«Was jetzt in der Schweiz passiert, ist bloss der Anfang»

Mit dem Live-Multi CTS Eventim drängt ein neuer Player in die Schweiz. Branchenkenner Berthold Seliger weiss, was das bedeutet.

Gehört neu zum Portfolio von CTS Eventim: Das Openair St. Gallen. Foto: Keystone

Gehört neu zum Portfolio von CTS Eventim: Das Openair St. Gallen. Foto: Keystone

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Das Open Air St. Gallen und einige weitere Schweizer Festivals und Agenturen sind neu in deutscher Hand. Die Beteiligten sprechen von einem Win-Win-Projekt und von besseren Marktchancen. Warum sind Sie da anderer Meinung?
Nun, für die beteiligten Veranstalter wird der Vorteil zunächst darin bestehen, dass sie ihr finanzielles Risiko senken, weil sie die Wirtschaftsmacht eines grossen Konzerns hinter sich haben. Der Vorteil des Grosskonzerns CTS Eventim ist der, dass man den Schweizer Markt quasi auf dem Silbertablett serviert bekommt, indem man sich ins gemachte Nest lokal etablierter Veranstalter setzt.

Dem Endverbraucher wird das egal sein. Die Kooperation gewährleistet, dass die grossen Stars auch weiterhin in der Schweiz auftreten, die lokalen Veranstalter werkeln weiter wie bisher, bloss unter einem anderen Dach.
Für den Endverbraucher ändert sich sehr wohl etwas. Denn natürlich hat CTS Eventim primär ein Interesse: Es ist eine Aktiengesellschaft und somit weniger an der Kultur als am Profit interessiert. Der Hauptgrund, warum Konzerttickets immer teurer werden, hängt nicht unbedingt damit zusammen, dass die Musiker immer gieriger werden, sondern dass der ganze Live-Markt im Wesentlichen unter den beiden Branchenführern CTS Eventim und Live Nation aufgeteilt ist. Dieses Duopol ist für den Konzertgänger sicher nicht von Vorteil. Der Schweizer Konzertmarkt wird langsam zum Konzernmarkt.

«Es war eine selbst gewählte Kapitulation»: Berthold Seliger über die Grossfusion im Schweizer Konzertmarkt. Foto: Matthias Reichelt

Die Meinung der Beteiligten ist, dass sich CTS Eventim operativ gar nicht gross einmischen wird.
Konkret: Für ein Open Air St. Gallen wird sich vielleicht in den ersten zwei Jahren nichts ändern, ausser dass das Ticketing bereits über die Firma läuft. Langfristig ist klar, dass ein Konzern, der den Markt und die Festivals dominiert, daran interessiert ist, dass die Künstler, die bei ihm unter Vertrag sind, auch auf seinen Festivals auftreten. Okay, es wird immer wieder einige Superstars geben, die man bei anderen Agenturen einkaufen muss, aber mittelfristig wird es auf eine Monokultur hinauslaufen. Wo CTS Eventim draufsteht, wird künftig auch CTS Eventim drinstecken. Das wird ein schleichender Prozess sein, aber ich schätze, dass sich das Gesicht des St. Galler Festivals in vier bis fünf Jahren vollkommen verändert hat.

In Deutschland müsste diese Monokultur ja bereits existieren.
Natürlich. Der Konzern CTS Eventim bindet viele Künstler an sich, indem er sagt, dass sie nur an ihren Festivals spielen können, wenn sie auch bei ihrer Konzertagentur unterschreiben. Das ist natürlich schädlich für die kulturelle Vielfalt.

