Wie soll die Kirche heute klingen?

Es ist Konfirmationszeit: Die Gitarren werden gezückt, die Organisten spielen Hitparade. Das macht deutlich, dass die reformierte Kirchenmusik in einer Identitätskrise ist.

Im Umbruch, dass man inzwischen auch schon fast von Abbruch reden könnte: die reformierte Kirchenmusik. Bild. Schaad

Im Umbruch, dass man inzwischen auch schon fast von Abbruch reden könnte: die reformierte Kirchenmusik. Bild. Schaad

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Kürzlich, bei einem Konfirmationsgottesdienst. Die Band rockt, die 15-jährige Sängerin ist grossartig, und dann wird der Tradition zuliebe doch noch das Kirchengesangbuch gezückt. Lied Nummer 596, «Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe». Das Orgelvorspiel beginnt, und die nur sehr gelegentliche Kirchgängerin stutzt: Diese Melodie hat man doch früher mit anderem Text jeweils am Lagerfeuer gesungen, weil sie so schön besinnlich-melancholisch war und so einfach zu begleiten auf der Gitarre. Wie kommt die nun in die Kirche?

Die Antwort ist so einfach wie kompliziert: weil die reformierte Kirchenmusik im Umbruch ist – so sehr, dass man mittlerweile schon fast von Abbruch reden könnte. Auch Hansueli Walt sieht das so. Er ist Pfarrer in St. Gallen, aufgewachsen als Sohn eines Kirchenmusikers, Vater einer Tochter, die gerne Pop singt, musikalisch also breit interessiert; und er beschäftigt sich als Koordinator der evangelisch-reformierten Liturgie- und Gesangbuchkonferenz intensiv mit der Entwicklung der Kirchenmusik.

«Es gibt viele aktuelle Songs, mit denen sich theologisch etwas anfangen lässt. Oft sogar mehr als mit Chorälen.»Esther Straub, Pfarrerin

Die Frage, die ihn dabei umtreibt, ist eine grundsätzliche: Wie soll die Kirche heute klingen? Soll es einen unverkennbaren «Kirchensound» geben wie früher, als die Choräle den Ton angaben? Oder soll man die Leute, insbesondere die ­Jugendlichen, mit ihrer eigenen Musik abholen – mit Rock, Pop, Musical? Walt formuliert das Dilemma in polemischer Überspitzung: «Soll sich die Kirche ­musikalisch unterscheiden von einem Grümpelturnier oder nicht?»

Predigen über Bruno Mars

Einfache Antworten hat er keine. Denn die allgemein anerkannte Formel «Tradition bewahren und dazu neue Tendenzen zulassen» ist einfacher postuliert als umgesetzt. Die Liste mit dreissig «Kernliedern», in der die Gesangbuchkonferenz vor ein paar Jahren eine Art Basisrepertoire zusammengestellt hat, könnte zwar ein Instrument sein; aber in der Praxis wird sie kaum konsultiert. Und auch sie verrät einiges von der Hilflosigkeit im Umgang mit dem Zeitgeschmack. Das Spektrum reicht von «Grosser Gott, wir loben dich» über das Lied 596 und «Kumbaya my Lord» bis zu «Morning has broken»: Aus der Perspektive von Jugendlichen ist da auch das «Neue» schon ziemlich alt.

Sollte man also die Hitparade nach geeigneten Stücken abklopfen? Esther Straub, musikinteressierte Pfarrerin in Schwamendingen-Saatlen, Kirchenrätin und SP-Kantonsrätin, tut das immer wieder. In den letzten Jahren hat sie zusammen mit Konfirmanden «Count on me» von Bruno Mars oder «Astronaut» von Sido einstudiert, «das hat für alle gepasst». Sie mochte die Musik, und die Texte lieferten reichlich Stoff für die Konfirmationsfeiern.

Überhaupt: «Es gibt viele aktuelle Songs, mit denen sich theologisch etwas anfangen lässt», sagt Esther Straub. Oft sogar mehr als mit Chorälen. Nicht nur die patriarchale Rhetorik, die viele der alten Texte prägt, findet sie problematisch; auch theologisch ist manches nicht über alle Zweifel erhaben: «‹Ich bin’s, ich sollte büssen, an Händen und an Füssen› – das geht gar nicht mehr.»

Auf andere Choräle möchte sie dagegen auf keinen Fall verzichten; und viele neue religiöse Lieder findet sie «sehr simpel und süsslich», also unbrauchbar. So wird die musikalische Gestaltung der Gottesdienste zur Sucharbeit in alle möglichen Richtungen: «In jedem Stil gibt es gute und schlechte Kirchenmusik.»

