Vom Käsestand zurück ins Rampenlicht

Wild, frei, verrucht: Das war Steff la Cheffe – bis ihr alles zu viel wurde und plötzlich von der Bildfläche verschwand. Wie ihr die Rückkehr gelang.

Sie hatte nicht einfach Erfolg, sondern auch wirklich etwas zu sagen: Die Berner Rapperin Steff la Cheffe alias Stefanie Peter. Foto: Basil Stücheli

Sie hatte nicht einfach Erfolg, sondern auch wirklich etwas zu sagen: Die Berner Rapperin Steff la Cheffe alias Stefanie Peter. Foto: Basil Stücheli

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Wenn man in den letzten paar Jahren an einem Samstagmorgen über den Münstergassmärit in der Berner Altstadt spazierte, konnte es geschehen, dass man am Käsestand von Jumi, einem Betrieb aus Boll-Utzigen, von einer Frau bedient wurde, die man dort zuallerletzt erwartet hätte: Steff la Cheffe. Oder wie die Medien sie schon genannt haben: das «Fräuleinwunder des Schweizer Hip-Hop», das «unschätzeligste Schätzeli der Schweizer Musikszene».

Meistens trug sie einen Kapuzenpulli, hatte das Haar streng nach hinten frisiert und machte den Eindruck, dass sie um nichts in der Welt auffallen wollte. Sie trat nicht so forsch auf wie die anderen Verkäuferinnen und Verkäufer, die ihrem Arbeitgeber den Ruf des coolsten Marktstands der Stadt eingebracht haben, klopfte keine Sprüche und drängte sich niemandem auf. Hier war sie Stefi mit einem f und ohne Künstlernamen, und fragte man sie, wann ihr neues Album erscheine, sagte sie: «Ich weiss nicht einmal, ob je wieder ein Album von mir erscheinen wird.»

Stefanie Peter, geboren 1987, hatte den Erfolg gesucht. Und als sie ihn in der Person von Steff la Cheffe fand, hat er sie beinahe zerstört.

Es ist nicht ganz leicht, Steff la Cheffe zu beschreiben, denn so eine wie sie hat die Schweiz noch nie gehabt. Ihre Texte sind wild, frei, verrucht, sie ist eine Frau, die kaum jemandem, der sie mal erlebt hat, je wieder aus dem Kopf geht. Und die, die ihr noch nicht begegnet sind, haben echt etwas verpasst. Für hiesige Verhältnisse hat Steff la Cheffe ziemlich viele Alben verkauft, schon ihr erstes, erschienen 2010, war erfolgreich, ihr zweites schnellte 2013 auf Anhieb auf Platz 1 der Charts.

Aber darum geht es gar nicht so sehr, eher darum, dass sie einen auf einer Gefühlsebene anspricht, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Sie hat einige der zauberhaftesten Schweizer Festivalmomente der letzten Jahre geschaffen, etwa auf dem Gurten, und ihre Klubtourneen waren Augenblicke seltenster Eindringlichkeit, es war dunkel und laut, den Leuten lief der Schweiss über die Stirn, sie konnten den Blick einfach nicht von dieser Frau auf der Bühne abwenden. Ihr Mundwerk, ihre Aura, ihre offengelegten Seelenzustände – alles war hinreissend.

Steff la Cheffe hatte nicht einfach Erfolg, sondern auch wirklich etwas zu sagen. Ihre Lieder verpackte sie in eine rosarote Hülle, aber darin steckte ein ernster Kern, es ging um Feminismus, Schönheitswahn oder das Hineinwachsen in eine Welt, in der sich Erwachsene nicht wie solche verhalten. Von aussen machte es den Eindruck, als würde es immer so weitergehen, immer aufwärts.

Sie gewann im Mai 2014 den Prix Walo in der Kategorie Hip Hop: Steff la Cheffe, links, und Bligg im Hintergrund. Foto: Keystone

Warum bloss hatte sie plötzlich genug von alledem und verdrückte sich hinter einen Käsestand? Vor allem: Warum kündigte sie den Job letzten Herbst wieder und kehrte dorthin zurück, wo ihr alles zu viel geworden war: ins Rampenlicht? Im Winter debütierte sie als Theaterautorin, Anfang Mai erscheint das langersehnte dritte Album, und bis Anfang nächsten Jahres tourt sie mit Stephan Eicher durch Frankreich, eine Monstersache, mehr als sechzig Konzerte, eine Art Ritterschlag für eine junge Musikerin wie sie.

Warum?

«Puuuh», sagt sie, «muss kurz nachdenken.»

Zuerst also nach Genf, auf ein Plätzchen am See mit Sicht auf den Jet d’eau. Stephan Eicher ist auf der Durchreise, in Frankreich streiken die Züge, er macht einen Zwischenstopp in der Schweiz. Er kennt Steff la Cheffe schon länger, stand einst in Avenches und Zermatt mit ihr auf der Bühne.

Sie war, wie er sagt, die Frau, die die Power reinbrachte, la puissance. «Wir, also die anderen Musiker, hatten die schönen Akkorde, die schönen Harmonien, beinahe ruhig, aber wir wussten, dass jetzt dann gleich sie einsetzt, sie stand da, die Haare offen, und wir wussten: Gleich kommts. Wir fühlten uns wie Spitzbuben, die einen Kracher gezündet haben und auf den Knall warten. Wir lächelten, freuten uns. Eine wie sie ist Gold wert bei so einem Konzert. Sie versteht, was das Publikum bewegt, sie ist wie ein Soundsystem. Wenn sie eines ihrer Lieder singt, zum Beispiel ‹Ha ke Ahnig›, dann multipliziert sich alles, es wird alles viel grösser, als man es erwartet hätte.»

