WAV und WAF

Wenn Audiophile chatten, geht es gesittet zu und her. Meistens.

Die souveräne Bürgerschaft der Audiophilen weiss über Samplingtiefen und dergleichen Bescheid: Szene aus dem Film «High Fidelity».

Die souveräne Bürgerschaft der Audiophilen weiss über Samplingtiefen und dergleichen Bescheid: Szene aus dem Film «High Fidelity». Bild: PD

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Natürlich können die alten Griechen nichts dafür, dass aus der Agora, wo sich das Volk zur Debatte und friedlichen Streitbeilegung traf, heute das Onlineforum geworden ist. Generell ist es dort mit der Friedfertigkeit nicht weit her, weshalb ich mich lieber in das spezialisierte Community-Forum meiner Musiksoftware zurückziehe. Dort versammelt sich die souveräne Bürgerschaft der Audiophilen, um über Samplingtiefen oder Dateiformate wie WAV zu diskutieren.

Die Software gibt Musikstreams auf allerlei Abspielgeräten wieder und hat viele treue Anhänger. Manchmal fällt einer von ihnen im Forum auf, weil er es nicht mehr aushält, dass während mehrerer Wochen kein Update zur Verfügung gestellt wurde. Solche Unflätigkeiten bleiben aber die Ausnahme. Besonders gesittet geht es in jenem Diskussionsbeitrag zu, in dem Fotos von teuren Stereoanlagen eingestellt und reihum gelikt werden (ausser die Lautsprecher stehen zu nahe an der Wand, dann wird wegen des nachteiligen Klangbilds gemahnt, und es folgen Ratschläge zwecks Verbesserung).

Die Bilder zeigen oft geräumige Wohnzimmer mit Aussicht auf Seen oder Schneeberge, wobei man von der Aussicht wenig hat, weil immer gigantische Musikanlagen im Weg stehen. Den weissen Männern um die 60, die das Forum bevölkern und in ihrem Leben alle genug Geld verdient haben, scheint das weniger auszumachen als ihren Ehefrauen, die gelegentlich im Zusammenhang mit dem wife acceptance factor (WAF) erwähnt werden. Der WAF bezeichnet den Umstand, dass die Zustimmung der Partnerin bezüglich Neuanschaffungen von Hi-Fi-Geräten vor allem dann verwehrt wird, wenn diese Geräte ausserordentlich hässlich sind. Ein Softwarenutzer postete ausserdem ein Foto seiner Estrich-Männerhöhle inklusive Home-Cinema, zu der er seiner Frau den Zutritt verboten hat; das gab einige Likes.

Ich kann jetzt also nachvollziehen, woher der Hass in Webforen kommt, ich war nämlich selbst kurz davor, ein Schimpfwort zu gebrauchen. Die Community besuche ich heute nur noch selten, aber ihre Mitglieder lassen mich nicht los. Denn meine Musik-Software hat neuerdings einen smarten Radio-Algorithmus, der Musikstücke basierend auf dem gehörten Song und den Vorlieben der anderen Nutzer abspielt. Und weil es sich dabei um alte Macker handelt, läuft bei mir nun die ganze Zeit Rod Stewart und Crosby, Stills & Nash.

Onlinekommunikation mag uns wütend machen. Künstliche Intelligenz ist viel schlimmer: Sie macht uns älter.

Erstellt: 08.08.2019, 13:49 Uhr

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