«Wir versuchen, unsere Musik frisch zu halten»

Krokus sind auf Abschiedstournee. Kann das gut gehen?, fragten wir Chris von Rohr und Fernando von Arb vor ihren Schweizer Auftritten.

So rockten Krokus am 30. August dieses Jahres: Riverside Open Air in Aarburg.

So rockten Krokus am 30. August dieses Jahres: Riverside Open Air in Aarburg. Bild: Ueli Frey

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Meine Herren, Sie sind das Kreativteam, dem Krokus ihren Erfolg verdanken. Ist die Band so etwas wie eine rockende Zweiklassengesellschaft?
Chris von Rohr: Eine Basisdemokratie sind Krokus sicher nicht (lacht). In einer Band darf es analog zu einem Fussballteam nicht zu viele Häuptlinge und zu wenige Indianer geben.

Fernando von Arb: Ohne uns beide läuft Krokus’ Motor nicht. Wir haben viele andere Konstellationen ausprobiert, aber die haben alle auf einem Bein gehinkt. Die Chemie zwischen Chris und mir geht auf die Gründerjahre zurück. Wir beide waren diejenigen, die am intensivsten zusammengesessen sind, endlos miteinander gejammt und diskutiert haben. Aus dieser Zeit stammt das schnelle Verständnis zwischen uns.

Chris von Rohr: Bloss weil Krokus keine Basisdemokratie sind, bedeutet das nicht, dass Fernando und ich Song-Ideen über die Köpfe der anderen Bandmitglieder hinweg durchsetzen. Ihre Meinung und Argumente hören wir, da sind wir offen. Aber am Schluss muss dann jemand entscheiden, wos langgeht, und auch die Verantwortung dafür übernehmen. Als Creative Producer bin ich heute sicher ein besserer Hirte, und Marc, Fernando und die anderen Bandmitglieder wertschätzen das auch.

Chris von Rohr, Sie haben einmal gesagt, dass man immer dann die grössten Fehler macht, wenn man den grössten Erfolg hat. Wann war das bei Krokus der Fall?
Chris von Rohr: Anfang der 80er-Jahre, als unsere Plattenfirma durchgedreht ist und zusammen mit unserem amerikanischen Management mit Millionenbeträgen um sich schmiss. Nachdem Krokus mit «Headhunter» ein Platinalbum gelandet hatten, wurde ein Kurswechsel weg vom genialen Riff-Rock mit starken Melodien hin zum Glam Pop forciert. Das war ein suizidaler Entscheid. Man sieht solche Fehlentwicklungen aber nicht nur im Showbusiness.

Krokus am Swiss Music Award. Foto: Stevan Bukvic (Tillate.com)

Fernando von Arb: Krokus waren schon immer ein Hin und Her zwischen sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, die immer wieder neues Öl ins Feuer gossen. Inzwischen hat sich das so weit abgekühlt, dass bei Krokus neues Leben gedeihen kann. Es ist ein bisschen, als hätte die Erde die richtige Entfernung zur Sonne gefunden.

Chris von Rohr: Musikalisch hatten Fernando und ich nie Probleme untereinander. Wenn wir als Band zusammenkamen, stimmte die Chemie immer. Leider war unser amerikanischer Manager nicht am Zusammenhalt der Band interessiert. Er hatte sich zu lange nur auf unseren Sänger Marc Storace fixiert und den Rest der Band vernachlässigt. Damals hätten wir ein weitsichtiges Management gebraucht, das uns nach jahrelanger Knochentour mal ein paar Monate Break gegönnt hätte. Dann hätten die durchgeknallten Rocktiere wieder wie Erwachsene miteinander reden können.

Die 80er-Jahre waren eine besonders kreative Zeit für den harten Rock. Wer sich damals nicht schnell weiterentwickelte, wirkte bald verstaubt.
Chris von Rohr: Das ist wahr. Wir versuchen ja auch heute noch, unserer Musik neue Facetten abzuringen, sie frisch zu halten. Gleichzeitig sind Krokus wie eine alte Bluesband, die einem klaren, etablierten Stil treu bleibt und somit auch nicht aus der Zeit fallen kann. Das ist die Musik, die wir können und lieben. Nur um das geht es uns, Trends und Pseudozwangserneuerungen waren nie unser Ding. Die Songs, der Sound müssen zu uns passen.

«Die Chemie zwischen Chris und mir geht auf die Gründerjahre zurück.»Fernando von Arb

Zu welchen Taten in Ihrer langen Karriere können Sie heute nicht mehr stehen?
Fernando von Arb: Die Papageienkleider, die wir in den 80er-Jahren trugen, sind zum Schreien. Damals haben die Plattenfirmen alle Rockbands von Krokus über Mötley Crüe bis Judas Priest zu einem Mann namens Ray Brown geschickt. Der hat uns mit Kleidern ausgestattet, die wir vielleicht für die eine Fotosession anhatten, aber sicher nie bei Konzerten. Live wars uns in Jeans und T-Shirts immer am wohlsten.

Chris von Rohr: Es ist niemand gegen Erfolg und den eigenen schlechten Geschmack gefeit. Auch wenn ich zum Glück in dieser Phase nicht mehr bei Krokus dabei war, gibt es auch von mir Fotos, die ich heute very fragwürdig finde. Was mich zur Frage bringt: Wie können wir als Hardrockband würdig altern? Die Rolling Stones mit ihrem Blues-, Country- und Pop-Rock haben es da etwas einfacher. Die können auch mal locker ein Unplugged-Sitdown-Ding raushauen.

