Wer ist dieser Mann?

Immer wieder erfinden sich Prominente radikal neu. Wer hinter diesem Bild steckt, ist aber nur schwer zu erraten.

«Bin ich das noch?» Aus Conchita Wurst wird Wurst, Tom Neuwirths neue Kunstfigur. Foto: PD

«Bin ich das noch?» Aus Conchita Wurst wird Wurst, Tom Neuwirths neue Kunstfigur. Foto: PD

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Man könnte ihn glatt für jemand ganz anderen halten, diesen Typ mit dem blondierten Bart und der weissblonden Wuschelfrisur. Aber der Mann in diesem am Freitag veröffentlichten Musikvideo ist tatsächlich Conchita Wurst, also: Tom Neuwirth, 30, der österreichische Sänger und Travestie-Künstler, der die Figur der Conchita erfunden hat.

Und der gerade eine erstaunliche Verwandlung durchmacht, es ist ein mehrstufiger, rasch fortschreitender Prozess, medienwirksam inszeniert. Männlicher tritt er nun auf, kantiger, nicht mehr als bärtige Diva im Glitzerkleid; es begann mit dem Relaunch als Glatzkopf im Latexkleid vor ein paar Wochen, der weisshaarige Mann nun ist sozusagen Stufe zwei. Am Wochenende postete Neuwirth auf Instagram ein Foto von seinem neuen Ich, man sieht: einen Künstler, der seine Kunstfigur unbedingt loswerden will.

Conchita Wurst hat bisher eine recht steile Karriere hingelegt, 2014 gewann Neuwirth mit der Figur ja nicht nur den Eurovision Song Contest, sondern vor allem Aufmerksamkeit. Das war etwas, woran die Blicke hängen blieben damals, dieser makellose Vollbart im Gesicht einer grazilen Frauenfigur. Conchita hatte Erfolg, Neuwirths Botschaft kam an: anders sein – so what? Der neue Neuwirth nennt sich nur noch «Wurst» und produziert laut eigener Aussage «maskulinen» Elektropop.

Wenn Künstler, Komiker oder andere Prominente sich häuten, wenn sie nicht mehr die sein wollen, die sie waren, dann hat das ziemlich oft mit einer stockenden Karriere zu tun. Das Publikum hat sich sattgesehen an einer Figur, die Witze sind auserzählt, die Lieder abgeklungen, es ist im Grunde der natürliche Verlauf vieler Künstlerleben. Auch für Tom Neuwirth lief zuletzt nicht mehr alles nach Plan. Seine beiden letzten Alben, fand der österreichische Standard, gerieten «zu milden Flops in Hinsicht auf Conchitas globalen Bekanntheitsgrad». Hinzu kamen Turbulenzen im Privatleben: Vor einem Jahr machte er seine HIV-Infektion öffentlich, nachdem er von einem Ex-Freund erpresst worden war.

Er müsse «sie töten», hatte Neuwirth schon vor zwei Jahren über Conchita gesagt.

Vielleicht greifen also auch bei ihm die Mechanismen der schnelllebigen Showbranche: Aufmerksamkeit bekommen, das ist heutzutage ziemlich leicht – schwerer ist es, die Aufmerksamkeit zu behalten. Muss nun einfach was Neues her, bevor das Alte langweilig wird? Auf Nachfrage teilte ein Sprecher mit, Neuwirth stehe derzeit nicht für Interviews zur Verfügung, sein Management verkauft die künstlerische Neuausrichtung als «klares Bekenntnis zu schonungslosem Beschreiten des eigenen künstlerischen Weges». Er müsse «sie töten», hatte Neuwirth schon vor zwei Jahren über Conchita gesagt: Mit der bärtigen Frau als Kunstfigur habe er nach dem ESC-Gewinn letztlich alles erreicht. In einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Die Presse sagte Neuwirth vor ein paar Monaten: «Es fängt an, sich zu reiben, man hinterfragt, man weiss nicht: Bin ich das noch? Was darf ich sein?»

Dass Prominente sich neu erfinden, kommt immer wieder vor, und das ist keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal extrovertierter Popsänger. Die Komikerin Ilka Bessin etwa schälte sich aus dem abgewetzten Jogginganzug ihrer Kunstfigur Cindy aus Marzahn und will nun als Comedian namens Ilka Bessin auftreten, und der schnauzbärtige Josef Käser aus Arnbruck, Niederbayern, verwandelte sich einst in den kosmopolitischer klingenden Joe Kaeser, Chef des Weltkonzerns Siemens.

Damit den Promis so eine Verwandlung auch gelingt, gibt es Profis, Metamorphose-Spezialisten wie Daniel Thauer, Medienmanager und PR-Berater aus Berlin. Seinen prominenten Kunden, über die er aber nicht sprechen will, rät er vor allem zu Glaubwürdigkeit. Eine neue Rolle, sagt er, dürfe von der alten nicht zu weit entfernt sein, müsse vereinbar mit ihr sein. Beispiel? «Wenn Micaela Schäfer anfängt, über Politik zu reden, dann wird man ihr das kaum abnehmen.»

«Das Publikum ist ja nicht blöd.»

Ausserdem, rät der Berater, merke man sofort, wenn eine Person etwas spiele, das sie gar nicht ist oder sein will. Oder wenn sie etwas mache, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen: «Das Publikum ist ja nicht blöd.» Deswegen rät Thauer seinen Kunden zu höchster Disziplin. Harte Arbeit müsse man investieren und das, was man verkörpern wolle, bitte wirklich leben.

Und das Publikum? Muss es den Wandel eines Künstlers einfach hinnehmen? Oder darf es bei Auftritten die alten Rollen erwarten, die alten Lieder, die alten Witze?

Man denkt da an den Roman «Stiller» von Max Frisch, in dem ein verschollener Mann plötzlich wieder auftaucht, aber hartnäckig behauptet, nicht der Stiller zu sein, der gesucht wird, und sich stattdessen Mr. White nennt. Frischs Figur will sich ihrer alten Rolle entledigen, weil sie in einer schweren Identitätskrise steckt. Und muss am Ende eine ziemlich erschütternde Lehre ziehen: Der Mensch hat keine Macht über seine Identität, weil er gefangen ist in den Erwartungen seiner Mitmenschen, die ihm nicht zugestehen, jemand anderes zu sein als der, für den sie ihn halten. Stiller kommt nicht aus sich heraus.

«Von einem Publikum darf man grundsätzlich nichts erwarten.»Daniel Thauer, PR-Berater

Verhält es sich mit dem Publikum nicht letztlich ähnlich wie bei Stiller und seinem Umfeld? Fans wollen, was sie kennen und lieben, und wenn der Künstler das nicht mehr geben will, werden sie unzufrieden. Romy Schneider hat bis zu ihrem Tod vergeblich versucht, das «Sissi»-Image abzustreifen. Auch an Daniel Radcliffe haftet noch immer die alte, lang gespielte Rolle des Harry Potter. Daniel Thauer sagt: «Von einem Publikum darf man grundsätzlich nichts erwarten.»

Tom Neuwirth wird Conchita nicht so leicht loswerden. Immerhin scheint er das erkannt zu haben, der Österreicher vermarktet den Rollenwechsel vorerst als Zweiteilung. Die männliche «Wurst»-Figur soll sich neben der weiblichen Conchita etablieren. Der Standard hat das ganz gut auf den Punkt gebracht: «Alles hat ein Ende», schrieb das Blatt unter ein Foto von Neuwirth, «nur die Wurst hat zwei.»

Erstellt: 18.03.2019, 16:34 Uhr

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