«Wir singen darüber, wo wir unsere Behinderung merken»

Menschen mit Beeinträchtigung und die Schweizer Pop-Band Baba Shrimps schrieben ein Lied und treten bald zusammen auf. Ein Besuch bei den Proben.

Wie sieht die Arbeit an der «Same as you?»-Bühnenshow aus? Wir haben reingeschaut in die Vorbereitungen. Video: Anthony Ackermann

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«Es könnte festlicher, ausgefallener sein», findet Adrian, Sänger und Gitarrist bei Baba Shrimps, zu den Outfit-Vorschlägen, die Sara, Yannik und Jelena von der Pigna eingereicht haben. «Festlicher Rock Style!», ruft Sara. «Mit Glitzer! Geht Glitzer?» «Ja sicher», entgegnet Adrian. «Wie in einer Zaubershow», «Ja, magic!»

In wenigen Wochen treten Sara und ihre Kolleginnen und Kollegen von der Pigna mit der Schweizer Band Baba Shrimps auf. Die Pigna ist eine Stiftung für Menschen mit Beeinträchtigung. «Same as you?» heisst das Musikprojekt mit Baba Shrimps.

Ein Auftritt an einem Sommerfest in der Stiftung hat die Band dazu inspiriert. Als sie spontan ein Lied zusammen mit dem Publikum gesungen hätten, habe sie die Stimmung derart begeistert, dass sie dachten: Wieso nicht mehr aus der gemeinsamen Energie machen?

Experimentelle Musik

An diesem Nachmittag steht mit den Proben für die Bühnenshow bereits der dritte Block des Projektes an. In den Monaten zuvor hat die bunte Truppe ein eigenes Lied geschrieben, «von null auf», wie Moritz, Schlagzeuger bei Baba Shrimps, betont. Danach gings ab ins Tonstudio. Der Song ist im Kasten. Nun wird gefeilt an der Liveversion des Liedes, an anderen Liedern, am Ablauf, am Outfit.

Die Gruppe teilt sich in drei Workshops auf. Baba-Shrimps-Sänger Adrian übt mit Jelena in einem Zimmer im oberen Stock. Ein alter Song der Band, neu interpretiert, im Duo. Nur Gesang und Gitarre. «Wie haben wir schon wieder angefangen?» Jelena spricht nicht viel, aber gibt Adrian die nötigen Hinweise, auch für die Übergänge und Wiederholungen. «Ich singe, seit ich klein bin, sehr gerne», sagt sie, viel auf Spanisch, Englisch gehe aber auch. Kaum beginnen die beiden ihre Ballade, wiegt sich Jelena im Takt der Musik. Ihre Stimme, die, wenn sie spricht, tief ist, klingt nun hell und glasklar.

Mitte November veröffentlichen sie das Lied, das sie im Tonstudio eingesungen haben: Baba Shrimps und die Bewohnerinnen und Bewohner der Stiftung Pigna. Foto: PD

Ein Zimmer weiter basteln Keyboarder Luca, Patrick und Sophia an einer Soundcollage. Patrick dreht am Synthesizer einen Regler nach dem anderen auf. Sophias Ton von der Trompete hallt im Klanggemisch nach. Daraus soll das Intro zu einem Showblock werden.

Im Untergeschoss probt Schlagzeuger Moritz mit seiner Gruppe den Aufgang auf die Bühne. Harte Arbeit. Alle tragen ein Perkussionsinstrument – grosse, bauchige Trommeln, einen Schellenring, eine flache Handtrommel. Der gemeinsame Takt sitzt noch nicht ganz, die Distanz von der Tür bis zur improvisierten Bühne ist anders, als sie in der Ambossrampe sein wird, dazwischen liegen Kabel und stehen Mikrofone. Moritz gibt nicht auf, treibt die Gruppe an, «kommt, noch einmal, um das Ganze zu festigen».

«Ich habe Mühe mit dem Gedächtnis»

Hier wird klar, wie schwierig das für einige Teilnehmende ist. Darum geht es unter anderem auch in ihrem Lied. «Wir singen darüber, was uns Freude macht und wo wir unser Handicap merken», sagt Yannik. Er habe Mühe mit dem Gedächtnis. Er erzählt von seinem Unfall und dass er danach im Wachkoma lag. Seine Mutter habe ihm damals klassische Musik zum Hören gegeben. Das habe ihm geholfen. «Bisher habe ich nur unter der Dusche gesungen» – kein Vergleich zu den Workshops mit Baba Shrimps. Sein Rhythmusgefühl sei besser geworden. Sein Vater habe sich zudem kürzlich gewundert, dass er sich so viel Text merken könne.

