Wie die Büetzer Buebe richtig Geld machen

Diese Woche erscheint das Album von Gölä und Trauffer. Die Art, wie sie sich vermarkten, ist ein Glanzstück – und sorgt für Kritik.

Sie bedienen ihre Zielgruppe über ihre eigenen Kanäle: Die Büetzer Buebe, Gölä und Trauffer. Foto: PD

Sie bedienen ihre Zielgruppe über ihre eigenen Kanäle: Die Büetzer Buebe, Gölä und Trauffer. Foto: PD

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Wenn an diesem Freitag das erste Tonwerk der Büetzer Buebe erscheint, dieser musikalischen Kreuzung des obersten Schweizer Volksrockertums, dann wird niemand ernsthaft künstlerische Feinkost erwarten. Gölä und Trauffer skizzieren (andere würden sagen karikieren) darauf den Alltag eines herkömmlichen Schweizer Arbeitnehmers.

Und wie das mit dem Alltag halt so ist: das Erregungsspektrum ist eher schmal. So singen und jodeln die Büetzer Buebe über die Routinen eines treuen Ehelebens, sie freuen sich auf den Freitag und den Lohn am Monatsende, sie klagen über körperliche Gebresten und sie träumen sich in eine bessere Welt, um selbst in dieser spornstreichs dem Heimweh anheimzufallen.

In gefühlt jedem der zwölf Song gibts ein «uf u dervo» und ein «i chrampfe jede Tag» – alles ist ziemlich flüchtig und schnell getextet, alles ziemlich plakativ vertont. So weit, so durchschnittlich. Das erste Büetzer-Buebe-Album ist nichts, was eine tiefere Betrachtung verdient, weil es sich selbst jegliche Tiefe verbietet.

Doch auch wenn Gölä und Trauffer musikalisch keine Bahnbrecher sind, in der Kunst der Popularitätsmehrung sind sie es sehr wohl. Noch selten haben Künstler in der Schweiz ihre Zielgruppe so eng eingegrenzt und so zielgenau und bedürfnisorientiert über speziell auf sie zugeschnittene Vertriebswege versorgt wie die beiden Berner. Wenn jemand interessiert daran ist, in diesem Land musizierenderweise zu Ruhm und Geld zu kommen, dann sei ihm angeraten, bei den beiden Anschauungsunterricht zu nehmen.

Bereits als Solokünstler haben Gölä und Trauffer – früher als viele andere – nämlich begriffen, dass die Art und Weise, wie Musik bisher vermarktet wurde, ein Auslaufmodell ist. Vor allem Gölä mochte sich irgendwann nicht mehr mit der Idee begnügen, dass eine grosse Plattenfirma mit zurechtgesparter Promo-Abteilung sich darauf beschränkt, die wenigen Musikjournalisten des Landes zu bemustern und seinen Silberling in die ebenso wenigen verbliebenen Plattengeschäfte und Ex-Libris-Filialen zu stellen. Diese Musikwelt hatte nichts mehr mit dem Alltag seiner Klientel zu tun.

Verkauft seine CDs am Kiosk: Gölä bei seinem Hallenstadion-Konzert im Dezember 2018. Foto: Urs Jaudas

Und so kam ihm die glorreiche Idee, sein Publikum dort mit Musik zu bedienen, wo es sich täglich aufhält. Man ging einen Deal mit dem Bäcker- und Confiseurmeister-Verband ein, und so wurde Göläs Album «Stärn» 2016 schweizweit neben Gipfeli und Züpfe angeboten.

Für sein Album «Urchig» weitete er das Vertriebsnetz von den Bäckereien auf die Valora-Kioske aus, wo einen in der Folge ein lebensgrosser Papp-Gölä begrüsste. Innert kürzester Zeit erreichte das Album Platin-Status. Allein an den Kiosken wurden 22'000 Alben verkauft – Szenekenner, die dieses Unterfangen anfänglich mit Kopfschütteln quittierten, gingen von maximal 2000 Alben aus.

