Verwundet, aber horny

Die Eagles of Death Metal überlebten das Bataclan-Massaker. Gestern holte die Band ihr Zürcher Konzert nach. Es war ein Triumph.

In Spiellaune: Jesse Hughes von den Eagles of Death Metal. (23.Februar)

In Spiellaune: Jesse Hughes von den Eagles of Death Metal. (23.Februar) Bild: Boris Müller

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Sie hatten ihn gejagt wie einen verdammten Hasen. Hinter einer Garderoben-Tür hatte er gekauert, vor drei Monaten im Bataclan, und nur Glück gehabt. 89 Menschen hatten sie erschossen und so ein grausames Zeichen gesetzt.

Backstage mit den Eagles of Death Metal – der Fotoblog

Gestern, 102 Nächte später, stand Jesse Hughes in Zürich wieder auf der Bühne – und grinste heiter und breit. Hughes, dieser Mischling aus verwundetem Helden und herzlichem Freund, aus manischem Priester und abgewracktem Redneck, dieser sehr erstaunliche Mann griff sich zur Eröffnung in den Schritt und jaulte: «Ich will nur Dich, Dich, Dich!» Schon drehte sich der erste Moshpit im vollen Klub Komplex, schon wurden die Fäuste gereckt und ein erster Schlüpfer geschwungen. Schon war klar, dass dieses Konzert zur denkwürdigen Feier werden sollte. Weit weg schienen bereits die Scans beim Eingang und die Spürhunde, die auf der Lauer lagen.

Stoische Weiterrocker

Die Eagles of Death Metal spielen, das weiss seit dem Bataclan-Massaker jeder Nachrichtensprecher, nicht etwa Metal, sondern Rock. Da hats Country-, Boogie- und seit dem letztjährigen Album «Zipper Down» auch elektronische Sprengsel dabei, vor allem aber primitive Riffs und Refrains. Eingängigkeit ist der Band alles, und zu diesem Zweck bedienen sich die Kalifornier sogar bei den Plastik-Prinzen von Duran Duran.

Ihre Musik legts nahe und die Texte machens vollends klar: Der Rock der Eagles ist stets Vorspiel des Beischlafs oder eine Imitation desselben. Irgendwann segelte der Schlüpfer folgerichtig auf die Bühne, gleich hintennach ein Büstenhalter. Hughes drapierte damit flink sein Mikro und stellte fest: Ja, das sei nun eben Rock’n’Roll. Es ist merkwürdig: Was gewöhnlich verbraucht und klischiert erscheint, wirkt als Geste der stoisch weiterrockenden Eagles auf einmal grandios und sehr richtig, jede ihrer räudigen Strophen ist jetzt immer auch eine unverschämte Parole der Freiheit.

Dass Hughes und seine Band derart rasch wieder auf Tour gingen, ist bewundernswert; nicht minder, dass sie sich der politischen Vereinnahmung bislang sorgfältig entzogen haben. Dass Hughes in Interviews den Waffenbesitz befürwortete – «bis niemand mehr Waffen trägt, sollte jeder eine Waffe tragen» – war eigentlich nichts Neues und irritierte wohl nur Kritiker mit einer allzu simplen Vorstellung vom gemeinen US-Redneck. Psychologisch nachvollziehbar war die Aussage ohnehin.

Ein einziges Mal wurde in Zürich die Erinnerung an das Pariser Attentat wach: Als sich Hughes in der Mitte des Konzerts zur Security im Bühnengraben demonstrativ verneigte und zum Publikum sagte, diese sei es, die für die Sicherheit sorge («Sie schauen, dass eure Köpfe heil bleiben»).

Josh Homme fehlte

Danach kein Wort mehr von Ängsten oder Morden; das zweistündige Set war eine kompakte Kette voller Hymnen und ohne Durchhänger, gekonnt komponiert aus vier Alben. Dass sich die Band nach ihrer Zwangsmetamorphose bereits wieder eine gewisse Routine erspielt hat, liess nicht zuletzt die Abwesenheit von Josh Homme vermuten. Der Häuptling des Stoner-Rocks war im Bataclan nicht dabei gewesen, dennoch hatte Hughes in den Interviews danach klar gemacht, dass Homme der Mentor und eigentliche Anführer der Band sei: «Sobald ich konnte, rief ich ihn an.» Homme – üblicherweise Gitarrist und Sänger, bei den Eagles aber Drummer – hatte seinem Schulfreund Hughes einst den Eintritt zu den berühmten «Desert Sessions» und mit den 1998 gemeinsam gegründeten Eagles eine Lebensaufgabe verschafft.

Zum Schluss rannte Hughes mit der Gitarre von der Bühne, hinauf in die Empore. Dort setzte er zu einem bombastischen Solo an, das jeden selbstverliebten Glamrocker hätte kapitulieren lassen, aber selbst das passte an diesem Konzert. Vor «Paris» wäre es eines unter vielen gewesen. Es ist einfach Rockmusik, hätte es geheissen. Jetzt wissen wir – es ist mehr.

Erstellt: 24.02.2016, 23:36 Uhr

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