An diese Wirkung, sagt er, habe er sich erinnert, als er mit Traktorkestar, einer Berner Balkan-Blaskapelle auf sehr hohem Niveau, eine neue Tour plante. Bei den ersten Proben habe er gedacht, dass ihm das noch zu fest nach ungewaschenen Kindern klang, die ihr Zimmer nicht aufräumen. «Ich brauchte jemanden an meiner Seite, die den Laden schmeisst.»

«Man glaubt gar nicht, welche Energie in ihr steckt.»Stefan Eicher, Sänger und Musiker

Und jetzt, auf der Tour, schmeisst Steff la Cheffe den Laden tatsächlich, nicht nur im Spiel, ihre Rolle auf der Bühne ist die der genervten Nachbarin, sondern auch im wahren Leben, etwa dann, wenn Eicher beim Soundcheck nicht weiterweiss. Dann schaut er sie an, sie sagt etwas, und meistens ist es die Lösung. Er sagt: «Sie ist mein Auge geworden, mein Ohr.»

Um es kurz zu machen: Stephan Eicher, einer der bekanntesten Musiker, die es in der Schweiz je gab, ist heilfroh, dass Steff la Cheffe auf die Bühne zurückgekehrt ist.

Zurück nach Bern. Es ist einer der ersten warmen Tage des Jahres, Steff la Cheffe hat Geburtstag, ihr einunddreissigster, sie bestellt sich einen Rooibos-Tee, später einen Cappuccino, sie raucht, meistens Selbstgedrehte, und sie erzählt. Wenn sie einer Anekdote Nachdruck verleihen will, steht sie auf, redet pausenlos, dann schweigt sie lange und denkt nach. Sie ist schlank und gross. Und sie hat sehr feine Züge, aber es käme einem nie in den Sinn, sie als zierlich zu bezeichnen.

«Sie sieht ja eigentlich aus wie ein Fotomodell», sagt Stefan Eicher: Steff la Cheffe, 2018. Foto: Basil Stücheli

Sie sitzt aufrecht da, die Füsse fest auf dem Boden. Manchmal schnellt sie unerwartet nach vorne, stützt sich mit den Händen auf den Knien ab und schaut einen herausfordernd an, dann lehnt sie sich wieder zurück, legt den Kopf schräg und kneift die Augen zusammen, alles pulsiert. «Sie sieht ja eigentlich aus wie ein Fotomodell», hat Eicher gesagt. «Man glaubt gar nicht, welche Energie in ihr steckt.»

«Huere geil», «uhönne cool», so spricht sie. Sie hat sich nie wohlgefühlt in diesem gutbürgerlichen, ihr ganz und gar fremden Familienambiente, das sie erst durch ihre Gymerkollegen kennen lernte, dieses Milieu mit den souveränen, über alle Zweifel erhabenen Eltern und den Kindern, die sich am Sonntag einen schönen Pulli überziehen und die brave Sprache hervornehmen. «Ich konnte mitspielen, wenn ich eingeladen war, hatte dann aber schnell wieder genug.»

Die Familie und das Gymer

Eine Zweizimmerwohnung im Spitalackerquartier zwischen Schulhausplatz und Altersheimpärkli, zwei Brüder, von denen der jüngere bald die Diagnose Autismus bekam, und eine alleinerziehende Mutter: So fing im Leben von Stefanie Peter alles an.

Man muss das wissen, um zu verstehen, wie Steff la Cheffe entstanden ist. Einen Vater gibt es, aber der war nie da. Manchmal hatte die Mutter, eine gelernte Floristin, zwei Jobs auf einmal, und am Abend rackerte sie sich noch als Hauswartin ab, und doch reichte es nie. Und dann hatte sie wieder gar keinen Job, weil sich der Stundenplan des autistischen Sohns nicht mit den Anforderungen der Berufswelt vertrug.

Fünf Jahre lang lebte die Familie von der Soz, wie Stefanie Peter die Sozialhilfe nennt, war abhängig von Ämtern, Formularen, Urteilen. Es war alles etwas viel für die Mutter, und vielleicht war es auch etwas viel für ihre Tochter, denn die Mutter unterhielt sich häufig mit Stefi, «sie kehrte nichts unter den Teppich».

Sie lernte, dass nicht die Männer die Starken sind, sondern die Frauen.

Stefi passte auf den jüngeren Bruder auf, verteidigte ihn gegen blöde Sprüche, «ich habe huere viel von dem gespürt, was meine Mère durchmacht». Sie war ein ernstes Kind, eine Beobachterin, jedenfalls hat die Mutter ihr das später erzählt. Sie machte nur Dinge, in denen sie einen Sinn erkannte, hatte keine Bäbis, fand Spielplätze doof, ausser Abenteuerspielplätze.

Sie hing lieber mit Buben als mit Mädchen herum, mass sich mit Worten, und später, als sie etwas älter war, schloss sie sich nur darum nicht den Sprayern an, weil sie ihrer Mutter keinen Kummer bereiten und keine Geldbusse riskieren wollte.

