Wie laut darf Musik sein?

Das Bundesamt für Gesundheit will Clubs zwingen, die Lautstärkebegrenzung strenger zu überwachen. Studien belegen jedoch, dass Musikhören weniger Hörschäden verursacht als angenommen.

Die Panik rund um laute Musik werde übertrieben, sagen Hörforscher: DJ-Set in der 02 Academy in Liverpool. Foto: Ollie Millington

Die Panik rund um laute Musik werde übertrieben, sagen Hörforscher: DJ-Set in der 02 Academy in Liverpool. Foto: Ollie Millington

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Es war in den 1930er-Jahren, als Honkytonk-Musiker in den Kaschemmen rund um die texanischen Ölfelder dazu übergingen, ihre Instrumente elektrisch zu verstärken. Der Lärm um die Vergnügungsstätten war so gross, dass man ihre Darbietungen sonst kaum vernommen hätte.

Dies war der Anfang der verstärkten Musik. Und wer weiss, hätten die Behörden nicht eingegriffen, wäre es womöglich irgendwann so herauskommen, wie es sich Douglas Adams im Science-Fiction-Roman «Per Anhalter durch die Galaxis» ausgemalt hat. Dort wird das Gebaren der lautesten Band des Universums so beschrieben: «Der ausgewogenste Sound ist in einer Entfernung von 62 Meilen von der Hauptbühne in einem Betonbunker zu geniessen. Viele Welten haben der Band inzwischen die Auftritte gänzlich untersagt, manchmal aus künstlerischen Gründen, meistens aber, weil ihre Verstärkeranlage gegen regionale Abrüstungsvereinbarungen verstösst.»

Die Realität sieht – zumindest in der Schweiz – ganz anders aus: Immer öfter werden Beschwerden laut, dass an Popkonzerten wegen des Gesprächsbedarfs im Publikum die Musik nicht mehr genossen werden könne. Und Metal-Bands gefällt es zwar immer noch, auf der Bühne imposante Gitarrenverstärker-Türme aufzubauen, doch was den Endverbraucher erreicht, ist oft nicht viel lauter als Wohnzimmerlautstärke und regt kaum mehr zum Schütteln des Haupthaars an.

Überraschende Hörtests

Seit Jahrzehnten wird von besorgten Erziehungsberechtigten prophezeit, dass das Hören lauter Musik eine Generation von Schwerhörigen hervorbringen werde. Noch am deutschen Ärztetag im Jahr 2000 wurde die Prognose aufgestellt, dass bald jeder dritte 50-Jährige wegen «Freizeitlärm» ein Hörgerät benötigen werde. Die Gesundheitsschützer alarmierten, es wurden Gesetze erlassen, um vor «gesundheitsgefährdenden Schalleinwirkungen» zu schützen.

Doch die meisten Studien, die sich bemühten, einen kausalen Zusammenhang zwischen Gehörschäden und Musik zu beweisen, kamen zu einem weit weniger dramatischen Ergebnis.

Das umfassendste Experiment wurde in Norwegen durchgeführt. Die beiden Forscher Bo Lars Engdahl und Kristian Tambs, die zuvor in diversen Hörstudien nachgewiesen hatten, dass Arbeiten in der Holzverarbeitung (bis zu 11 Dezibel Höreinbusse) oder im Militär (minus 8 Dezibel) zu katastrophalen Hörverlusten führen, nahmen sich des Gehörsinns der Musikkonsumenten an. Zwischen 1995 und 1997 untersuchten sie 52'000 Probanden im Alter zwischen 20 und 101 Jahren, erfragten ihren Musikkonsum und führten Hörtests durch. Das Ergebnis: Es konnte kein Effekt von exzessivem Musikkonsum auf die Hörfähigkeit der Testpersonen nachgewiesen werden. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, so das Fazit der beiden Forscher, liessen sich keine musikverursachten Hörverluste finden. Eine Untersuchung des Umwelt-Bundesamts in Deutschland unter Discobesuchern kam später zu demselben erstaunlichen Ergebnis.

Der Fehler des BAG: Es beruft sich auf Studien, welche Musik mit Lärm gleichsetzen.

