Hauptsache Spass

Schweizer Festivals versuchen seit Jahren, nachhaltiger zu werden. Nur: Die Besucher wollen möglichst nichts davon merken.

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Ganze 1,3 Millionen Plastikflaschen liessen die über 150'000 Besuchenden am Glastonbury Festival vor zwei Jahren zurück. Emily Eavis, Co-Organisatorin des Festivals, bezeichnete den Anblick des mit Müll gefluteten Geländes als «haunting», verfolgend. Nun zogen die Veranstalter die Reissleine: Dieses Jahr dürfen auf dem Gelände keine Plastikflaschen mehr verkauft werden.

Auch einer der grössten Musikveranstalter der Welt, Live Nation, hat diesen Sommer angekündigt, bis 2021 jeglichen Einwegplastik von seinen Veranstaltungen zu verbannen, auch an Festivals. Bis 2030 will Live Nation an seinen Events gar den Zero-Waste-Status erreichen.

Wie handhaben Open Airs in der Schweiz die Abfallflut in Zeiten von #fridaysforfuture, Greta Thunbergs Botschaften für den Klimaschutz und EU-Plastikverboten? Wie umweltverträglich können Festivals überhaupt sein?

Ökostrom und Plastikröhrli-Verbot

«Veranstaltungen in der Grösse des Gurtenfestivals mit 80'000 Besuchenden können per se nicht nachhaltig sein», stellt Simon Haldemann, Manager des Gurtenfestivals, am Telefon gleich zu Beginn klar. Die Ziele von Live Nation findet er aber wichtig, wenn auch ambitioniert. Dieses Jahr laufe am Berner Festival ein ähnlicher Versuch. Im Backstagebereich sowie für die Helfer des Auf- und Abbaus wird es keine Plastikflaschen geben, stattdessen Mehrwegflaschen. Plastikröhrli sind schon seit letztem Jahr verboten. Als erstes Festival in Europa habe das Gurten 2004 Mehrwegbecher eingeführt.

Insgesamt betrug die Abfallmenge am letztjährigen Festival 50,5 Tonnen, 5 Tonnen weniger als im Jahr zuvor. «650 Gramm Abfall pro Gast für die gesamten vier Tage sind wenig», so Haldemann. Zum Vergleich: In vier Tagen – so lange, wie das Gurten dauert – produziert eine Person in der Schweiz durchschnittlich rund 7,7 Kilogramm Abfall.

Auch am Openair St. Gallen bemüht man sich seit einigen Jahren: Ökostrom auf dem gesamten Gelände, wie am Gurten ausschliesslich Schweizer Fleisch an Foodständen, eine Mehrheit der Besuchenden, die mit dem ÖV anreist – die Veranstalter übernehmen einen Teil der Kosten. Und ab diesem Jahr keine Plastikstrohhalme. Mehrwegbecher gibt es am Openair St. Gallen seit über 10 Jahren – Rücklaufquote 95 Prozent. Trotzdem: Die Abfallmenge lag 2018 mit 1,4 Kilogramm pro Gast und Tag deutlich über jener des Gurten.

Das Openair Frauenfeld schliesslich wird direkt unter der Nachhaltigkeitscharta von Live Nation stehen. «Wir unterstützen diese Haltung und werden die entsprechenden Massnahmen in den nächsten Jahren umsetzen», schreibt Joachim Bodmer, Kommunikationsleiter des Festivals, auf Anfrage. Auch sein Open Air arbeitet seit Jahren daran, ökologischer zu werden.

«Viele Leute finden es gut, wenn man etwas fürs Klima macht, aber wenige wollen von Massnahmen tangiert werden.»Joachim Bodmer, Openair Frauenfeld

Mehrwegbecher und andere mehrfach verwendbare Verpflegungsutensilien gibt es in Frauenfeld bisher nicht. Voraussichtlich würden auf nächstes Jahr «grössere Veränderungen» stattfinden, so Bodmer. Die Abfallmenge lag im letzten Jahr mit 1,4 Kilogramm pro Person und Tag, wie in St. Gallen, merklich höher als am Gurtenfestival.

