Blonde Erinnerungen

Morgen erscheint das neue Album von Depeche Mode. Zu diesem Freudentag blicken zehn Redaktoren auf die 80er-Jahre zurück und nennen ihren liebsten Pop der synthetischen Ära.

Der Wasserstoff wirkt: Depeche Mode in Tokio, April 1985. Foto: Koh Hasebe (Shinko Music, Getty Images)

Bronski BeatDominik Dusek


Bronski Beat, «Smalltown Boy».

Man muss es hart und klar mit Max Goldt sagen. Die 80er waren das «Jahrzehnt des scheusslichen Schlagzeugsounds». Anpassung an ekelhafte Technologien also, und dazu: Zynismus statt revolutionärer Verheissungen, miese Frisuren. Dementsprechend sind Revival-Anlässe nur mit schwer gesundheitsgefährdenden Drogen (die man damals auch nicht zu knapp nahm) zu ertragen. Ausser, «Smalltown Boy» von Bronski Beat wird aufgelegt. Das ist nicht nur ein fantastisches, sondern auch ein wichtiges Lied. Mit markerschütterndem Falsett, ekstatischem Songaufbau, kühlen Synthiemelodien und scheusslichem Schlagzeugsound wird von einem schwulen Coming Out erzählt. So macht man Sehnsucht und Aufbegehren tanzbar.

The CureMichael Marti

The Cure, «Lovesong».

Musik rettet Menschen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Jugendlicher in den 80ern das Weltvakuum einer Aargauer Kleinstadt hätte überleben können ohne The Cure. Die Band vertonte den Schmerz einer Jugend, die sich fremd war in einer Welt, in der die Erwachsenen an Ostermärschen marschierten und Aludeckel sammelten. Doch der Weg der Band führte aus der Düsternis ans Licht. Mit jedem Album wurden die Gitarren heller, die Kompositionen melodischer: Es war für mich ein biografischer Sonnenaufgang. Dann, 1989, «Lovesong»: «Whenever I’m alone with you / You make me feel like I am home again». Und genau das gilt für mich und meine Liebe zu The Cure.

Depeche ModeJean-Martin Büttner

Depeche Mode, «Where's the Revolution».

Sie haben über Einsamkeit geschrieben und über das Begehren, über die Ausbeutung, den Trost der Religion und die Schwermut, und sie taten das mit greller Elektronik, eckigen Arrangements und der dunklen Stimme von Dave Gahan. Wenige Bands haben die Popmusik so konsequent weitergedacht und nach dem Vorbild von Kraftwerk elektrifiziert wie Depeche Mode, trotzdem gelang den drei Engländern ein Hit nach dem anderen. Keine Formation der 80er-Jahre klingt dreissig Jahre später noch so interessant wie sie.

«Spirit», die morgen erscheinende, 14. Platte der Band, erhebt den Zweifel an den Zuständen zum Leitmotiv. Das Album wird von einer Düsterkeit bestimmt, die in dieser Konsequenz selbst für diese Musiker ungewöhnlich ist. Die Band hat mit dem Produzenten James Ford zusammenarbeitet, dem ersten seit langem, der selber ein Spezialist der Elektronik ist. Man merkt es auf gute Weise: Das Album klingt fugenlos dicht, so als weise ein Stück auf das nächste. Schwere Rhythmen drücken die Songs zu Boden, die Musik wirkt schleppend, langgezogen, Gahan taumelt mit seiner modulationsarmen Stimme wie ein Schlafwandler durch die Musik seiner Kollegen. Desillusionierung, Gewalt und Bedauern dominieren die Texte. Das Balladentempo bestimmt fast alle Songs, die Arrangements bleiben karg, die Melodien klingen so, als könnten sie sich kaum vom Boden erheben.

Das tönt jetzt abschreckend. Dabei ist Depeche Mode mit «Spirit» eine grossartige Platte gelungen, ihre eindrücklichste seit fast 25 Jahren, radikal dunkel und schön wie die Nacht.

Depeche Mode: Spirit (Sony); Konzert: 18.6., Stadion Letzigrund Zürich.

EurythmicsAlexandra Kedves

Eurythmics, «Sweet Dreams (Are Made Of This)».

Es war 2013 und traf mich wie ein Faustschlag. Da trällerte meine damals 12-Jährige mit wortgetreuer Inbrunst: «Some of them want to use you / Some of them want to get used by you / Some of them want to abuse you / Some of them want to be abused.» Sie stürzte sich so New-Wave-berauscht in die «Sweet Dreams (Are Made of This)», die den Eurythmics exakt 30 Jahre zuvor zum Durchbruch verholfen hatten – und mir zu einer frühen Popverliebtheit –, als hätten sich Annie Lennox und Dave Stewart eben erst zur Nummer 1 gesyntht. Das Ding knallt trotz seiner Runzeln auch heute noch gut rein: Stewarts Faust und Lennox’ androgyner Look im Videoclip; der harte, elektronische Sound und die harten, beziehungskrisengestählten Lyrics.