Ebenso die Studie des renommierten deutschen Hörforschers Eckhard Hoffmann: Dieser fand zwar 2008 in der gross angelegten Studie «Wie hört Deutschland» heraus, dass viele 18- bis 25-Jährige unter einem Hörschaden litten, dass jedoch die überwiegende Mehrheit dieser Schäden nur auf einem Ohr aufträten, was darauf schliessen lasse, dass sie nicht an Konzerten, sondern eher durch Knalltraumata entstanden seien.

Regelmässige Discobesucher wiesen kein schlechteres Gehör auf als Leute, die nie in den Club gehen, keine mobilen Musikabspielgeräte nutzen und keine Popkonzerte besuchen. Seine Einschätzung dazu gab er vor einiger Zeit in einem Interview zu Protokoll: «Ein Knall, etwa von einem Böller, kann ein Gehör in kürzester Zeit um 50 Jahre altern lassen. Ich kenne keinen einzigen Hörtest von Leuten, die durch Musik so geschädigt wurden. Eine Spielzeugpistole, direkt am Ohr abgefeuert, erreicht einen Pegel von 180 Dezibel (dB). Ein solches Ereignis schädigt das Gehör sicherlich mehr als 20 Jahre Discomusik.» Seine Bilanz: Die Panik rund um die laute Musik werde übertrieben.

Weil es auch Studien gibt, die das Gegenteil ergeben haben, kennt die Schweiz seit 1996 die lange Zeit strengsten Lautstärkelimiten der Welt. Erlaubt sind in hiesigen Clubs generell 93 dB – gemessen an der lautesten Stelle des Auditoriums. Zum Vergleich: Allein der Grundpegel eines sich unterhaltenden Konzertpublikums erreicht Werte zwischen 87 und 90 dB. Wird eine Band angehalten, mit einer Lautstärke von 93 dB zu spielen, übertönt sie also knapp ein Pausengespräch – gegen den Applaus hat sie keine Chance mehr. Stellt man ein Schlagzeug in einen kleinen Club, erreicht ein etwas konkret aufspielender Drummer damit Werte von über 96 dB, ohne dass dafür auch nur ein einziges Mikrofon angeknipst wird. Will ein Tontechniker Bass, Gitarre und einen textverständlichen Gesang dazumischen, ist auch diese Limite schwer einzuhalten.

Das Ohr unterscheidet

Nach einer Revision 2007 dürfen Veranstalter unter Einhaltung strenger Auflagen, die nach einer Verordnung des Bundesamts für Gesundheit noch weiter verschärft werden sollen, den Pegel auf 96 oder 100 dB erhöhen. Bei einer Erhöhung um 10 dB wird die Lautstärke als doppelt so laut empfunden.

Niemand bestreitet, dass Lautstärke-Eskapaden, wie sie früher vor allem im Heavy-Metal-Bereich an der Tagesordnung waren, dem Hörvermögen nicht förderlich sind. Doch stellt sich die Frage nach der Verhältnismässigkeit. Der Fehler, den das BAG in Bezug auf die Lautstärkebegrenzungen macht, ist, dass es sich auf Studien beruft, welche die Musik mit Lärm gleichsetzen. Anstatt den empirischen Studien zu vertrauen, welche eruiert haben, wie gut die Hörfähigkeit der Zielgruppe tatsächlich ist, baut das Bundesamt seine Grenzwerte auf Untersuchungen, in denen aufgrund einer alten ISO-Norm hochgerechnet wurde, welche Hörverluste bei einer bestimmten Lärmbelastung am Arbeitsplatz theoretisch zu erwarten sind.

«Deshalb halten auch diese Hochrechnungen, die Musik wie Lärm behandeln, der Wirklichkeit nicht stand.»Eckhard Hoffmann

Diese Studien sind widerlegt, wie Eckhard Hoffmann bestätigt: «In der Praxis findet man deutlich weniger Schäden. Ein Forscher hat einen interessanten Versuch gemacht: Er hat Leute mit Maschinenlärm und mit klassischer Musik beschallt – beides in derselben Lautstärke. Die Reaktion des Ohrs war unterschiedlich, die Vertäubung war beim Maschinenlärm stärker. Unser Ohr ist also nicht bloss ein simpler und passiver Schallsammler, es spielt eine Rolle, womit man es füttert. Deshalb halten auch diese Hochrechnungen, die Musik wie Lärm behandeln, der Wirklichkeit nicht stand.»