«Es liegt im Trend der Zeit, dass man sich den Monopolen unterwirft.» Berthold Seliger



Welche Strategie verfolgt CTS Eventim mit dieser Übernahme?
Dieser Konzern verfolgt eine gnadenlose Expansionspolitik, um den europäischen Markt zu dominieren. Der Vorstandsvorsitzende Klaus-Peter Schulenberg sagte kürzlich, er wolle die «Content Pipeline» weiterentwickeln. Man will also möglichst viele Bands verpflichten, um möglichst viele Tickets verkaufen zu können. Denn hier ist das grosse Geschäft zu machen. Es sind knapp 30 Firmen, die CTS Eventim europaweit mittlerweile besitzt; Festivals, Spielstätten und Agenturen. Was jetzt in der Schweiz geschieht, ist nur der Anfang.

Vor vier Jahren haben sich fünf Schweizer Agenturen in der Firma Wepromote vereinigt, um gegen die ausländische Konkurrenz stärker auftreten zu können. Nun werden ausgerechnet sie aufgekauft. Würden Sie von einer Kapitulation sprechen? Oder ist der Leidensdruck der Konzertveranstalter tatsächlich so gross?
Es war eine selbst gewählte Kapitulation. Ich würde sagen, es war nicht nötig. Und ich würde fragen, wie ernst denn dieser Unabhängigkeitsanspruch ist, wenn man bereits beim ersten Übernahmeangebot einknickt und dem Geld folgt. Der Idealismus, als unabhängiger Unternehmer zu agieren, im Interesse der Kultur und der Vielfalt, das scheint den fünf Firmen wohl doch nicht so wichtig gewesen zu sein. Ich finde das erbärmlich, aber es liegt im Trend der Zeit, dass man sich den Monopolen unterwirft und dann so tut, als würde es keinen Unterschied machen.

Tut es das denn?
Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich als unabhängiges Festival nach künstlerischen Kriterien das Image eines Festivals gestalten kann, oder ob ich im Grunde das buche, was mir ein Grosskonzern vorgibt. Diese Festivals müssen nicht glauben, dass sie unter CTS langfristig autonom arbeiten dürfen. Da wird gnadenlos das Programm des Grosskonzerns durchgezogen.

Die Beliebtheitswerte von CTS Eventim sind in Deutschland eher niedrig. Woran liegt das?
Diese Firma trickst halt gerne herum. Als CTS Eventim die von den Fantastischen Vier gegründete Agentur Four Music übernehmen wollte, der über 300 nationale und internationale Künstler angehören, ist das Amt eingeschritten, weil damit die marktbeherrschende Stellung von CTS Eventim verstärkt worden wäre. Doch letzte Woche wurde bekannt, dass die CTS-Tochter FKP Scorpio den ganzen Mitarbeiter- und Künstlerstamm von Four Music übernommen und einfach eine neue Firma gegründet hat.

Das geht?
Das geht, wenn man gute Juristen beschäftigt und das Kartellamt zahnlos ist.

Die grossen Gewinne macht CTS Eventim mit dem Verkauf von Tickets. Warum ist das gegenwärtig der lukrativste Bereich der Musikwirtschaft?
Die Ticketing-Firmen bekommen zehn Prozent des Billettpreises als Vorverkaufsgebühr. Das ist immer noch der gleiche Betrag, den früher eine Vorverkaufsstelle bekommen hat, also ein landesweites Netzwerk von Buden, die angemietet werden mussten, mit Personalkosten und so weiter. Das fällt im Internet weg. Die zehn Prozent werden von den Ticketing-Firmen aber immer noch – quasi ohne Gegenleistung – kassiert. Zusätzlich setzen sie noch hohe Versandgebühren obendrauf – bei CTS sind das 4 Euro 90. Die Bruttomarge beim Ticketverkauf im Internet liegt bei circa 60 Prozent. Das ist eine gigantische Gewinnquote. Und weil niemand an diesem System vorbeikommt, verkauft CTS eben auch die Tickets anderer Veranstalter. Ich habe das mal für meine Künstlerin Patti Smith ausgerechnet: Sie spielt diesen Sommer sechs Openair-Konzerte, für die etwa 30'000 Tickets verkauft werden dürften. Daran verdienen die Tickethändler circa 165'000 Euro, ohne ein Risiko einzugehen und ohne gross dafür zu arbeiten. Das gewonnene Geld nutzen sie dann, um den kleinen Agenturen die Künstler abzuwerben.

