenschweren Oden an die Liebe und das Leid, mit Fado in seiner ganzen düsteren Pracht.

Doch die Sängerin scheint während ihres Auftritts zunehmend das Vertrauen in die Urkraft des Fado zu verlieren: Ihr Bestreben, ihn zum Tanzen zu bringen, endet in abgedroschener Folklore, ihre Ausflüge in den Pop versickern im Kitsch, und das Fusion-Jazz-Intermezzo ihrer Band löst im Auditorium bloss noch fragende Gesichter aus.

Mouras Fado schmeckt nicht bitter, sondern unangenehm süsslich. Einige Meter nebenan muffelt der Rock’n’Roll von Black Rebel Motor Cycle Club nach Nikotin und herben Alkoholika. Die Dreierschaft zelebriert eine vermorschte Form der Rockmusik und legt dabei einen wunderbar nachlässigen Umgang in Bezug auf Klang, Instrumentarium, Publikumsgunst und Rückkoppelung an den Tag.

Abgetakelte Pracht

Etwas, was zuvor die belgische Gruppe Warhaus in noch songdienlicherer Form auf die Bühne gebracht hatte. Das Solo-Projekt des Balthazar-Sängers Maarten Devoldere ist das Nonchalanteste, was die Popmusik derzeit zu bieten hat; so wunderbar abgetakelt sind diese defätistischen Balladen, so leicht und locker wurmt sich dieser mal süffige, mal besoffene Grossstadt-Blues ins Ohr. Dazu gibt es Xylofon, galoppierende Congas, Posaunen, die nach Totenmesse klingen, und Gitarrensoli, die jeden Freund bewusstseinsirritierender Rauschmittel in Verzückung bringen.

Es ist eine schlurfige Pracht, die Warhaus erzeugen. Eine Pracht, mit der indes bald Schluss sein könnte. Die Gruppe Balthazar hat sich wiedervereinigt und ein neues Album eingespielt, das im Januar erscheinen soll. Aber abschreiben möchte man dieses Warhaus-Projekt nach dem wunderbaren Nyon-Konzert dennoch nicht.

Ach, ja Nyon. Es ist ein Taumeln zwischen den Festivalbühnen, den Stilen und den Temperamenten. Auch wenn nicht alles funktioniert an diesem Abend, niemand wird das Gelände hadernd verlassen haben. Ein feines Festival, dieses Paléo. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2018, 15:51 Uhr

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