Stefanie Peter war eine, die sich auflehnte, aber nicht gegen die Mutter, sondern gegen das Gutbürgerliche, Propere und Wohlbehütete, dem sie ausserhalb ihrer Familie überall begegnete. Sie lernte, dass nicht die Männer die Starken sind, sondern die Frauen, «sie sind die, die den Shit zusammenhalten, zwei Jobs, drei Kinder, und am Abend machen sie noch Düdüdüüü und verbreiten gute Laune».

«Von einer Elite erwarte ich im Fall etwas anderes, einen Dienst an der Menschheit, nicht dieses Verknorzte und Veraltete»: Steff la Cheffe, 2011. Foto: Keystone

Es gab Momente, in denen sie sich schämte, arm zu sein, nicht arm wie die Menschen in den Wellblechhütten und mit den Hungerbäuchen, aber so arm, dass man nicht mitmachen kann, wo man als Kind in der Schweiz mitmachen will, Ferien, Markenklamotten, mal ein Znüni-Brötli von der Bäckerei.

Wenn Stefanie Peter in der Schule den Antrag für die Winterhilfe ausfüllte, musste sie mit dem Zettel nach vorn zum Pult der Lehrerin, das fuhr ihr ein, «das bleibt dir ein Leben lang, uhuere nicht cool». Und als der Franzlehrer in der fünften Klasse fragte, was die Eltern von Beruf seien, und Stefi sagte, ihre Mutter sei dies und das, und der Lehrer nachfragte: Und der Vater? – da hätte sie aus der Haut fahren können. «Alter, wo ist dein Feingefühl?»

Dennoch: Sie hat schöne Erinnerungen an ihre Kindheit, jedenfalls bis sie in die Pubertät und ans Gymnasium kam, an den Kirchenfeld-Gymer auf der anderen Seite der Aareschlaufe mit seinen Kids aus den guten Familien. Ihre Mutter hatte sich gewünscht, dass sie den Gymer besucht, wenn sie es draufhat, weil die Mutter sich noch gut an die Worte erinnerte, die ihr eigener Vater einst wie einen Hammer über ihr niedergelassen hatte: «Es ist egal, welche Ausbildung du machst. Du wirst heiraten und Hausfrau sein.»

Der Gymer war ein Bruch, «ich schob abartig die Krise», sagt Stefanie Peter, zündet sich eine weitere Zigarette an, nimmt einen Schluck Tee – und holt aus: «Ich fing an, mich für die Welt zu interessieren, informierte mich, diskutierte, stellte Dinge infrage. Ich war fünfzehn, als ich die Reitschule entdeckte, nahm an konspirativen Treffen teil, voll ernst, wir demonstrierten, druckten Flyer, setzten uns wegen des Irak-Kriegs vor die amerikanische Botschaft. Ich fand das Schulsystem Kacke, sorry, kann es nicht anders sagen. Schon früher hatte mich das gestresst, jetzt konnte ich es benennen. Im letzten Jahr nahm mich die Sportlehrerin zur Seite, sagte, ich sei ein Alphatier, und wenn sie mit mir rede, bessere sich vielleicht die ganze Klasse, ich dachte: Das ist genau das Problem, so verkehrt.

Ich erklärte ihr, was mich stört, nämlich dass der Gymer ein asozialer Betrieb sei, es gehe nur um Leistung, wir würden herangezüchtet, um zu funktionieren in einem Wirtschaftssystem, das auf Ausbeutung basiert. Die Natur, die Ressourcen, die Tiere, alles würden wir verschleissen, war damals ja Vegetarierin, und die Lehrerin sagte: Mit dieser Einstellung solle ich besser an die Steinerschule. Immer sagte man uns, wir, die wir am Gymer sind, gehörten zur Elite, aber von einer Elite erwarte ich im Fall etwas anderes, einen Dienst an der Menschheit, nicht dieses Verknorzte und Veraltete, manche Lehrer verteilten seit dreissig Jahren dieselben Blätter.

Ich war hässig wie die Sau, abends weinte ich mich am Küchentisch aus, meine Mutter hörte mir zu, und wenn etwas Zeit verstrichen war, sagte sie, ich solle ins Zimmer und den Frust ins Kissen hauen, bis ich müde bin. Manchmal ging ich in die Englischen Anlagen und schrie den Himmel an, einen Laternenpfahl, den nächsten Baum. Ich hatte auch huere lang Berührungsängste mit der Uni, habe bis heute nur einmal eine Uni von innen gesehen, das war, als jemand ein Rap-Seminar organisierte und mich einlud. Ich wusste nicht, was ich werden wollte, als Kind dachte ich: Schriftstellerin oder Psychologin. Heute bin ich ein bisschen beides.»

Puuuh. Stefanie Peter atmet durch, raucht.

Sie war dreizehn, als der ältere Bruder ihr zwei selbst gebrannte CDs schenkte, auch aus Eigennutz. Er nahm Stefi oft mit, wenn er aus dem Haus ging, und hätte sie einen schlechten Musikgeschmack gehabt, wäre ihm das peinlich gewesen.

«Auch ich hatte eine ‹Bravo-Hits›-Phase», sagt sie, aber das änderte sich nun. Stefanie Peter entdeckte eine Welt, die ihr den Atem raubte. Die eine CD, die sie bekommen hatte, war von The Roots, Hip-Hoppern aus den USA, die andere von Rahzel, einem Beatboxer. Beatboxing ist eine Musikrichtung, bei der Rhythmusgeräusche und Instrumente mit den Lippen, der Zunge, der Nase, dem Gaumen, den Backen und dem Kehlkopf imitiert werden.

Durch die Tür drangen komische Geräusche, ihre Mutter verstand lange nicht, was das genau war.