«Du bist du, das ist der Clou»

Was ist gute Kirchenmusik? Die Frage geht auch an die Jugendlichen, konkret an ein paar 14-Jährige, die im kommenden Jahr in verschiedenen Zürcher Gemeinden konfirmiert werden. Singen sei überhaupt peinlich, meinen die einen, für andere ist es «das Beste in der Kirche». Aktuelle Songs finden alle gut, «aber nicht so anbiederndes Zeug». «Du bist du, das ist der Clou» – den Jugendkirchenhit von Jürgen Werth halten die meisten für doof, «der geht höchstens für Primarschüler». Und die Choräle? Da zucken sie nur die Schultern. Drei der sieben Befragten kennen «Grosser Gott, wir loben dich» nicht.

Da staunt man nun doch und fragt sich, wie das kommt. Haben die Pfarrer Angst, den Jugendlichen solche «altmodische» Musik zuzumuten? Vielleicht, sagt Martin Günthardt. Er ist in Höngg als Pfarrer zuständig für die Jugendarbeit; als ausgebildeter Jazzpianist betreut er in der Gemeinde auch den Bereich Popularmusik, den die Liturgie- und Gesangbuchkonferenz seit ein paar Jahren mit einer eigenen Fachkommission fördert.

Günthardt hat – genau wie Hansueli Walt, Esther Straub und vermutlich viele weitere – kein Rezept, wenn es um Kirchenmusik geht. Er probiert aus und schaut, was ankommt. Ein bisschen wehmütig denkt er an seine Zeit in Argentinien zurück, wo in der Kirche ganz selbstverständlich gesungen wurde: «In der Schweiz tun sich viele Jugendliche schwer damit.» Zwar finden sich in jeder Klasse Einzelne, die gern und gut solistisch singen, «das sind die Nebenwirkungen der Casting-Shows». Das Singen in der Gruppe dagegen ist zäh. In den allgemeinen Gottesdiensten fällt das nicht so auf, weil da die älteren Kirchgänger das Fundament liefern; «aber in den Jugendgottesdiensten klingt es manchmal schon sehr, sehr dünn». Dann ist er froh, wenn er ein Stück erwischt, das den meisten gefällt: «Wenn sie Freude haben am Singen, dann ist das schon sehr viel.»

Musikalische Spezialisierung

Das ist wohl der grösste Unterschied gegenüber früher: Kirchenmusik ist verhandelbar geworden. Zwar hat sie sich immer schon erneuert (vgl. Text nebenan); aber noch nie hat sie sich so geschmeidig dem Geschmack der Mehrheit anzupassen versucht. Dass dabei etwas verloren geht, bestreitet niemand. Und es ist nicht nur die musikalische Tradition – sondern auch die Gemeinschaft. Die Zeiten, da man irgendeine Kirche im deutschsprachigen Raum besuchen und sofort mitsingen konnte, sind jedenfalls vorbei. Heute pflegen die Kirchen zunehmend ein eigenes Profil; die einen führen Musicals auf, andere ersetzen die Choräle durch Gospels oder schielen in Richtung Freikirchen, die schon immer ein wenig hipper klangen.

Diese Tendenz wird sich gerade in Zürich noch verstärken. Derzeit wird die Fusion der 34 reformierten Kirchgemeinden vorbereitet, die bis zum 1. Januar 2019 vollzogen sein soll und zweifellos auch musikalische Folgen haben wird. Welche es sein werden, ist noch unklar. Martin Günthardt tippt auf eine zunehmende Spezialisierung: «Vielleicht ist es irgendwann so, dass man für die traditionellen Choräle in die Altstadtkirchen geht, während die Aussenquartiere sich die verschiedenen Geschmäcker aufteilen: hier Gospel, da Pop, dort Volksmusik.»

Eine gute Perspektive? Günthardt ist sich nicht sicher. Sosehr er (nicht nur von Amtes wegen, sondern aus Überzeugung) für den Einbezug von heutigen Klängen plädiert: Er ist trotzdem froh, dass es in Höngg einen traditionellen Organisten und einen traditionellen Kirchenchor gibt – weil es eben doch dazugehöre, «dass man bis zur Konfirmation wenigstens zwei, drei Choräle kennt». Ob das auch in zwanzig Jahren noch so sein wird, weiss er ebenso wenig wie die anderen befragten Pfarrer. «Ich hoffe es», lautet ihre Antwort unisono.

Man hofft es auch als Gelegenheits-Kirchgängerin. Vielleicht aus Nostalgie, weil man die Choräle in der eigenen Konfirmandenzeit lieben gelernt hat: diese Musik, die den Hall der Kirchenräume schon in sich trägt, die eher Grösse vermittelt als Nähe und so anders war als alles, was man sonst hörte. Aber vielleicht auch, weil es nicht schaden kann, wenn irgendwo ein Kulturgut bewahrt wird, das mit der trendigen Werbebotschaft des «Du bist du» nichts zu tun hat. Und einen in jedem Ton daran erinnert, dass das Leben nicht nur ein Grümpelturnier ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2017, 20:37 Uhr

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