Das Publikum kauft alles ab

Auch Trauffer hat nach neuen Wegen gefahndet, sein Publikum zu bezirzen, welches sich vornehmlich in jenen Gebieten findet, die man im Winter mit Vierrad-betriebenen Gefährten ansteuert. Also verkündete er 2018, dass er auf seiner Tournee kein einziges Stadtkonzert spielen, sondern ausschliesslich in Mehrzweck- und Landwirtschaftshallen auf dem Land auftreten wolle.

So baute er seine Konzertbühne mitsamt einem «Alpentainer»-Dorf in Gebäuden auf, in denen sonst Ziegen- und Bockmärkte, Guggertreffen oder Kantonalbank-Mitarbeiteranlässe stattfinden. Nach dem Konzert gab es bis in die Morgenstunden Skihütten-Musik und lokales Naschwerk. Und am Trauffer-Verkaufsstand wurde nicht nur Musik verkauft, sondern auch Trauffer-Zimmermann-Bleistifte oder ein eigener Trauffer-Schnaps. Genau wie Gölä hat er irgendwann erkannt, dass ihm seine Fans nicht bloss seine Musik abkaufen.

Trauffer in seinem Holzspielwarengeschäft in Hofstetten ob Brienz. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

Gölä wiederum gründete die Firma Wild&Edel und veräussert nun neben seinen Tonträgern auch einen hauseigenen Wein, Ledergürtel, Hemden, Unterwäsche und Holzfällerhemden im Urchig-Style.

Die Büetzer Buebe sind nicht aufgrund eines Businessplans auf dem Reissbrett entstanden – auch wenn es so wirkt.

Mit den Büetzer Buebe will man nun erneut neue Wege beschreiten, sagt TJ Gyger, eine der treibenden Kräfte hinter den Projekten von Gölä und Trauffer. «Es ist interessant und tragisch zugleich: Je schlechter es der Musikindustrie ging, desto besser ging es uns jeweils bei Gölä und Trauffer, weil wir aus der Not eine Tugend machten und genötigt waren, immer neue Ideen zu kreieren, wie wir unsere Musik an den Mann und die Frau bringen konnten.» Kommentare wie «geht nicht» oder «unmöglich» hätten sie stets zusätzlich motiviert.

TJ Gyger, der zuvor bereits 22 Jahre mit Gölä und zehn Jahre mit Trauffer musikalisch und strategisch zusammengearbeitet hat, versichert, dass die Büetzer Buebe – auch wenn es exakt so wirkt – nicht aufgrund eines Businessplans auf dem Reissbrett entstanden sind. «Es begann ganz organisch mit einem gemeinsamen Song und steigerte sich aus einer Mischung aus Spass und Bubenträumereien zu dem, was es nun ist – ein musikalisches Grossprojekt, das in einem Jahr mit zwei Konzerten im Letzigrund seinen Höhepunkt erreicht.» Die Sache mit den Stadionkonzerten sei während einer halbstündigen Autofahrt aus dem Bauch heraus entschieden worden.

Irgendwann sei ihnen bewusst geworden, dass man nicht, wie anfänglich geplant, einfach die beiden bisherigen Managements der Bands zusammenlegen und mit der Strategie beauftragen konnte, weshalb man kurzerhand die Büetzer Buebe AG gründete und das Ganze in die eigene Hand nahm. Ein Entscheid, der bei gewissen Weggefährten der beiden nicht mit Wohlwollen aufgenommen worden sei, wie aus dem Umfeld zu erfahren ist.

In der Schweizer Musikszene überrascht es also niemanden, dass Gölä, Trauffer und Gyger auch mit den Büetzer Buebe althergebrachte Gesetze des Musikbetriebs aushebeln: Das erste Mal wird ein Konzert von dieser Dimension von einer Band selber organisiert.

Und auch in Sachen Fan-Pflege und Sponsoring ist man neue Wege gegangen: Anstatt mit grossen internationalen Sponsoren anzubandeln, hat man auf Schweizer KMUs gezielt und einen exklusiven Büetzer-Club gegründet, in den sich Interessierte für 25'000 Franken (plus Mehrwertsteuer) einkaufen können. Es winken persönliche Treffen und die Einbindung ins Gesamtprojekt, wie es im Beipackzettel heisst. Wie viele Mitglieder der Club zählt, will TJ Gyger nicht verraten, aber man habe die Zielvorgabe erreicht.