«Die Währung Abfall ist irreführend. Die Abfallmenge in Kilogramm sagt nichts über die Nachhaltigkeit des Festivals aus», sagt Bodmer, nur schon, weil das Gewicht des Mülls von der Witterung abhängig ist. Nasser Karton wiege mehr als trockener.

Was wie eine Verteidigung wirkt, stellt sich als grundlegende Schwierigkeit heraus. Rolf Schwery ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens «SchweryCade», das auf nachhaltiges Eventmanagement spezialisiert ist. Er berät unter anderem die Migros, die alle von ihr gesponserten Events mithilfe einer Nachhaltigkeitsplattform monitoren lässt.

Direkte Nachhaltigkeitsvergleiche von Festivals seien schwierig, sagt Schwery. Einerseits, weil die Gegebenheiten vor Ort unterschiedlich seien. Beispielsweise habe das Gurtenfestival bei Anreise mit dem öffentlichen Verkehr durch seine Stadtnähe einen Vorteil gegenüber dem Openair Frauenfeld. Andererseits seien Vergleiche schwierig, weil wirklich vergleichbare Zahlen fehlen. Nur wenige Veranstalter legen ihre Zahlen und genauen Messmethoden offen. Das mache die Diskussion oft emotional.

Sicherheit vor Müll

Aber auch wenn alle Zahlen transparent kommuniziert würden: «Den» wichtigsten Messwert für Nachhaltigkeit gebe es nicht, auch wenn die Abfallmenge und Recyclierungsrate wichtige Kennzahlen seien. Jedes Festival müsse seine eigene Liste von Kernthemen festlegen, die den grössten Impact auf die Umwelt und das Umfeld hätten. Eines habe diese jeweils gemein: «Das Topthema bleibt die Sicherheit.»

Das Abfallkonzept sei dem Thema Sicherheit unterstellt, hänge aber direkt damit zusammen: «Stehen Abfalleimer im Weg, gefährdet das die Sicherheit.» Weniger Abfall bedeute mehr Sicherheit. Alles unter 1,5 Kilogramm pro Person und Tag findet der Experte akzeptabel, weniger als ein Kilo «sehr gut».


Was Open Airs für die Nachhaltigkeit tun

Beim Gurtenfestival schlafen 7 Prozent der Besuchenden auf dem Gelände, beim Openair Frauenfeld sind es bedeutend mehr. Das wirkt sich auf die Abfallmenge aus.


Das Abfallmanagement des Gurtenfestivals bezeichnet Schwery als vorbildlich. Dass dort weniger Abfall als anderswo entsteht, erklärt Festivalmanager Simon Haldemann unter anderem damit, dass es lediglich eine «Sleeping Zone» gibt. Dort seien Grills oder Sofas, wie sie auf herkömmliche Campingareale mitgebracht werden, nicht erlaubt.

Schwery bestätigt diesen Befund: Ein Grossteil des Abfalls an Festivals falle jeweils wegen der Campingareale an. Auch wenn man die Menge liegen gelassener Zelte durch sogenannte Zeltdepots reduzieren kann, löst diese Massnahme nicht alle Probleme. Die Besuchenden bekommen ihr Depot fürs mitgebrachte und wieder mitgenommene Zelt zwar zurück, wenn sie das Areal verlassen. Doch wer will, wird das Zelt einfach später los, etwa im Zug. «Restriktiv ist nicht immer besser», sagt Schwery.

Verbote vs. Spass

Er weist damit auf ein Dilemma hin: Weniger Abfall gleich mehr Zufriedenheit. Mehr Einschränkungen gleich mehr Unzufriedenheit. «Viele Leute finden es gut, wenn man etwas fürs Klima macht, aber wenige wollen von Massnahmen tangiert werden», weiss Joachim Bodmer vom Openair Frauenfeld aus Erfahrung. «Der Spass sollte im Zentrum stehen», findet Nora Fuchs, Pressesprecherin des Openair St. Gallen. Dieses sei immer noch ein Musikfestival. Massnahmen für die Umwelt sollten sich möglichst wenig auf die Gäste auswirken.