Rap und Beatboxen: Das sollte, dachte Stefanie Peter, ihre Ausdrucksform werden. Ein Underground-Ding, von dem sie sich verstanden fühlte: harte Kerle, die von ihrem harten Leben erzählen. «Klar ist Ghettoarmut nicht dasselbe wie relative Armut», sagt sie, «trotzdem war meine Kindheit ein einziges Ringen, wir kämpften, damit es uns gut ging und wir vorankamen. Fuck, meine Mère putzte im Kindergarten den Scheiss der Kinder weg, die niedrigste Arbeit, schlecht bezahlt. Und der Vater, der die Familie schützt, das Glied zwischen Familie und Gesellschaft, der die Familie nach aussen vertritt, das ist ja auch heute noch ein bisschen so – der fehlte bei uns, das hat auch noch meine Mère gemacht, nach innen, nach aussen, sie war alles.»

Abends, nach der Schule, schloss sich Stefanie Peter nun immer öfter ein, inzwischen war die Familie in eine grössere Wohnung mit einem Zimmer für jedes Kind gezogen, und übte sich im Beatboxen. Durch die Tür drangen komische Geräusche, ihre Mutter verstand lange nicht, was das genau war.

Stefanie Peter hatte ihr Ding gefunden, aber jahrelang wagte sie sich nicht nach draussen damit. Nebenbei schrieb sie Gedichte, die nie jemand zu lesen bekam, und erste Liedtexte. Sie wusste, wie intolerant und unerbittlich die Hip-Hop-Szene sein kann, erst recht einer jungen Frau gegenüber. Diese Macho-mit-den-verschränkten-Armen-Attitüde – «was will denn dieses Chick hier?»

Sie war überall dabei, besuchte Konzerte, ging an Jamsessions, zog sich die Hip-Hop-Sendungen des Alternativradios RaBe rein. Und sie unterhielt sich mit allen, kannte bald jeden, bewunderte die Jungs, Greis vor allem, das Aushängeschild mit den nachdenklichen Texten, und lernte: «Wenn ich dann mal selbst auf der Bühne stehe, muss mein Shit hinhauen, die Leute müssen beeindruckt sein und nicht so: Ah ja, ist noch nett.» Sie legte sich ihren Künstlernamen zu, Steff la Cheffe, um schon mal klarzumachen, dass der Boss in Zukunft eine Bossin ist. So tickt der Hip-Hop: Du erzählst von dir und wie cool du bist.

Das erste Album erschien im Frühling 2010: Der Song «Bittersüessi Pille», von Steff la Cheffe. Video: Youtube

Aber sie hatte nicht gedacht, dass sie so lange würde warten müssen. Es war 2007, sie war zwanzig und ready. Sie wollte den Fame und hatte eine Botschaft. Sie ist nicht intellektuell verbrämt, aber denkt verdammt schön über das Leben nach. Ihr Feminismus ist nicht angelernt, sondern einer, der auf eigenen Erfahrung aufbaut. Und damit wollte sie raus, mit Geschichten aus ihrem Leben. Aber die Giele, die im Berner Hip-Hop den Ton angaben, zögerten. Stefanie Peter gehörte dazu und irgendwie auch nicht, eine Frau halt.

Sie wollte mit Profis arbeiten, wollte einen Produzenten, ein Label, einen Manager, aber mochte sich nicht anbiedern. Sie dachte, irgendwer würde schon auf sie zukommen, sie weigerte sich, eine der Rollen zu übernehmen, die der Hip-Hop für Frauen vorgesehen hat, wollte weder die kleine Sister noch die Kampflesbe noch die Bitch sein. Sie sagte sich: «Ich bin Steff, zieht euch warm an und nehmt mich gefälligst ernst.»

Von den Leuten, die ihr hätten helfen können, wurde sie manchmal gefragt, ob sie sich nicht wenigstens ein bisschen weiblicher anziehen könnte – wohl weil das in ihren Augen die Karrierechancen erhöht hätte. In solchen Augenblicken flippte sie aus. «Ich war fünfzehn, achtzehn, zwanzig, musste mein Dasein als Frau erst definieren. Diese Sexualisierung der Frau hat mich wahnsinnig gemacht, ich war dann grad extra mit Hoodie, Trainerhosen und Turnschuhen unterwegs, ein Tomboy.»

Der Aufstieg

Und dann war es Dodo, der auf sie zuging, ein Zürcher – Sonnenschein-Dodo, wie man ihn in der Szene manchmal etwas abschätzig nannte, weil einer, der so viel gute Laune verbreitet, vielen Rappern schräg reinkommt. «Hör auf zu singen», sagten sie ihm, «und hör verdammt noch mal auf zu lachen!»

«Ich bin Steff, zieht euch warm an und nehmt mich gefälligst ernst»: Steff la Cheffe bei einem Auftritt an den Swiss Football Awards 2013. Foto: Keystone

Dodo heisst eigentlich Dominik Jud und lebte eine Weile in Bern, seiner damaligen Freundin wegen. Und die war es, die ihm während eines Auftritts von Steff la Cheffe im Sous Le Pont in der Reitschule zurief: «Das ist die, die du suchst.» Dodo stand gerade auf der Schwelle vom Rapper zum Produzenten, er wollte zurück ins Studio, aber nicht mit eigenen Liedern.

