Woodstock – Höhepunkt und Ende einer Utopie

Vor 50 Jahren fand Woodstock statt. Warum ist der Mythos des Festivals so resistent?

Schaut sie nochmals an: Selige Hippies am Woodstock-Festival. Foto: Alamy

Schaut sie nochmals an: Selige Hippies am Woodstock-Festival. Foto: Alamy

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Er verstand die Bedeutung des Medialen von Anfang an. So gesehen passt es, dass Michael Lang, Mitveranstalter des Woodstock-Festivals im August 1969, zum 50. Jubiläum des Anlasses einen Bildband herausgibt. Der damals 24-Jährige hatte hellsichtig erkannt, das Festival müsse auf seine mediale Reproduzierbarkeit hin konzipiert werden, denn nur so liesse sich nachhaltig Geld verdienen. Ohne Bild und Ton keine Vervielfältigung über den Anlass hinaus.

Darum liessen Lang und seine drei Geschäftspartner das Festival von über sechzig Dokumentaristen filmen und die Konzerte auf Tonband aufnehmen. Die höchsten Gagen an die Künstler lagen bei 15'000 Dollar (für Janis Joplin zum Beispiel oder Jefferson Airplane), ein Tagespass kostete den Zuschauer 6 Dollar, bis die Zäune einrissen und die anderen gratis dazustiessen. Den «Woodstock»-Film von Michael Wadleigh, an dem auch Martin Scorsese als Kameramann mitarbeitete, erwarb die Firma Warner Brothers für 600'000 Dollar; er hat bis heute über 80 Millionen eingebracht.


Foto-Blog: Mythos Woodstock Drei Tage «Love, Peace and Happiness» in Bildern.


Bei jedem Jubiläum kommen noch längere Versionen des Films heraus und zusätzliche Dokumentationen; zurzeit ist die «Back to the Garden Anniversary Edition» zu haben, vor zehn Jahren gab es die «Ultimate Collectors Edition», dazu kommt das Merchandising. «3 Days of Peace & Music» auf der Teetasse, das gibt ein bisschen Frieden in der Küche. Zudem hat Michael Lang mehrere Jubiläumskonzerte mitorganisiert, von Sponsoren unterstützt. Die meisten Anlässe verliefen unauffällig, das von 1999 artete aus.

Das geplante Festival zum 50. Jahrestag musste gleich ganz abgesagt werden. Der Hauptsponsor war ausgestiegen, auch gab es wieder Probleme, einen Austragungsort zu finden.

Stark beschönigte Version des Festivals: Michael Wadleighs «Woodstock»-Film. Video: Warner Bros.

Dennoch bleibt das Festival von 1969 Vorbild aller Open Airs und Unterlage mancher Utopien der Sechzigerjahre. Woodstock, schreibt der deutsche Poptheoretiker Jens Balzer, habe mehrere gesellschaftliche Alternativen formuliert, die sich in den Siebzigern weiterentwickelt hätten, beispielsweise die Vorstellung einer egalitären Gesellschaft, die Forderung nach freier Liebe und Sexualität, die Suche nach einem anderen Lebensstil oder einem Leben in Kollektiven. In Woodstock gab es auch die Erfahrung von Ekstase in der Musik und natürlich die Drogenerlebnisse, die mithalfen, dass die Menge so friedlich blieb. Für die Horrortrips standen Ärzte bereit.

Fast alles ging schief

Es hat etwas Gespentisches, in Michael Langs Bildband zu blättern. Noch einmal die selig verdreckten Hippies zu sehen, die schiere Masse von Menschen, das kollektive Glücksgefühl auf dem Feld in Upstate New York, die baufälligen Zelte, der Regen. Es mutet gespenstisch an, weil dieser unverdrossene Optimismus andere Fakten verdrängt, die über das Festival bekannt geworden sind. Selbst 50 Jahre später lebt Woodstock weiter in den Mythen seiner selber. Die Realität sah anders aus.

Ein früher Höhepunkt des Festivals: Richie Havens improvisiert «Freedom».

Obwohl das Festival sich als Fest der Vielfalt darbot, bestand das Publikum fast ausschliesslich aus weissen Kids der Mittelklasse. Von den 32 auftretenden Bandleadern waren nur gerade drei Afroamerikaner: Richie Havens, der das Festival eröffnete. Jimi Hendrix, der es am Montagmorgen des 18. August beschloss, nur ein paar Tausend Zuschauer hatten noch auf ihn gewartet. Dazu kam Sly Stone, der ekstatische Funkmusiker aus San Francisco. Havens hatte den flehenden Song «Freedom» improvisiert, Hendrix auf der Gitarre die amerikanische Nationalhymne zerfetzt. Und Stone mit «I Want to Take You Higher» die Flughöhe des Publikums erreicht.

Zwar hatten sich die Zuschauer auch aus Protest gegen den Vietnamkrieg zusammengefunden, doch hätte Woodstock ohne die Hilfe von Armee und Polizei in einer Katastrophe geendet. Die Veranstalter hatten mit einigen Zehntausend Zuschauern gerechnet, fast eine halbe Million Menschen kamen. Die US-Helikopter, die in Vietnam Dörfer bombardierten, flogen Hilfsmittel zu den Kriegsgegnern. Auch die Lokalbevölkerung, die doch mit diesen Hippies nichts zu tun haben wollte, half selbstlos.

