Wenn der Adler kreischt

Das Kollektiv Equiknoxx Music aus Jamaika öffnet auf seinem Debütalbum «Colón Man» neue Möglichkeiten für die Dancehallkultur.

Verrückte Beatwissenschaftler? Musikalchemisten? Equiknoxx um Sängerin Shanique Marie. Foto: Claud-Michel Pringle (DDS)

Verrückte Beatwissenschaftler? Musikalchemisten? Equiknoxx um Sängerin Shanique Marie. Foto: Claud-Michel Pringle (DDS)

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Was ist das bloss für ein Stotter- und Klickgeräusch aus einem vordigitalen Zeitalter! Eines, das von einem Kassettengerät oder einer Schreibmaschine stammen könnte und das sich zu einem pochenden Puls zusammensetzt. Über diesen könnte nun ein gewiefter Reggaesänger seine Stimme legen. Stattdessen kreischt im lustig betitelten Track «Enter a Raffle . . . Win a Falafel» ein Adler. Dieses Adlerkreischen ist das Markenzeichen des jamaikanischen Kollektivs Equiknoxx Music, und der Schrei taucht in den zerklüfteten Tracks ihres Debüts «Colón Man» immer wieder auf: mal verhallt, mal digital gepresst, zuweilen bedrohlich, dann wieder urkomisch.

In der jamaikanischen Hauptstadt Kingston kennt man den Sound des Adlers schon seit über zehn Jahren, als die beiden federführenden Produzenten Gavin «Gavsborg» Blair und Jordan «Timecow» Chung begannen, ihre ersten Riddims zu programmieren. Es waren instrumentale Stücke, die sie an Sänger verkauften und die für die Partys in den lokalen Dancehalls designt wurden. Entsprechend grell wirken sie.

«Bubble» von Equiknoxx Music feat. Devin Di Dakta. Video: Youtube

Nach und nach verzichteten Equiknoxx auf Soundklischees wie beispielsweise die trötenden Partysignalhörner und auch auf homophobe Sänger wie die Szenegrösse Beenie Man, dessen Stimme noch 2011 auf einem Track zu hören war. Vielmehr setzt die Gruppe, zu der neben zwei weiteren Mitgliedern auch die Sängerin Shanique Marie zählt, auf Geräusche, die aus Musique-concrète-Stücken stammen könnten, auf Keyboardflächen, die Ambient zitieren. Equiknoxx bauten auch Samples von den Protoelektronikern Silver Apples ein, die im machoiden Dancehall-Kontext so verwirrend wie unerhört wirken.

Ohne schwarze Magie

Es dauerte lange, sehr lange, bis dieser aberwitzige Dancehallansatz abseits der karibischen Insel überhaupt wahr­genommen wurde. Erst Ende 2016 erschien mit «Bird Sound Power» eine Werkschau auf dem Label der Technoavantgardisten Demdike Stare aus Manchester.

Seit dieser Veröffentlichung gelten Equiknoxx als «Retter des Dancehall», als verrückte Beatwissenschaftler und als Musikalchemisten, wie es in den Siebzigern Dubpioniere wie King Tubby oder Lee «Scratch» Perry waren. Nur, dass Equiknoxx – anders als ihre Vorgänger – nicht mit schwarzer Magie oder bewusstseinserweiternden Substanzen experimentieren. Schon gar nicht haben sie einen grösseren Plan oder höhere Mächte im Sinn.

Denn so spektakulär und exzentrisch die Musik auch klingen mag, so banal ist die Erklärung der Musiker selber. In einem Interview mit dem britischen Magazin «Fact» sagte Jordan Chung, dass sie einfach die Musik machen, auf die sie Lust haben. Aber natürlich ist es so, fügt Gavin Blair an, dass sie mittlerweile in einer interessanten Position sind, in der sie bei experimentellen Noise- und Electronicafestivals ebenso auftreten können wie bei Partys in ihrer Heimatstadt, wo Equiknoxx in ihrem Studio noch immer ihre Riddims produzieren.

So spektakulär und exzentrisch die Musik auch klingen mag, so banal ist die Erklärung der Musiker selber.

Dort ist im Frühling 2017 auch «Colón Man» entstanden, das bei aller Losgelöstheit von Konventionen doch nicht geschichtsvergessen wirkt. Das beginnt beim Albumtitel, der an die etwa 90?000 jamaikanischen Gastarbeiter erinnert, die beim Bau des Panamakanals zu Beginn des 20. Jahrhunderts schufte-ten. Jene, die lebendig zurückkehrten, galten als stolz, weltgewandt, als Weise gar, die die Zeit am Stand der Sonne ablesen konnten.

Einen Sinn für die Geschichte der antikolonialen Volksmusik, die Reggae im Kern eigentlich ist, verrät auch der Titel «Melodica Blandness»: Hier zerstückeln Equiknoxx eine Melodicafigur von Addis Pablo – einem Sohn des legendären Melodicaspielers Augustus Pablo –, bis sie einem Quietschgeräusch ähnelt. Diese Dekonstruktion wirkt nicht respektlos, sie hört sich mehr nach einer melancholischen Ode auf die gerne vergessene Reggaegrösse Pablo an, der in seinen Songs dem lachhaft wirkenden Instrument ein Denkmal erbaut hat.

Dem Beat sei Dank

Was denn die Musik von Equiknoxx mit der Dancehallkultur noch gemein hat? Nun, man kann zu den 13 «Colón Man»-Tracks erstaunlicherweise auch tanzen, weil sie trotz allen Detailreichtums und abseitiger Ideen enorm physisch wirken – dank dem Beat, der wie ein Grundpochen durch das Album führt, und den Bässen, die nicht fett, sondern lauernd und anstachelnd klingen.

Doch klar: Die ausgelassene Party findet anderweitig statt. Beispielsweise auf den frenetischen Mixes, die das Kollektiv immer wieder für Onlinemusikmagazine produziert. Hier schliessen Equiknoxx ihr eigenes Schaffen mit Popklassikern aus aller Welt und Eurodancehits aus den Neunzigern kurz. Bis das unverwechselbare Kreischen des Adlers wieder durch den Raum fliegt.

Equiknoxx Music: «Colón Man» (DDS).

Erstellt: 04.01.2018, 19:47 Uhr

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