Drei Jahre später, im Frühling 2010, erschien «Bittersüessi Pille», Steff la Cheffes erstes Album, zweiundzwanzig Wochen lang war es in den Charts. Für die Plattentaufe hatte sie ein riesiges weisses Tuch vor die Bühne spannen lassen, hinter dem sie herumtigerte wie eine Boxerin. Im Licht der Scheinwerfer bildete sich ein überlebensgrosser Schatten. Die Musik setzte ein, das Tuch fiel, und sie stand da: «S – T – E, Doppu-F, d’Steff la Cheffe het Superchräft». Noch einmal drei Jahre später, im Frühling 2013, erschien ihr zweites Album, «Vögu zum Geburtstag» – Platz 1 in den Charts, ein Märchen.

Puuuh. Sie raucht.

Die Medien rissen sich um sie und setzten sie auf die Titelseiten, Aeschbacher holte sie in seine Sendung. Sie gewann einen Swiss Music Award und hatte ein Publikum bald nicht mehr nur unter Hip-Hop-Fundis, sondern auch unter Musikwelle-Hörerinnen.

Den einen knallte Steff la Cheffe den eher nicht so allgemeintauglichen Teil ihres Schaffens in den Äther, die gereimte Wut, die in Worte übersetzte Härte, für die anderen hatte sie «Annabelle» parat, die Single ihres ersten Albums, das Symbol ihres Durchbruchs. Kaum ein Teenie, die den Text nicht auswendig kannte: «I bruche nöii Schue, i bruche es Gucci-Täschli / I bruche e nöie Duft, i choufe tusig Fläschli / I bruche e schöni Maske, i bruche Make-up / I bruche e nöii Nase, wüu di auti gheit ab.»

Der Hit, der die grosse Masse begeisterte: «Annabelle» kam 2013 mit Steff la Cheffes 2. Album raus. Video: Youtube

Es war ein Song über Schönheitswahn und Leistungsdruck, ein todernster, aber so anmächelig verpackt, dass auch mitsang, wer sich vielleicht besser mal ein paar Gedanken gemacht hätte.

Steff la Cheffe war angekommen, wo sie hingewollt hatte, war das Huhn im Hip-Hop-Hahnenkorb, wie sie es manchmal formulierte. Aber sie hatte sich keine Elefantenhaut zugelegt, wie einige in ihrem Umfeld ihr geraten hatten. Wenn sie am Morgen aufstand und sich bei Facebook einloggte, bekam sie alles ab, Liebe und Hass. Ein Mann schrieb, «wooow, du blöde Bitch», er würde sie gern mal mit seinen Kollegen rannehmen, zu zehnt.

Schon nach dem ersten Album stellte sie das ganze Steff-la-Cheffe-Projekt infrage.

Inzwischen mochte sie es, sich chic zu machen, sie schminkte sich, trug Stilettos und ein Abendkleid. Aber es ging ihr auf den Keks, dass das dann immer gleich von irgendeinem Onlineportal registriert wurde, als wäre es eine Nachricht. Stets ging es um ihr Aussehen, um sie als Frau – «sag, Stefi, wie ist es als Frau im Löwengehege?» –, sie konnte nie einfach Künstlerin sein. «Das Werk eines Mannes ist einfach ein Werk. Das Werk einer Frau? Ist immer das Werk einer Frau.»

Schon nach dem ersten Album stellte sie das ganze Steff-la-Cheffe-Projekt infrage, die Kunstfigur der niemals erschöpften Kämpferin. Am Ende der Tour hatte sie ein Burn-out, sie nannte es einen Nervenzusammenbruch. Sie sagte alle noch ausstehenden Termine ab, der Manager schob irgendeinen Grund vor.

Beim zweiten Album ging sie Kompromisse ein, «ich hielt die dunkle Seite von Stefi im Zaum». Die Single «Ha ke Ahnig» wurde zum Sommerhit, wieder eine rosarote Verpackung, wieder eine ernste Botschaft, ein Lied wie ein Trojanisches Pferd:«Sie frage geng zgliche, hei schlächt recherchiert / lueg i mire Bio wie me Cheffe buechstabiert / I vrzeue geng zgliche, bis langsam leid / Sie plapperes enang nache wiene Papagei / (…) I cha säge, was ig wott / Sie presses glich so, dass es Schlagzile macht / Und sich besser vrchouft / (…) I cha mi nid beschwäre über fählende Erfoug / Aber ig würd lieber rede übers Läbe und dr Tod.»

Dieser Song wurde zum Sommerhit: «Ha ke Ahnig» von Steff la Cheffe. Video: Youtube

Und dann? Stefanie Peter denkt nach und sagt: «Können wir das auf ein nächstes Gespräch verschieben? In einer Woche, wieder hier?»

In der Zwischenzeit: Anruf bei Andreas Vollenweider, dem wahrscheinlich bekanntesten Harfenspieler der Welt, der erste Schweizer Grammy-Gewinner, ein Star ohne Allüren, «ich habe so viel Zeit für Sie, wie Sie wollen». Vierundsechzig Jahre alt, siebzehn Studioalben, zwei Livealben, sieben Compilations, ein Gesamtwerk, das andere nicht in hundert Leben hinbekämen.

Vollenweider wurde auf Stefanie Peter aufmerksam, als ihr Aufstieg noch bevorstand, 2009 rief er sie auf ihrem Handy an, sie hatte gerade Mittagspause und sass in der Mensa der Hochschule in Luzern, kurz darauf sollte sie auch ein bisschen seinetwegen das Studium in Sozialer Arbeit abbrechen.