Nachhaltigkeit werde eben nicht nur aus der Perspektive des Abfalls gemessen, sagt Schwery. Nachhaltig sei, was einen bleibenden positiven Eindruck bei allen Beteiligten hinterlasse – bei der lokalen Bevölkerung und Naturschutzverbänden ebenso wie bei den Sponsoren und Gästen.

Am Openair St. Gallen bezieht man die Besuchenden dahingehend aktiv mit ein. «Was erwartet die Klimajugend von uns und wie ist sie bereit, am Festival mitzuhelfen?»: Um diese Fragen soll sich nach Nora Fuchs die Diskussion zwischen Veranstalter, geladenen Gästen und Musikfans drehen, die am diesjährigen Open Air stattfindet.

Aber was ist mit dem Elefanten im Raum, den CO2-Emissionen, die durch die Anreise der Stars anfallen? Am Openair St. Gallen machen die Flugemissionen über die Hälfte des gesamten CO2- Ausstosses aus. «Über die Flüge könnte man sich mehr Gedanken machen», so Schwery. Doch gerade an einem Hip-Hop-Festival wie in Frauenfeld, das stark von internationalen Grössen abhänge, seien die Alternativen beschränkt. Nur noch lokale Bands einzuladen, die mit dem Bus anreisen, sei nicht realistisch. Aber man könnte über CO2-Kompensation nachdenken.

Auf diese Karte setzt das Openair St. Gallen. Es kompensiert seine 2500 Tonnen CO2-Restemissionen in Zusammenarbeit mit der Stiftung Myclimate. Damit sei man dieses Jahr als erstes grosses Schweizer Open Air klimaneutral, so Fuchs. Am Openair Frauenfeld sieht man davon ab. Die Massnahme würde die Preise erhöhen, was wiederum die Besuchenden abschrecken könnte.

Was können die Besuchenden tun? ÖV-Anreise, Plunder mitnehmen, Mülltrennsysteme nutzen, Freunde zurechtweisen, die das nicht tun.

Schwery wendet ein, dass auch die Anreise der Besuchenden zu den Transportemissionen gezählt werden sollten. Eine der für ihn wichtigen Massnahmen, um die Nachhaltigkeit von Festivals zu fördern, wäre deshalb die Anreise mit dem ÖV – und dass die Veranstalter diese (noch mehr) fördern. Erneut bringt er die Sicherheit ein: mehr ÖV gleich weniger Staus, weniger Stress und weniger Autounfälle bei der Anreise.

Was erwartet Schwery noch von Festivals? «Nicht nur über gute Taten sprechen, sondern diese auch belegen.» Mehr Transparenz sei nötig, wenn man sachlich über das Thema diskutieren wolle. Wichtig sei dabei der Vergleich mit dem Vorjahr. Hat man sich verbessert? Wie kann man die Stars miteinbinden? Sie sollten das Thema Nachhaltigkeit aufnehmen, mit dem Publikum darüber sprechen, auch über Abfall, und auch mal auf gewisse Showeffekte, welche viel Abfall produzieren, verzichten.

Was können die Besuchenden tun, nebst ÖV-Anreise, um ihren ökologischen Fussabdruck an Festivals zu verringern? Schwery dazu: Plunder mitnehmen und verräumen, Mülltrennsysteme nutzen, Massnahmen der Open Airs für Nachhaltigkeit unterstützen, Freunde zurechtweisen, die das nicht tun. «Da habe ich schlimme Sachen gesehen. Leute, die in Abfalleimer pinkeln. Das ist nicht cool.»

Erstellt: 26.06.2019, 15:08 Uhr

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