Fällt das Altern einem Chris von Rohr nicht einfacher als anderen Musikern? Schliesslich geben Sie sich genauso schnodderig wie eh und je.
Chris von Rohr: (lacht) Was wirklich frisch hält, ist, zusammen Musik zu machen, wenn ein starker Song gelingt, Liebe, Kameradschaft, Gold- und Platinauszeichnungen und natürlich ein glückliches Kind aufwachsen zu sehen. Das sind Werte und Ziele, an denen ich seit fünf Jahrzehnten arbeite.

Wegen einer Schleimbeutel­entzündung am rechten Arm konnten Sie, Chris von Rohr, Ihren Bass in den letzten Wochen nicht bedienen. Sind Sie wirklich fit genug, um diese Woche an der Baloise Session auftreten zu können?
Chris von Rohr: Absolut. Dank Fentanyl und der grossartigen Medizin, die wir hier in der Schweiz haben, hat sich die OP wie ein Wellnessaufenthalt angefühlt. Seither konnte die Band auch wieder ein paarmal spielen. Chemical Town Basel wird gerockt.

Fernando von Arb, von Ihnen weiss ich seit Anfang 2017, dass Krokus den eigenen Abschied diskutieren. Warum hat es weitere 18 Monate gedauert, bis Sie diesen Entscheid publik gemacht haben?
Fernando von Arb: Von einem Tag auf den anderen konnten Chris und ich diesen Entscheid gar nicht fällen, wir mussten das Thema lange köcheln lassen. Immer wenn wir zum Kaffeetrinken zusammenkamen, haben wir auch übers Aufhören geredet.

Chris von Rohr: Nicht aus geschäftlichen Überlegungen oder wegen zwischenmenschlicher Disharmonien. Sondern aus rein gesundheitlichen Gründen. Mit mittlerweile 68 muss jeder Mensch sich fragen, wie ers körperlich noch bringt. Das gilt erst recht im Schwermetallbereich. Fernando hat auch schon einige Herz-OP über sich ergehen lassen müssen. Aber: Seitdem wir uns entschieden haben, mit Krokus aufzuhören, ist die Band nur noch besser geworden. Es ist grotesk!

Hat der Gedanke ans Ende Ihnen neuen Pfupf gegeben?
Fernando von Arb: Heute spielen wir so gut wie schon lange nicht mehr. Vielleicht haben wir nicht mehr die durchgeknallte Wildheit von früher. Dafür spielen wir jetzt mit einer Gelassenheit, die der Musik zugutekommt. Dieses Jahr haben wir lauter tolle Gigs abgeliefert.

Chris von Rohr: Einen besonderen Kick haben wir durch unseren Auftritt am Rockfestival Wacken bekommen. Seitdem das Video im Internet läuft, werden wir mit Konzertangeboten aus Mexiko, Kanada und den USA regelrecht überschüttet: Die Veranstalter sehen uns den grossen Spass an, den wir auf die Bühne bringen, und wollen auch noch ein Adios in diesen Ländern.

«Wir werden mit Konzertangeboten aus Mexiko, Kanada und den USA überschüttet»Chris von Rohr

War der Schlussstrich nötig, damit Sie den Spass an der Sache wiederentdeckten?
Chris von Rohr: Diese Spielfreude haben wir schon länger. Ich glaube, es ist wirklich erfahrungsbedingtes Know-how und die Kunst des radikalen Weg­lassens, die unsere Musik heute beflügeln. Der Drummerwechsel vor sechs Jahren, aber auch Marcs nach wie vor starke Stimme bereichern das Ganze. Es macht einfach total Spass, zusammen zu spielen, und das merkt auch unser Publikum.

Seit der letzten Krokus-Doku «As Long as We Live» (2004) ist viel Zeit vergangen. Haben Sie Pläne, die Bandgeschichte nochmals filmisch aufzu­arbeiten?
Chris von Rohr: Meiner Meinung nach hätte diese Geschichte es durchaus verdient, in einem neuen Film erzählt zu werden. Darin würden Fernando, Marc und ich sicher einiges offener über die vielen bandinternen, Showbusiness-typischen Ego-Konflikte sprechen als damals in «As Long as We Live». An aktuellem Bild- und Tonmaterial fehlt es uns jedenfalls nicht. Egal, wo Krokus spielen, es ist immer jemand mit einer Kamera am Filmen.

Wie denkt die Schweiz heute, da die Geschichte der Band aufs Ende zugeht, über Krokus?
Fernando von Arb: Krokus sind der Stachel im Fleisch der Solothurner Kultur. Um uns kommt man nicht herum. Viele Leute wünschen uns ins Pfefferland, gleichzeitig sind sie auch ein bisschen stolz auf uns. Aber mit solchen Gegensätzen muss man leben. Sobald man auf die Bühne geht, ist man der Gnade oder der Ungnade des Publikums ausgeliefert.

Chris von Rohr: Bei Krokus ging der Daumen oft nach unten, es wurden auch viele Lügen und Fake Storys über uns verbreitet. In den letzten Jahren hat sich das aber geändert. Wir spüren in vielen Kreisen eine grosse Wertschätzung. Nach den vielen steinigen Jahren fühlt sich das doch wirklich sehr gut an.

Das heutige Konzert in der Event-Halle Basel ist ausverkauft. Krokus spielen zudem am Samstag, 7. Dezember, im Hallenstadion Zürich.

Erstellt: 30.10.2019, 20:49 Uhr

Fernando von Arb, der Mann an der Gitarre, und Chris von Rohr, der Mann am Bass. Fotos: Beat Mumenthaler

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