«Es überrascht mich überhaupt nicht, dass Stefi Probleme bekommen hat.»Andreas Vollenweider, Musiker

«Hier ist der Andi Vollenweider», sagte er, Stefanie Peter zögerte, eeehm, hallo, ja? «Halt, Vollenweider? Der Harfenspieler?» Genau, er sei im Internet auf Videos von ihr beim Beatboxen gestossen, und er würde gern mal schauen, ob sie zusammen funktionieren. Sein Schlagzeuger habe einen Töffunfall gehabt, jetzt brauche er jemanden, der ihn auf der Welttournee ersetze, und da habe er gedacht: Warum nicht sie, die Beatboxerin, sozusagen ein menschliches Schlagzeug?

Stefanie Peter, ein bisschen überfordert, sagte, dass sie drüber schlafen möchte, sie ging heim, googelte, es wurde ihr schlecht, mit wem der Andi alles schon aufgetreten ist. Und Prince – ein Riesenfan! Läck Bobi. Sie erzählte es ihrer Mutter, die flippte aus, und natürlich sagte sie zu.

Vollenweider lud sie zu sich nach Hause ein, seine Frau öffnete ihr die Tür, sie fühlte sich sofort willkommen, man probte, verstand sich, Vollenweider ist ein Autodidakt wie sie, die nie Noten lesen gelernt hat. Und dann begleitete Stefanie Peter ihn tatsächlich um die Welt, viele Monate lang, tosender Applaus in Shanghai, Standing Ovations in Budapest, Vollenweider wurde zu einem väterlichen Freund.

Dieser väterliche Freund sagt jetzt am Telefon: «Es überrascht mich überhaupt nicht, dass Stefi Probleme bekommen hat.» Und dann holt auch er aus, als hätte er gerade selbst so einen Steff-la-Cheffe-Moment, gerät ins Schwärmen, macht kaum noch Pause, am Ende ist es ihm fast nicht mehr recht. «Ich bin einfach wahnsinnig beeindruckt von ihr.» Schon als er bloss ihre Videos kannte, habe er gespürt, dass mehr als nur Beatboxen dahintersteckt, man lerne ja zwischen den Zeilen zu lesen in seinem Alter.

«Wenn eine wie Stefi kommt, deren Kunst so tief aus ihrem Herzen dringt – logisch entsteht dann Schmerz.»Andreas Vollenweider, Musiker

«Sie war so eine Gescheite, ich meine nicht schulgescheit, sondern lebensgescheit, sie war jung, aber hatte schon viel erlebt, und das strahlte sie aus. Und dann ist da diese Musikalität, sie hat ein Gefühl für alles, und wie sie improvisiert, das hat mich umgehauen, schon bei unserem ersten gemeinsamen Auftritt fuhr sie niemals über die Formen hinaus. Dabei passiert das beim Improvisieren schnell mal, wenn man nervös ist.»

Und ja, er habe sie gewarnt vor der Öffentlichkeit, «wir waren ja kurz vor dem Release ihres ersten Albums zusammen unterwegs». Sie sei, habe er ihr gesagt, so unmittelbar und echt, und das sei eine Qualität, eine seltene und kostbare und eigentlich heilige, «sorry für das Pathos!». Aber sie werde dafür unvermeidlich immer mal wieder eins auf den Deckel kriegen.

Die Öffentlichkeit sei eine Welt der Künstlichkeit, sie verhalte sich nicht differenziert, schon gar nicht einem Menschen gegenüber, der sich komplett öffnet, der alles reingibt und sich mit Haut und Haaren exponiert. «Wenn eine wie Stefi kommt, deren Kunst so wertvoll ist und so tief aus ihrem Herzen dringt – logisch entsteht dann Schmerz und wird sie verletzt.»

Warum ihr alles zu viel wurde

Zurück in dem Café in Bern, heute ohne Sonne, Stefanie Peter sitzt drinnen, hinter grossen Glasscheiben mit dem Rücken zum Tresen. Ansonsten: das gleiche Programm wie beim letzten Mal, Rooibos-Tee, Cappuccino, zwischendurch eine Selbstgedrehte vor der Tür. Sie wohnt gleich um die Ecke, Lorrainequartier, hinter einer grauen Fassade in einer Atelierwohnung mit einem fast vier Meter hohen Raum, manchmal liegt sie nur auf dem Bett und schaut zur Decke.

«Du bist so stark im Kopf – schaffst du das auch mit deinen Händen?»Stefanie Peters Chef in der Käseverarbeiterei

Als sie nach dem zweiten Album keinen anderen Ausweg sah, als zu verschwinden, löste sie ihre Wohnung auf, stellte ihre Möbel im Keller einer Freundin ein und ging für ein Jahr auf Reisen. Sie besuchte eine Tante in der Karibik, bezog mit Freunden einen Bungalow in Thailand, stieg bei Bekannten in Berlin ab, zog durch die Strassen Barcelonas, hütete ein Haus auf den Liparischen Inseln.

Als sie im Herbst 2015 zurückkehrte, zog es ihr gleich wieder den Boden unter den Füssen weg. «Ich kam einfach nicht klar mit dem Vibe hier», sagt sie, «so neurotisch die Leute, so gestresst, alle am Handy, seelisch verhungert.»