Zerfetzte die US-Nationalhymne: Jimi Hendrix in Woodstock. Foto: Alamy

Schliesslich stellt Michael Wadleighs Film, bei aller Meisterschaft, eine stark beschönigte, also zensierte Version dieser Tage dar. Glaubwürdige Kritiker wie der Politologe Greil Marcus haben schöne Erinnerungen an das Festival; sie fühlten sich von der Atmosphäre auf dem Gelände verzaubert, erlebten sie als einzigartigen Ausdruck von Zusammengehörigkeit.

Andere durchlitten einen Albtraum. Dazu gehört der deutsche Publizist Hans-Georg Behr. Er erinnert sich an Regen, Schlamm, Kälte «und ein desaströses Missmanagment, eine Katastrophe, an der wir nur ganz knapp vorbeigeschlittert waren.» Erst als Michael Wadleigh seinen Film zusammengeschnitten habe, sei Woodstock daraus geworden: «eine wunderbare Fälschung», ein «alternatives Pfadfinderlager voller Love and Peace und mit ein paar idyllischen Regengüssen».

Hauptsache echt

Ohne den Film wäre das Festival vergessen gegangen. Und dank den chaotischen Verhältnissen liefert es selbst in seiner geschönten Verfilmung den Beleg für eine Eigenschaft, welche die Rockkultur seit ihren Anfängen in den Fünfzigerjahren für sich reklamiert: Authentizität.

In jedem Konzert wird das Versprechen wieder aufgeführt, dem Publikum etwas Einmaliges zu zeigen. Immer wieder wird den Plattenkäufern versichert, das hier sei der wahre Elvis, hier höre man die eigentliche Absicht von Prince, hier dröhne der Hip-Hop aus dem echten Ghetto. Als Bob Dylan eine elektrische Gitarre anzog, wurde ihm das als Verrat an den korrekten Protestsong der Folk-Bewegung ausgelegt. Rockbands aus den Siebzigern, bei denen kein einziges der damaligen Mitglieder noch am Leben ist, kündigen die Wiederaufführung des Damaligen an.

Musiker wie T-Bone Burnett haben sich darauf spezialisiert, Serien und Filme mit teilweise obskuren Aufnahmen alter Songs und Stile zu vitalisieren. Immer wieder versichern uns die Veranstalter, wie authentisch diese Band aus Mali doch musiziere, wie stark sich diese irischen Musiker an ihrer Tradition inspirierten. Echt wird zum Synonym für wertvoll.

Gezähmtes Vergnügen

Wie tief das Bedürfnis nach dem Authentischen in den Musikern selber eingeschrieben ist oder war, zeigt die Rockgeschichte. Nämlich der Erfolg englischer Gruppen im Amerika der Sechzigerjahre oder anders herum gesagt: die Verehrung der schwarzen Musikkultur als Inbegriff der Authentizität. Die Frage, ob Weisse überhaupt fähig seien, den Blues zu spielen, wurde in den folgenden Jahren mit einer solchen Ernsthaftigkeit geführt, dass eine englische Satiregruppe den Satz zu «Can Blues Play the White?» umkehrte.

Diese Sehnsucht nach dem Echten als dem einzig Wahren ist falsch gedacht. Denn die angeblichen Originale zitierten selber aus der musikalischen Tradition, der sie entstammen. Oder aus den Traditionen anderer Kulturen, die sie als Musiker aufgelesen haben. Sowieso funktioniert die populäre Musik bastardisch, sie ist ihrem Wesen nach multikulturell. Dass Ray Charles die Country-Musik liebte, dass Miles Davis sich auch an Jimi Hendrix inspirierte, dass Joe Strummer von den Clash Abba mochte – das konnte nur Puristen stören, und die haben noch nie etwas davon verstanden, wie Kultur entsteht.

Da waren erst 20 Jahre vergangen: Eine ARD-Dokumentation aus dem Jahr 1989.

Wieso reiht sich trotzdem jedes Open Air in die Tradition von Woodstock, wie können Künstler wie Carlos Santana weiter auf ihre damaligen Auftritte verweisen? Das hat noch einen anderen Grund: Der Verweis soll, so plump das auch aussehen mag, über die vollendete Domestizierung der Rockkultur hinwegtäuschen. Woodstock war Höhepunkt und Ende einer Utopie. Der Film und das Festival haben deshalb ihre Definitionsmacht erhalten, weil der Rock weiterhin auf Renitenz setzt; er will sie als Ausdruck seiner Sprengkraft verstanden haben, dabei ist es diese eine Marke.

Das Urfestival: Blick von der Woodstock-Bühne. Foto: Getty

Schon in den Siebzigern begann die Sublimierung der Rockmusik zum Feierabendvergnügen. Das geschieht natürlich mit jeder aufbegehrenden Kultur, die vom Kapitalismus in die Sammlung eingereiht wird. Das geht so weit, dass der Protest selber zum Teil des Systems wird, wie der Webfehler in der Matrix, der die Matrix erst möglich macht.

Man kann es auch anders sagen: Seit der Explosion des Punk Ende der Siebziger und den ersten, ungezügelten Jahren der Raves in protestantischen Städten wie Detroit, Manchester, Berlin und Zürich hat keine Musikkultur mehr eine Revolution vertont.

Dafür kosten Konzerte Hunderte von Franken, es gibt VIP-Lounges und gestuhlte Reihen, niemand kommt zu spät oder spielt zu laut, alle Erwartungen werden erfüllt, statt Feuerzeuge glimmen die Handy-Bildschirme, die Sponsoren gellen auf dem Gelände der Festivals.

In zehn Jahren bekommen wir Woodstock in 3-D zu sehen. Ultimate extra total surround.

Erstellt: 13.08.2019, 16:23 Uhr

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