Auf Spotify werden die Büetzer Buebe nicht zu finden sein, weil man nicht bereit sei, die Musik zu verschenken. Mit Apple habe man dahingegen einen weit besseren Deal und eine bessere Marge aushandeln können.

Zwar wird Sony Music den Vertrieb der physischen Tonträger übernehmen, doch ein gewichtiger Teil wird vermutlich über den hauseigenen Webshop verkauft werden. Der Fachhandel und die Industrie hätten in letzter Zeit viel schlucken müssen, was sich das Gölä- und Trauffer-Umfeld ausgedacht habe, sagt Gyger, doch man habe erkannt, dass man aus der Position der Stärke im Musikbusiness durchaus die Rolle des Taktgebers ausüben könne. Letztlich habe, zum Erstaunen aller, die Kiosk- und Bäckereien-Aktion nämlich nicht zu Einbussen in den herkömmlichen Verkaufskanälen geführt. Eher das Gegenteil war der Fall.

Und in Sachen zielgruppenorientiertes Marketing: Der «Blick» hat einen Büetzer-Buebe-TV-Kanal aufgeschaltet und den Schwingerverband hat man dazu gebracht, den Song «Maa gäge Maa» zur offiziellen Hymne des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests zu ernennen.

«Auch Chefs sind Chrampfer»

Doch so gut und innovativ all diese Vermarktungsideen auch sind, war auch in der Gölä- und Trauffer-affinen Öffentlichkeit durchaus Skepsis zu vernehmen. Der offensichtliche Widerspruch zwischen Büezertum-Image und Big-Business-Gebaren hat in den Kommentarspalten einiger Medien zu hitzigen Diskussionen geführt.

Auch wenn ihm aus Fan-Kreisen keine solchen Einwände zugetragen worden seien, habe man das natürlich in der Band diskutiert, erzählt TJ Gyger. «Und ja, es mag sein, dass wir eher wie Unternehmer rüberkommen und nicht wie Büezer. Doch auch ein Chef ist ein Chrampfer, auf ihm lastet halt zusätzlich noch die Verantwortung, dass der Umsatz stimmen muss und jeder Angestellte am Ende des Monats seinen Lohn bekommt.»

«Wir hoffen, dass wir mit diesem Unterfangen in der Szene ein Zeichen setzen können.» TJ Gyger

Ob sie mit den Büetzer Buebe reich würden, fragen wir TJ Gyger zum Schluss: «Ich weiss es schlicht nicht. Es gibt keine Erfahrungswerte für ein solches Projekt. Wir haben in einer Zeit, in welcher noch nicht einmal ein Album auf dem Markt war und niemand wusste, wie das Projekt ankommt, das ganze Risiko auf uns genommen und dieses Stadionkonzert aufgegleist.» Es war in zwei Monaten ausverkauft.

Ob es mit dem am Montag angekündigten Zusatzkonzert auch so gut laufe, wisse indes niemand. Das Publikum erwarte von ihnen ein Spektakel von internationalem Format, sagt Gyger. Doch die grossen internationalen Stadion-Bands könnten ihre Produktionskosten jeweils an weltweit oft fast 70 Konzerten einspielen. «Wir müssen das Geld an zwei Konzerten verdienen. Doch wir hoffen, dass wir mit diesem Unterfangen in der Szene ein Zeichen setzen können und auch andere Musiker und Bands dazu ermutigen, gross und unkonventionell zu denken.»

Richtig Angst haben muss man um das Wohlergehen der Büetzer Buebe nicht. Allein das erste Letzigrund-Konzert wird ihnen 5 Millionen Franken Einnahmen in die Betriebskasse spülen. Die Verkäufe der diversen Fan-Artikel und CDs – beides wohl zu sehr guten Margen – werden ebenfalls das Budget aufbessern. Die Geschichte ist also eine fast perfekte. Wenn doch nur die Musik nicht ganz so bieder und anbiedernd wäre.

Das Album der Büetzer Buebe erscheint am Freitag, 9. August. Die Konzerte finden am 22. und 23. August 2020 im Zürcher Letzigrund-Stadion statt.

Erstellt: 07.08.2019, 14:53 Uhr

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