Das Reisen hatte Geld gekostet, Stefanie Peters Ersparnisse gingen zur Neige, und weil sie sich noch immer nicht zu einem Entscheid durchgerungen hatte, wie es mit Steff la Cheffe weitergehen sollte, fragte sie einen Kumpel, der bei Jumi arbeitete, dem Käseverarbeiter in Boll-Utzigen, ob sie jemanden brauchen. Sie nervt sich wahnsinnig über Rapper, die in ihren Liedern das Gute predigen, im wahren Leben dann aber für irgendeinen renditeorientierten Riesenkonzern Werbung machen und daran viel verdienen.

Nach dem Gymer hatte sie an einem Kiosk im Untergeschoss des Hauptbahnhofs gearbeitet, drei Jahre lang, zwanzig Stutz die Stunde, «andere Frauen machen das ihr ganzes Berufsleben, weil sie keine Wahl haben». Und jetzt also die Büez im Kühlraum, von morgens um acht bis abends um fünf, und am Samstag der Verkaufsstand am Münstergassmärit.

«Du bist so stark im Kopf», sagte der Chef einmal zu ihr, «schaffst du das auch mit deinen Händen?» Worauf sie sich einen Tag lang den Mund zuklebte, um sich zum Schweigen zu zwingen, nicht denken, nicht reden, nur chrampfen.

«Alle, die Geld verdienen, prostituieren sich, die Frage ist: Bist du eine Drogenhure oder eine Edelnutte?»Stefanie Peter

«Ich kam auf die Welt», sagt sie, «hatte vergessen, in welchem Film die meisten Leute drin sind, dieses Minütelen, man rackert, um am Wochenende die Sau rauszulassen und alles zu vergessen, und am Montagmorgen ist man betrübt, weil alles von vorn losgeht. Es ist eine Herausforderung, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und herauszufinden, was man gern macht, wo ist mein Feuer, meine Leidenschaft? Solange du das nicht weisst, musst du halt arbeiten, um die Rechnungen zu bezahlen, und ich habe das Gefühl, dass viele Leute dieses Kapitel bereits abgeschlossen haben, sie haben vergessen, sich diese Fragen zu stellen, sind nur noch am Geldverdienen, können sich nicht identifizieren mit dem, was sie machen, das ergibt dann diesen Sinnverlust, die gefühlte Leere.

Sie prostituieren sich. Alle, die Geld verdienen, prostituieren sich, die Frage ist: Bist du eine Drogenhure oder eine Edelnutte? Ich habe das Glück, als selbstständig erwerbende Musikerin in der Schweiz eher eine Edelnutte zu sein.»

Puuuh. Kurze Pause, «darf ich schnell?», Zigarette.

Es war eine Zeit des Nachdenkens, bei sieben Grad Raumtemperatur, Kisten schleppen, Käselaibe putzen, bezahlte Reha. Stefanie Peter kapierte, dass ihr Leben wie ein Ding ist, das aufgeht und sich dann wieder zusammenzieht, im einen Moment pulsiert es und dehnt sich aus, im anderen wird es klein und besinnt sich auf sich.

Sie verstand, warum sie mit den Erwartungen, die sie an sich gehabt hatte, und mit der Aufmerksamkeit, die die zwei Alben generiert hatten, nicht klargekommen war, sie hatte Angst vor dem Fallen gehabt, vor einem Leben ohne Zukunft. «Das war tief in mir drin», sagt sie, «diese Angst, nicht zu genügen, es nicht allein zu schaffen, die Angst vor der Armut. Ich war unglaublich streng zu mir selbst.»

«In letzter Zeit hat mich auf der Strasse kaum noch jemand erkannt.»Stefanie Peter

Die Antwort auf die Frage, warum ihr alles zu viel geworden war, ist keine, die sich auf ein einzelnes Stichwort reduzieren und herausschreien lässt. Es ist auch nicht so, dass man irgendwem oder irgendwas die Schuld geben könnte, eher liegt es an allem ein bisschen. Etwa daran, dass plötzlich alle eine Meinung über Stefanie Peter hatten. Oder daran, dass sie zu allem eine Meinung haben musste. Oder daran, dass sie sogar im Thermalbad erkannt und angesprochen wurde, einmal sogar in den Ferien in Marokko.

Sie haderte ganz allgemein mit der Öffentlichkeit, dem Bekanntsein, es war etwas Schleichendes, das sie belastete, etwas Stilles, manchmal zog sich einfach ihr Herz zusammen, nachdem sie durch den Bahnhof gegangen war und ihr auf hundert Metern fünf Leute «Ha ke Ahnig» hinterhergerufen hatten. Sie erwartet nicht, dass irgendwer versteht, warum sie das als belastend empfand. Sie lief ja nicht plötzlich mit irgendwelchen sichtbaren Wunden herum.

Steff la Cheff erzählt, weshalb sie nicht mehr konnte: Interview an der Royal Arena 2016. Video: Youtube

Irgendwann stand sie einfach am Käsestand und nicht mehr auf der Bühne, machte kein Drama draus, sondern war einfach weg.

«Man wird nicht als Bekanntheit geboren», hat Andreas Vollenweider am Telefon gesagt, «man kann sich nur daran gewöhnen, wenn man es erlebt. Es können dich noch so viele Freunde davor warnen und dich darauf vorzubereiten versuchen, es reicht nicht. Man muss das selbst durcharbeiten.»

Und Stefanie Peter sagt: «Es ist eine banale Erkenntnis, aber sie war wichtig. Die Leute vergessen dich, in letzter Zeit hat mich auf der Strasse kaum noch jemand erkannt. Sie vergessen dein Gesicht, deinen Namen, und das ist gut. Ich weiss jetzt: Selbst der grösste, verrückteste, nervtötendste Hype geht vorüber.»