Wenn das alles so schlecht ist, warum wird es dann von allen Playern geduldet?
Die Frage ist, wie lange es noch geduldet wird. In den USA stehen die Machenschaften der Ticket-Firmen unter Beobachtung. Es ist gut möglich, dass man Firmen zerschlagen wird, um die verschiedenen Bereiche voneinander zu trennen.

«Zum grossen Glück gibt es ja immer noch so viele tolle Clubs in der Schweiz, die nicht bloss den Profit im Sinn haben.» Berthold Seliger

Was bedeutet der Markteintritt von CTS Eventim für Festivals und Veranstalter, die noch lokal organisiert sind?
Langfristig werden diese Festivals nicht mehr an die grossen Acts kommen. Meine Prognose ist, dass in Grossstädten die Festivals bald nur noch von CTS Eventim und Live Nation durchgeführt werden. Für die Vielfalt ist das eine Katastrophe.

Und die Schweizer Bands? Wird es für sie immer schwieriger, an grossen Open Airs Auftritte zu finden?
Natürlich. Auch das Segment der kleineren Acts wird künftig von CTS und Live Nation bestimmt werden. Es wird eintönig werden im Musikmarkt. In Deutschland ist es seit Jahren so. Es gibt noch ein paar kleinere unabhängige Festivals, welche die unbekannten Bands aufbauen. Sobald sie funktionieren, werden sie von den Multis aufgekauft. Es ist wie beim FC Bayern München: Der hat das grosse Scheckbuch und luchst den Ausbildungsvereinen die Talente ab.

Man könnte schulterzuckend sagen, dass dies der Lauf der Globalisierung ist.
Dem ist so. Doch mit welchem Anspruch gehen denn Kulturarbeiter ihre Arbeit an? Wo bleibt die Ideologie? Will man Kultur machen, oder will man reich werden? Beides geht vermutlich nicht. Zum grossen Glück gibt es ja immer noch so viele tolle Clubs in der Schweiz, die nicht bloss den Profit im Sinn haben. Hier werden die neuen Stars herangezüchtet. Die Rolling Stones und die Beatles sind ja auch nicht in den Stadien gross geworden, sie wurden in den Clubs aufgebaut.

Letztlich richtet der Zuschauer darüber, was geboten wird. Wenn Sie mit allem recht haben, was Sie sagen, müsste in Deutschland längst eine Skepsis gegenüber den – wie Sie sagen – monokulturellen Grossveranstaltungen wachsen.
Es gibt natürlich Leute, die die grossen Stars sehen wollen, möglichst alle zwei Jahre wieder; der Rest interessiert sie kaum. Ich glaube aber, dass ein immer grösserer Teil des jüngeren Publikums von diesem Einheits-Food langsam genug hat. Das ist ja bald so, als würde man nur im McDonald’s essen gehen können. Das will die Jugend von heute nicht. Sie sucht nach neuen Themen und stellt sich vermehrt auch ethische Fragen. Ich stelle da jedenfalls eine neue Sensibilität fest: Mehr ehrliche Bioware statt Einheitsbrei aus der Grossfabrik.

Erstellt: 24.01.2020, 11:25 Uhr

Zur Person

Berthold Seliger, Konzertagent und Autor, lebt in Berlin. Er vertritt Künstler wie Patti Smith oder Rufus Wainwright. Zu Seligers erfolgreichsten Büchern zählen «Das Geschäft mit der Musik– Ein Insiderbericht» (2013) und «Klassikkampf»(2017) über die Missstände in der klassischen Musik. Letztes Jahr erschien sein Buch «Vom Imperiengeschäft», in welchem Seliger aufzeigt, wie Grosskonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören. (ane)

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