Macht es Yannik nervös, bald vor vielen Leuten auf einer grossen Bühne zu stehen? «Lampenfieber ist ein Thema.» Aber das komme schon gut. Er lacht wieder. «Tief einatmen, tief ausatmen.»

Sara hat für das Lied einen Rap-Teil geschrieben. Mit Adrian von Baba Shrimps übt sie. Foto: PD

«Schade, dass nicht mehr Bands mit Leuten mit Behinderung arbeiten. Wir haben gegenseitig voneinander gelernt», findet Sara. Sie sei zuständig für Rap und Unterhaltung. In der Schweiz gebe es eine Mauer zwischen Menschen mit und solchen ohne Behinderung. «Ich wünsche mir, dass es bald keine mehr gibt.» Sie fordert gegenseitigen Respekt. Yannik stimmt ihr zu. «Niemand ist perfekt. Aber egal, wie wir sind, was wir für Haare haben, ob wir eine Brille tragen oder nicht –wir sind alle gleich.»

Kurze Zeit später dröhnt der Raum im Untergeschoss, wo alle wieder zusammengekommen sind. Die Gruppe spielt das selbst geschriebene Lied in der Konzertversion. «Same as you» heisst es. Jede und jeder hat seinen Part – an der Trommel, der Trompete, am Mikrofon, Solo oder im Chor. «If you’d see the world through my eyes …», singt Teilnehmer Nico mit einer unglaublichen Vibratostimme im Refrain. Sara rappt zwischendurch auf Spanisch selbst geschriebene Zeilen «über Behinderung und darüber, wie ich die Welt sehe». «No mires los apariencias», «Schau nicht auf Äusserlichkeiten», tönt es aus den Boxen. Nach zweieinhalb Stunden Proben scheint die Müdigkeit wie weggeblasen auf der improvisierten Bühne. Das muss die Energie gewesen sein, die Baba Shrimps an jenem Sommerfest erfasst hat.

Anstrengend bis erfrischend

Wusste die Band damals, worauf sie sich einliess? Die anfängliche Aufregung sei verflogen, mittlerweile sei alles viel natürlicher und lockerer, sagt Adrian. «Klar ist es etwas anderes, zu dritt oder mit über zehn Personen an einem Song zu schreiben», so Moritz. Vieles dauert länger, gleichzeitig sei aber auch mehr möglich, als wenn sie nur zu dritt spielen. Fast zu viele Ideen habe es zu verarbeiten gegeben. «Neue Ideen sind toll», so Luca, «aber immer etwas Neues einbauen zu wollen, bevor etwas anderes abgeschlossen ist, kann anstrengend sein.» Aber eben auch erfrischend. Der Zugang der Pigna-Gruppe zur Musik sei intuitiver, vielleicht etwas chaotisch, dafür aber befreiter.

Sänger Adrian erzählt von seinen Erfahrungen der letzten Wochen. Video: Anthony Ackermann (Tamedia)

Doch auch die Band nimmt mehr mit als nur neue Zugänge zur Musik. «Ich habe überhaupt zum ersten Mal Menschen mit einer Beeinträchtigung näher kennen gelernt», sagt Adrian. Sie hätten gesehen, wie ihr Alltag aussieht, wie sie durchs Leben gehen, was sie in ihrer Freizeit machen, was sie fühlen und sich wünschen – Menschen anstatt die Institutionen sehen.

Könnte man der Band vorwerfen, hinter dem Projekt stecke die Aufbesserung des eigenen Images? «Natürlich wollen wir ein Projekt mit Sendewirkung», so Moritz, aber eines, das Leute erreiche, die sonst keine Berührungspunkte haben mit Leuten wie Patrick, Sophia, Yannick oder Sara. Die Band soll nicht im Vordergrund stehen, sie sei eher ein Katalysator, um den Song und die Botschaft möglichst breit zu streuen. Auch Kunstschaffende sollten mehr Mut und Neugierde beweisen, findet die Band. «Was passiert, wenn Leute aus verschiedenen Bereichen sich in einem Projekt einbringen?»

Die Single «Same as you» erscheint am 15. November, am 20. Dezember treten Baba Shrimps und die Pigna-Gruppe in der Ambossrampe in Zürich auf.

Erstellt: 01.11.2019, 14:11 Uhr

Das Projekt



«Sind wir alle gleich oder ist doch alles anders?» Dieser Frage gehen Bewohnerinnen und Bewohner der Stiftung Pigna und die Band «Baba Shrimps» nach. Auf der Homepage zu ihrem Musik-Projekt «Same as you?» finden Sie Videos über die einzelnen Teilnehmenden, weitere Einblicke in den Entstehungsprozess des Songs und Informationen zum Konzert im Dezember.

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