Wie das Ohr zwischen ungebetenem Lärm und willkommener Musik unterscheidet, ist noch wenig erforscht. In ihrer Publikation «Musik und Medizin» haben die Autoren Günther Bernatzky und Gunter Kreutz unter anderem versucht, herauszufinden, warum Orchestermusiker über ein weit besseres Gehör verfügen, als es ihnen nach DIN-Norm und aufgrund der hohen Schallbelastung vergönnt sein sollte. Sie kommen zum Schluss, dass das Ohr über einen bei Musikern ausgeprägteren Unterdrückungsmechanismus verfügt – will heissen: Das Ohr nimmt – auch physisch – Lärm anders auf als Musik, der sich der Mensch gern aussetzt.

Kein Null-Prozent-Risiko

Es stellt sich also die grundsätzliche Frage, wie laut Kultur sein darf und wie viel Eigenverantwortung man dem Konsumenten, der die physische Komponente der Musik schätzt, zugestehen soll. Dass eine Begrenzung der Lautstärke für Partys und Konzerte Sinn ergibt, darüber sind sich alle einig. Ebenso klar scheint es, dass man Lösungen finden muss, um das Clubpersonal angemessen zu schützen.

In Frankreich wurden die Lautstärkenlimiten letztes Jahr unter grossem Protest seitens der Veranstalter von 105 dB auf 102 dB heruntergesetzt, im Vereinigten Königreich liegen sie bei 107 dB, die WHO schlägt 100 dB vor. Ein Wert, der sich in den meisten Ländern durchgesetzt hat. Auch Eckhard Hoffmann findet 100 dB vernünftig: «Damit ist gewährleistet, ein Konzert so zu fahren, dass ein physisches Erlebnis möglich und das Risiko tragbar ist. Was darunter ist, sollen die Clubs selbst bestimmen können.» Da ein Pegel je nach Windverhältnissen, Höhe der Messpunkte, Grundpegel des Publikums oder Abstrahlwinkel der Boxen variiert, scheint es zudem sinnvoll – ähnlich wie bei Geschwindigkeitskontrollen –, eine Messtoleranz von mindestens 2 dB einzuführen.

Aufgrund des aktuellen Wissens und empirischer Studien sind die schweizerischen Abstufungen von 93 beziehungsweise 96 dB wegen gesundheitlicher Bedenken indes überholt. Sie nun auch noch mit verschärften Auflagen durchsetzen zu wollen, scheint lässlich. «Jeder Genuss ist mit einem gewissen Risiko verbunden. Ein Null-Prozent-Risiko zu fordern, ist auch in Sachen Musikkonsum unsinnig und für eine ganze Industrie einschneidend», meint Eckhard Hoffmann.

Das BAG wollte auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht zu den Studien Stellung beziehen, denen ihre Grenzwerte zugrunde liegen.

Erstellt: 24.09.2018, 18:02 Uhr

Lautstärkebegrenzungen

Will ein Veranstalter in der Schweiz sein Publikum mit 96 Dezibel beschallen, besteht eine Meldepflicht bei den Behörden. Die Veranstaltung muss mit einem Messgerät aufgezeichnet werden, und für jeden Besucher muss ein Gehörschutz bereitgestellt werden. Und wer dem Publikum ein Konzerterlebnis mit 100 Dezibel offerieren will, der muss zusätzlich zu den Auflagen Ruhezonen schaffen, in denen ein Pegel von 85 Dezibel nicht überschritten werden darf. Nun sollen die Veranstalter nach einer neuen Verordnung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) angehalten werden, die Messungen mit von den Behörden vorgeschriebenen Geräten (zwischen 3000 und 5000 Franken) durchzuführen. Unter den Clubs formiert sich Widerstand gegen die Verordnung, die schon im ersten Halbjahr 2019 in Kraft treten soll. (ane)

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