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Wieso ist Techno populär?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Philippe Zweifel
Hedonismus? Eskapismus? Die Street Parade zieht die Menschen auch nach fast 30 Jahren an.
Hedonismus? Eskapismus? Die Street Parade zieht die Menschen auch nach fast 30 Jahren an.

Ja, das frage ich mich auch. Aber nicht im Sinn von «dieses Bumm-Bumm hält ja kein Mensch aus» oder «wie kann man diese sinnentleerte ‹Musik› bloss gut finden!». Vielmehr bin ich über das Phänomen auch nach 25 Jahren noch baff-erfreut. Da haben Generationen von Gymnasium-Lehrern ziemlich erfolglos versucht, ihren Schülern moderne Kunst nahezubringen – und quasi über Nacht wurde die brachial-minimalistische Technomusik zum Mainstream. Und während andere radikale Kunst subventioniert werden muss, stehen die Leute dafür sogar noch Schlange oder werden am Clubeingang gar abgewiesen.

So exklusiv war die elektronische Musik nicht immer. In den 70er-Jahren experimentierten deutsche Gruppen wie Kraftwerk oder Can im Underground mit Computer-Sounds, in Detroit tat man es ihnen gleich. Währenddessen entstand in New York und Chicago aus dem Disco die House Music. Die Erfindung des legendären MK2-Plattenspielers ermöglichte im Viervierteltakt nahtlose Übergänge zwischen zwei Tracks, was die Musik endlos erscheinen liess, und so wollten auch die Nächte nicht aufhören und flossen in den Morgen hinein, was in Afterhours und 30-Stunden-Raves gipfelte. Was für ein Unterschied zum durchgeplanten, 90-minütigen Konzerterlebnis! Dazu kam das egalitäre Feeling, an Technopartys feierten Paradiesvögel mit Bünzlis, Schwule mit Heteros. Techno war der perfekte Soundtrack für die hedonistischen und sorgenfreien 90er-Jahre.

Heute ist die Szene so fragmentiert wie Pop oder Rock. Hier die Jungen, dort die Alt-Raver. Mal wummerts museal aus den Boxen, mal avantgardistisch, an anderen Orten ist das Bumm-Bumm tatsächlich fast nicht auszuhalten, weil ein Crescendo-Gewitter das nächste jagt. Früher war alles besser! War es natürlich nicht, nur neuer. Für viele ist Techno denn der Sound der Jugend, als man noch keine Kinder hatte, als man noch Drogen nahm. Gerade das Street-Parade-Wochenende ist für sie eine Art Klassenzusammenkunft, wo man die alten Zeiten nochmals aufleben lässt. Aber Spott ist fehl am Platz – Techno ist in der westlichen Welt die dominierende Musik in den Clubs, die ja vor allem von jungen Leuten besucht werden. Offenbar zieht das Versprechen auf endlose Ekstase (lies: ein paar Stunden Zwanglosigkeit) immer wieder neue Generationen in den Bann.

Endete der Hedonismus im Eskapismus? Vielleicht. Vielleicht ist der Grund auch profaner: Zu Techno kann grossartigerweise wirklich jeder tanzen.

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