«Wir können eine bessere Nationalhymne haben»

Die Schweiz soll eine neue Hymne bekommen: Dafür setzt sich Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, ein.

Der Schweizer Jugendchor singt die vorgeschlagene neue Strophe.


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Lukas Niederberger, braucht es in einer globalisierten Welt überhaupt noch Nationalhymnen?
Solange es Olympische Spiele und Fussballweltmeisterschaften gibt, gehts wohl nicht ohne (lacht). Spass beiseite: Hymnen sind zentrale Symbole der nationalen Identität – wie die Flagge, die Amtssprachen, die Hauptstädte, die Nationalfeiertage, die Nationalgerichte und die Währung auch. Im Gegensatz zu diesen lassen sich mit Hymnen aber Inhalte und Werte transportieren. Wenn man schon eine Hymne hat, sollte diese die zentralen Werte der Gesellschaft benennen.

Die meisten Hymnen transportieren durchaus Werte und Inhalte.
Ja, aber es sind meist die Vorstellungen aus jener Zeit, in der die Staaten entstanden sind. Der kriegerische Kampf um Freiheit ist in vielen Hymnen sehr präsent. Zum Glück sind mittlerweile die meisten Unabhängigkeitskriege ausgefochten. Es ist an der Zeit, die Nationalhymnen mit heutigen Inhalten zu füllen.

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft hat einen neuen Text für die Schweizer Hymne gesucht. Weshalb taugt der alte nicht mehr?
Der Text des Schweizerpsalms stammt aus dem Jahr 1840. Dabei handelt es sich um ein Gebet zu einem patriarchalen, national gefärbten Gott. Ein solcher Text ist problematisch in einer Gesellschaft, in der sich etwa jede dritte Person nicht auf einen transzendenten Gott beruft. Jeder Bürger und jede Bürgerin – alle sollten sich mit dem Text identifizieren können.

Die Schweiz braucht sich nicht für ihre Hymne zu schämen. In manchen Ländern werden noch immer kriegstreiberische und blutrünstige Hymnen gesungen.
Nein, schämen brauchen wir uns nicht. Und wer religiös ist, soll den Text auch weiterhin singen. Aber wir können es besser machen. Es gibt übrigens auch andernorts Bestrebungen, die Texte zu ändern – namentlich in Frankreich und den Vereinigten Staaten. Im Übrigen: Es ist nichts Aussergewöhnliches, eine Hymne zu ändern. Das haben sehr viele Länder teils schon mehrfach getan. In der Schweiz gab es 1961 beziehungsweise 1981 eine solche Änderung.

Was steht im Text einer modernen Nationalhymne?
Was bei Unternehmen das Leitbild ist, ist beim Staat die Präambel der Verfassung. Schade ist aber: Kaum jemand weiss, was in der Präambel steht, nämlich Werte wie Freiheit, Unabhängigkeit, Solidarität, Frieden und Offenheit. Wir möchten, dass diese Werte im Hymnentext stehen. Denn die Hymne singt und hört man immer wieder. Auf diese Weise machen wir uns selber die fundamentalen Werte unserer Gesellschaft immer wieder bewusst – und präsentieren sie auch gegen aussen.

Wie tönt eine moderne Nationalhymne?
Eine Hymne soll festlich und erhaben sein. Sie sollte aber auch verwandt sein mit dem Kulturgut der Region. So kann sie etwa Melodien aus der Volksmusik aufnehmen oder Teile aus einem Werk eines grossen Komponisten. Eine Verdi-Melodie etwa passt gut zu Italien. Realistischerweise lassen sich die Musik und der Text aber nicht gleichzeitig ändern. Deshalb fokussieren wir auf den Text.

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft hat in einem Wettbewerb 2014 eine neue Strophe für den Schweizerpsalm gesucht. Wie gehts nun weiter?
Die Fachjury und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Online-Abstimmung haben sich damals klar fürs «Weisse Kreuz auf rotem Grund» ausgesprochen. Wir versuchen den Text seither bekannt zu machen. Schön wäre, wenn die Fussballnationalmannschaft ihn mal anstimmen würde, oder Roger Federer. Doch das ist Wunschdenken. Wir gehen deshalb peu à peu vor, Fest um Fest, Gemeinde um Gemeinde. Der Text wurde 2017 am Unspunnenfest gesungen, und im 2019 an der Gedenkfeier zur Schlacht in Sempach. Wir bitten die Gemeinden, die Strophe bei Feierlichkeiten zusätzlich zum heute geltenden Hymnentext zu singen. Und bei der Bundesfeier auf dem Rütli werden wir den Text zusätzlich zu den herkömmlichen Strophen singen lassen.

Ihre Gesellschaft, die die Feier auf dem Rütli organisiert, missbrauche den Anlass zum Propagieren des eigenen Lieds, kritisiert die Vereinigung «Neuer Rütlibund» in einem Brief an den Bundesrat.
Ich kann die Aufregung nicht nachvollziehen. Seit 2016 singen wir zuerst die erste Strophe der traditionellen Hymne. Anschliessend wird jeweils der neue Text von Sängerinnen und Sängern vorgetragen. Wer will, darf einstimmen – oder auch nicht. Im Übrigen ist die neue Strophe nicht «unser» Text. Wir haben bloss den Wettbewerb ausgeschrieben. Die neue Strophe wird von vielen Menschen in der Schweiz mitgetragen. Auch 200 Prominente setzen sich dafür ein.

Wird der Text irgendwann zum offiziellen Hymnentext?
Seit der Totalrevision der Bundesverfassung von 1999 hätte der Bund die Kompetenz, eine Hymne festzulegen. Der Bundesrat hat mehrfach klargemacht, dass er dies nicht auf eigene Faust tun will. Entsprechend müsste der Vorstoss aus dem Parlament kommen. Oder jemand müsste eine Volksinitiative lancieren. Im Moment macht das aber noch wenig Sinn. Wir müssen den Textvorschlag zuerst breiter bekannt machen.

Wie lange dauert es, bis das «Weisse Kreuz auf rotem Grund» veraltet ist?
Der Liedtext lehnt sich stark an die Präambel der Bundesverfassung an. Wird diese grundlegend verändert, müsste natürlich auch die Strophe erneuert werden. Obwohl der Text universell ist: Vermutlich ist die Halbwertszeit heute viel kürzer als noch beim Psalm vor 150 Jahren. Jede Generation sollte deshalb einmal über die Bücher gehen und sich fragen, ob der Hymnentext noch den sozialen, gesellschaftlichen Gegebenheiten und dem gegenwärtigen Sprachempfinden entspricht.

Erstellt: 30.07.2019, 21:22 Uhr

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Lukas Niederberger ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.

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