Wie Prince zu Prince wurde

Die fragmentarische Autobiografie «The Beautiful Ones» zeugt von der Fantasie und der Freiheit, die den Popstar angetrieben hat.

Er wollte eigentlich noch ein paar «Bömbchen» in seine Autobiografie einbauen: Prince. Foto: (c) The Prince Estate

Er wollte eigentlich noch ein paar «Bömbchen» in seine Autobiografie einbauen: Prince. Foto: (c) The Prince Estate

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Er war «ganz heiss darauf», loszulegen und seine Geschichte in Buchform zu erzählen. Doch Prince hatte im Frühjahr 2016 nicht einfach eine weitere normale Musiker-Autobiografie im Sinn. Er wollte mehr, wie er dem für das Buchprojekt angeheuerten Journalisten Dan Piepenbring anvertraute: «Können wir ein Buch schreiben, das das Rassismusproblem löst?», fragte Prince beim ersten gemeinsamen Treffen Ende Januar 2016. Bei einer späteren Begegnung hatte er ein «Handbuch für eine grossartige Community» im Sinn: «Es soll lehren, dass das, was du erschaffst, deins ist. So nach dem Motto: Selbst wenn wir nichts mehr haben, haben wir immer noch das.»

Zeit, dieses Projekt zu vollenden, hatte er nicht: Am 21. April 2016 wurde Prince in seinem Anwesen in Minneapolis tot aufgefunden. Er wurde 57 Jahre alt.

Die Autobiografie ist nach den spektakulären Nachlass-Alben «Piano & A Microphone» sowie «Originals» nun doch erschienen – in fragmentarischer Form. Es ist eine Form, die Prince vermutlich gutgeheissen hätte. Auch, weil das Buch zwangsläufig viel offen lässt, und die «sphinxhafte Fassade», die der Herausgeber Piepenbring bei seinem Gegenüber ausmacht, nicht durchbricht. Es fehlen ja auch die skandalträchtigen und kontroversen «Bömbchen», die Prince ursprünglich unterbringen wollte – so, wie das in Autobiografien von Popstars üblich ist. Aber zeitlebens kam er nicht dazu.

Der Titelsong des Buchs: «The Beautiful Ones». Video: Prince (Youtube)

Was er im Frühjahr 2016 aber zu Papier gebracht hat, sind dreissig handgeschriebene Seiten, die als Faksimile und in übersetzter und kommentierter Form im reich illustrierten Buch wiedergegeben sind. Auf diesen Seiten schreibt Prince von seiner Kindheit und Jugend in Minneapolis. Er beleuchtet das komplexe Verhältnis zu und zwischen seinen Eltern, die sich früh trennten und die er bewunderte, wenn sie sich chic für den Ausgang machten («Niemand hatte so coole Accessoires wie die beiden»). Die abrupt abbrechende Erzählung reicht bis zu seinen ersten Jahren als Musiker, bevor er in den 80er-Jahren zum Pop-Superstar wurde.

Diese Jahre, die er nicht mehr selber erzählen konnte, sind im Buch mit abgedruckten Fotografien, Zitaten aus Interviews und einem frühen Entwurf für ein Drehbuch – aus dem später «Purple Rain» entstehen sollte – angedeutet.

«Eine gute Ballade sollte einem immer Lust auf Liebe machen.»Prince

All diese Dokumente verstärken den fantastischen Geist, den die hinterlassenen Seiten prägen, erzählen sie doch auch von der Geburt seiner Fantasie, seiner «imagination», wie es im englischen Original heisst. «Versteckte Orte, geheime Fähigkeiten. Ein Teil von einem, der sich nie zeigt. Das sind die notwendigen Werkzeuge für eine lebhafte Vorstellungskraft und die Hauptbestandteile eines guten Songs», schreibt Prince einmal.

Überhaupt seine Songs. Man hört zum Buch natürlich das titelgebende «The Beautiful Ones» wieder einmal, sowie die als Kapitelüberschriften dienenden «Kiss» oder «When Doves Cry». Man hört aber auch die Sexballade «Do Me, Baby» ab dem Album «Controversy», die Prince als sein «Jam» bezeichnet. Denn: «Eine gute Ballade sollte einem immer Lust auf Liebe machen.»

Sein «Jam»: Die Sexballade «Do Me, Baby». Video: Prince (Youtube)

Die Fantasie von Prince dringt bis in seine schwer lesbare Handschrift und Orthografie durch: «Ich» schrieb Prince auf diesen Seiten nie, er hat, in einer Art Vorwegnahme der heutigen Smartphone-Chat-Konversationen, beispielsweise die erste Person mit «Eye» ersetzt (in der deutschen Buchfassung erscheint statt «ich» ein Symbol eines Auges).

Diese Fantasie kann aber den hellwachen Blick von Prince auf die rassistische US-Gesellschaft nicht trüben. Selbst dann nicht, wenn er sich an seinen ersten Kuss erinnert und erwähnt: «Wir waren nicht das 1. Paar unterschiedlicher Hautfarbe in Minneapolis, zweifellos aber das jüngste.» Die «Rasse», so Prince, spielte in seiner damaligen Fantasiewelt und anders als in der Realität keine Rolle.

Hier war er schon ein Superstar: Prince 1986. Foto: Joseph Giannetti

Wie es in ihm loderte in den letzten Monaten seines Lebens, wird in der ausführlichen Bucheinführung deutlich. In dieser schildert Dan Piepenbring die Entstehungsgeschichte und seine Treffen mit Prince. Er erzählt dort, wie sehr es ihn kränkte, wenn weisse Kritiker seine unfassbare Musik mit den Begriffen «Magie» oder «Alchemie» zu umschreiben versuchten. «Funk ist das Gegenteil von Magie»; es gehe um Regeln und sei deshalb das Ergebnis von Arbeit und Schweiss. Man liest, wie er gegenwärtige Stars wie Ed Sheeran und Katy Perry verabscheut und wie sehr er die Musikindustrie verachtet und in ihr rassistische Mechanismen ausmacht – was auch auf seinen eskalierten Konflikt mit seinem einstigen Label Warner Brothers zurückgeht. Und man denkt da, welche Sprengkraft dieses Buch gehabt hätte, wenn es Prince zu Ende hätte schreiben können.

Denn bei Prince, der im Studio bekanntlich alle Instrumente selber einspielte, geht es um Selbstbestimmung und Empowerment, lange bevor dieser Begriff zum Modewort der Marketingabteilungen verkommen ist. Man ist auch rasch beim zentralen Thema, das sich Prince für das Buch ursprünglich gewünscht hatte: «Wenn dieses Buch ein übergeordnetes Thema haben soll, dann ist es Freiheit. Und die Freiheit, unabhängig kreativ zu sein. Ohne dass jemand dir sagt, was oder wie du etwas zu tun hast.»


Prince: The Beautiful Ones – Die unvollendete Autobiografie. Herausgegeben von Dan Piepenbring. Verlag Wilhelm Heyne, 2019. 304 S., ca. 50 Fr.

Erstellt: 09.11.2019, 10:08 Uhr

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