Warten auf den Lover

So klingt das neue Album des englischen Popstars Sam Smith: aufgekratzt, unheilvoll.

Nimmt Abschied von einer verflossenen Liebe: Sam Smith. Foto: PD

Nimmt Abschied von einer verflossenen Liebe: Sam Smith. Foto: PD

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1. Too Good at Goodbyes: Wie kehrt ein Popstar zurück, der nach seinem Bond-Titelsong vor zwei Jahren keine Musik mehr veröffentlicht hat? Mit einem Pianoakkord in Moll, und der Zeile «You must think that I’m stupid» und weiteren Selbstbekenntnissen, die an seinen Ex-Lover gerichtet sind. Nach 21 Sekunden setzen die Fingerschnipser ein, nach vierzig Sekunden sind wir schon im Vor-Refrain, und nach 1 Minute fährt Sam Smith bereits einen Gospelchor auf. «I’m way too good at goodbyes», singt er mit seiner Goldstimme, der Chor wiederholts. Adele, Englands andere prägende Popsoulstimme der Gegenwart, sagte bei ihrem Comeback bekanntlich «hello», Smith nun also «goodbye». Doch sein zweites Album «The Thrill of It All» hat ja erst begonnen.

Comeback mit einem Abschied: Sam Smiths «Too Good at Goodbyes». Video: SamSmithWorldVEVO (Youtube)

2. Say It First: Nun aber Gitarren aus der The-xx-Schule, ein elektronisches Pochen, und die Sehnsucht des Sängers, dass sein «darling» doch einfach seine Liebe bekennt: «If you love me, say it first.» Eine Antwort oder einen erlösenden Gospelchor gibts nicht, nur die maschinell gefilterte Stimme, die das «say it, say it» wiederholt.

3. One Last Song: Und noch einmal singt Sam Smith ein Lied für seinen Verflossenen, ein letztes, so behauptet er jedenfalls, und es ist ein gar aufgekratzter Abschied in der Soulkirche, den aber andere Sänger mit weniger Gespür für Timing plakativer ausgeschlachtet hätten. Nach drei Minuten und 15 Sekunden ist Schluss, der Sänger muss ja weiter. Vielleicht wartet bereits ein neuer Lover?

4. Midnight Train: Nun gut, Smith ist doch noch nicht am Ende mit der eigentlich abgeschlossenen Beziehung, auch weil «The Thrill of It All», so weiss man spätestens an dieser Stelle, ein Break-up-Album ist. Man begleitet ihn im Mitternachtszug, nachdem er eben Schluss gemacht hat, er fühlt sich als Monster, und was wird die Familie seines Ex-Boyfriends denn über ihn denken? «I got my reasons / But darling I can’t explain /I’ll always love you/But tonight’s the night I choose to walk away», singt er über seinen Abschied. Zu diesen Zeilen wählten Smiths musikalische Berater als Begleitung einen fast schon rudimentären Drumsound und eine nicht ausformulierte Gitarre, ein scheues Chörli und als Verzierung getupfte Streicher und Bläser. Dick ist das nie, angemessen aber schon, während der einsame Pendler weiterfährt.

5. Burning: Nun wirds persönlich – sagte der 25-jährige Smith zumindest in Interviews. Er verhandelt in dieser Pianoballade die Abstürze und die Ausschweifungen seines Lebens («I’ve been smoking, oh, more than twenty a day») nach einer Trennung im vergangenen Jahr. Die Stimme ist natürlich nicht verraucht, wie im unbegleiteten Intro einmal mehr zu hören ist, aber eben nicht gänzlich proper. Weil: «Yeah, I’ve been burning up since you left.»

Er brennt immer noch: Sam Smith singt «Burning». Video: SamSmithWorldVEVO (Youtube)

6. HIM: Ein Gospelchant führt in den Beichtstuhl, weil der Sänger enthüllt dem irdisch wirkenden «holy father» ein Geheimnis: «I’m not the boy that you thought you’ve wanted», hebt er an, er ringt um Worte, und fügt dann später an: «It is him I love.» Ein dramatisch inszenierter Coming-out-Song ist das, mit den anschwellenden Chants, die unheilvoll wirken.

7. Baby You Make Me Crazy: War das Coming-out in «HIM» halb so dramatisch? Das könnte man leider meinen, wenn Smith nun diesen unverfänglichen Feel-better-Song anstimmt. Eine Konzession an die Masse könnte das natürlich auch sein, denn die will ja nach seinem Debüt «In the Lonely Hour» (2014) auch bewirtschaftet werden. Ein Füller.

8. No Peace: Das passt dann schon wieder viel besser ins aufgewühlte Seelenleben dieser Platte. «No Peace» ist ein Duett, das Sam Smith mit der Sängerin Yebba eingesungen hat, die hier den Exzess schildert («So I’ll light up a cigarette/I’ll drink it down ‘til there’s nothing left/‘Cause I sure can’t get no sleep»). Das verlustig gegangene Stückchen Herz bleibt aber unauffindbar.

9. Palace: Einst war ihre Liebe ein Palast, doch nun sind da nur noch Ruinen. «But real love is never a waste of time», singt Smith, der hier an der Gitarre begleitet wird von der Countrysängerin Camaron Ochs. Wer hier wandelt, bleibt nicht unberührt zurück.

10. Pray: Zum Schluss bleibt Zuflucht im Gospel, zeitgemäss designt vom Superproduzenten Timbaland. Doch ist der letzte Ausweg für den Sänger wirklich die Kirche? Nun, er hadert. Denn an einen Gott glaubt er nicht. Aber ja, vielleicht wird er nach all den schlechten Entscheidungen doch beten, weil am Schluss hat das noch ein Jeder getan. «Maybe I’ll pray, pray, maybe I’ll pray/ I’ve never believed in You, no, but I’m gonna pray», sind die letzten Worte dieser Platte, die nach 35 Minuten ein zweifelndes Ende feiert.

Sam Smith: «The Thrill of It All» (Capitol Records/Universal), erscheint am 3. November.
Konzert: 9. Mai 2018, Hallenstadion, Zürich
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2017, 13:21 Uhr

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