Die Rückkehr ins Rampenlicht

So gesehen, lässt sich auch die Antwort auf die zweite Frage nicht auf einen Satz reduzieren, die Antwort auf die Frage, warum sie denn zum Schluss kam, ins Rampenlicht zurückkehren zu wollen. Und tut man es doch, klingt es wie eine Plattitüde, nämlich so: Stefanie Peter entschied sich, nicht mehr so viel darauf zu geben, was die Leute von ihr und ihrer Kunst denken.

Sie hatte echt sein und sich nicht verbiegen wollen, aber sie hatte auch verstanden und gemocht werden wollen. Ein Widerspruch, wie sie jetzt erkannte, einer, der sich nicht auflösen liess, sie konnte ihn, wenn sie weitermachen wollte, nur hinnehmen.

Und dann, als es wieder aufwärtsging, wurde sie auch noch von Stephan Eicher kontaktiert. Bei ihm wusste sie sofort, wer er war, nicht wie einst bei Vollenweider. Aber diesen Mir-wird-schlecht-Moment – den hatte sie erneut: Ob sie, Stefi, ihn durch Frankreich begleiten möchte, im Nightliner, über ein Jahr lang, Tourstart im Januar 2018?

Plötzlich gab es keine Grenzen mehr, Stefanie Peter war wieder ready.

Auch Eicher hatte mitbekommen, dass Stefanie Peter abgetaucht war, und als man die Proben für die Tour terminierte, sagte sie ständig, dann und dann könne sie nicht, da arbeite sie am Käsestand oder im Kühlraum. «Das hat mich wahnsinnig beeindruckt», sagt er, «aber ich dachte auch: Sie hat so viel, das in ihr köchelt, und wenn das nicht irgendwann wieder rauskann, explodiert der ganze Topf. Ich glaube, Kreativität ist das beste Ventil für sie. Ich habe in meinem Leben viele Menschen kennen gelernt, aber kaum je einen so sensiblen wie sie. Sie analysiert ständig, um herauszufinden, was gut ist für sie und was nicht, sie distanziert sich, kommt wieder näher – ich finde das sehr faszinierend. Sie hat etwas, das ich lange vermisst habe und in der jüngeren Generation nun endlich wiederentdecke: Sie nimmt die Realität nicht hin, wie sie sich präsentiert, sondern sie will sie verändern.»

Die Vorbereitungen für die Frankreich-Tour, die Arbeit am neuen Album, das Theaterstück «Alice» über Frauenrollen und Genderklischees – all das geschah zwischen Herbst 2016 und Herbst 2017. Plötzlich gab es keine Grenzen mehr, Stefanie Peter war wieder ready. Sie umgab sich mit Leuten, die ihre Ideen teilen, und wurde von Leuten gefunden, die sie inspiriert.

Zu jener Zeit dachte sie häufig an die Vorstellung vom Gärtner und von der Bildhauerin, der Gärtner, der darauf vertraut, dass alles aus dem Samen heraus entsteht, man muss sich nur aufmerksam um ihn kümmern, und die Bildhauerin, die glaubt, dass alles aus ihr heraus entsteht, dass sie alles formt und ohne sie nichts wäre.

«Ich glaube, dass ich aus meiner Wut etwas Positives machen will.»Stefanie Peter

«Bin halt eher der Gärtner», sagt Stefanie Peter, sie sehe die Dinge gern wachsen, natürlich irgendwie, sie glaube, dass Gutes entsteht, wenn man von etwas wirklich beseelt ist. Wenn sie früher auf eine Bühne kam und gedisst wurde, legte sie sich mit den Jungs an, «komm rauf, ich mach dich platt!», aber damit kann sie nichts mehr anfangen. Dieses Destruktive, sagt sie, der Hass – das bringe nichts.

Sie sei eine Kämpferin geblieben, aber sie habe die Waffen gewechselt, sie tänzelt jetzt, anstatt einfach zurückzuschlagen, so drückt sie es aus. Eine Weile schaute sie wie hypnotisiert Martial-Arts-Filme, die Kunst des Wing Tsung hatte es ihr besonders angetan, sie basiert auf der Legende vom Kranich, der den Angriffen der Schlange mit eleganten Flügelschlägen ausweicht, den Brustkorb stolz und standhaft auf die Schlange gerichtet, ehe er mit dem Schnabel geradeaus zum Konter ansetzt.

Die Entstehung ihres neusten Albums «Härz Schritt Macherin»: Der Trailer mit Stefanie Peter. Video: Youtube

«Wut ist legitim», sagt Stefanie Peter, «aber sie ist nicht alles. Die Frage ist, in was man Wut verwandelt, und was mich betrifft, glaube ich, dass ich aus meiner Wut etwas Positives machen will.»

Und so kam es dann auch: Steff la Cheffe, ein Feuerwerk. Das Theaterstück in Bern, Zürich und Basel: mitten in der #MeToo-Debatte, ausverkaufte Säle. Die Frankreich-Tour mit Eicher: Sie singt, rappt, beatboxt, schauspielert, ist die Zweitstimme bei ihm und er die Zweitstimme bei ihr. Und jetzt das neue Album: Es heisst «Härz Schritt Macherin» und ist ihr bestes.

Die Frage ist bloss: Was wird sein, wenn Stefanie Peter wieder für alle Steff la Cheffe ist?

Erstellt: 05.05.2018, 15:27 Uhr

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