Hastings of MalawiPascal Blum

Hastings Of Malawi, «Pineapple Magnate» + «Kid Corn».

Zugegeben, Hastings of Malawi ist gar keine Band, sondern eine Idiotie sondergleichen. Ob es 1981 einen Unterschied machte? Als Zuspätgeborener bleibt einem da nur die sekundäre Erfahrung der Wiederveröffentlichung: Vor kurzem kam «Vibrant Stapler Obscures Characteristic Growth» neu heraus, das gesuchte einzige Album des englischen Trios Hastings of Malawi, das eines Nachts mit Klarinetten, Trommeln und Dingen, die sonst herumlagen, eine Soundlärminstallation komponierte und diese über zufällig ausgewählte Telefonnummern Nichtsahnenden vorspielte. Die antworteten: «Hello? Hello?» Der Effekt ist äusserst gespenstisch – umso mehr, weil die derzeitige Re-Issue-Kultur zu einer Art Exhumierung obskurer Geister wird.

Polyphonic SizeThomas Wyss

Polyphonic Size, «Winston and Julia».

Anfang der 80er-Jahre hatte ich zwei Götter: Der eine hockte in der Kirche, der andere im Radiostudio. Er hiess François Mürner, und als Macher der Sendung «Sounds!» setzte er mir die angesagtesten Bands und Songs ins Ohr. Ich war echt ziemlich ­sicher: Was Gott 1 im Alltag, ist «FM» in der Musik – der Typ weiss alles! Dann kam der Herbst 1982 und mit ihm das Stück «Winston and Julia» der belgischen Polyphonic Size. Verstörende Melodie, verstörende Lyrics (wie: «The truth is when you lie»), die sich auf Orwells verstörende Dystopie «1984» bezogen. Summa summarum: Der erste Song meines Lebens, der mich grandios verstörte. Und das Verstörendste überhaupt: Ich hatte ihn nicht bei «Gott», sondern im Plattenladen Jamarico gehört.

Talk TalkChristoph Fellmann


Talk Talk, «Such A Shame».

Ganz einfach war das Geschäftsmodell der Popmusik in den 80er-Jahren: Es ging darum, auf MTV gut auszusehen, dem neuen Leitmedium der Branche. Mit spastischen Zuckungen an den Instrumenten und mit den abstehenden Ohren, strohigen Haaren und dem nervösen Blinzeln ihres Sängers Mark Hollis machten sich Talk Talk allerdings schon 1984 ­darüber lustig – im Video zu «Such A Shame». Das Lied führte Synthpop in Vollendung auf – und liess gleichzeitig keinen Zweifel daran, dass dieser Kommerzpop ein totalitäres System war: «Such a shame to believe in escape.» Nun, Talk Talk entkamen später doch – über die komplexen Folkpop-Partituren ihrer späten Alben. Doch 1984 spielten sie noch ­magischen Pop. Ganz einfach.

Tears for FearsDavid Sarasin

Tears For Fears, «Shout».

Ein Fan dieser Band war ich nicht. Ich wusste noch nicht einmal ihren Namen. An was ich mich aber erinnere, ist ein Videoclip, den ich ein einziges Mal auf MTV sah: Darin steht einer auf einer Wiese und singt mit heiligem Ernst einen mitsingfreundlichen Refrain. Ich verstand kein Wort, war aber beeindruckt. Die Kamera schwenkte über Felder am Rand einer schroffen Küste. Das war eine wilde ­Gegend irgendwo im Norden. Das war gut. Mit der Hoffnung, dieses Stück wiederzusehen, schaltete ich fortan täglich den Musiksender ein. Ich erzählte Freunden vom Clip, brummte den Refrain. Nichts half. Das Stück blieb Erinnerung. Ein sehr flüchtiger Pop-Moment, wenn man so will. Bis vor etwa zehn Jahren Youtube kam. Tears for Fears, «Shout».

Transvision VampPhilippe Zweifel

Transvision Vamp, «I Want Your Love».

Nein, Wendy James, Frontfrau von Transvision Vamp, ist nicht gut gealtert. Zu viele Schönheitsoperationen. Wahrscheinlich konnte die Londonerin mit dem Verlust ihres jugendlichen Aussehens nicht umgehen. Und wie sie ausgesehen hat! ­Micky-Maus-T-Shirt, peroxidblonde Haare, pink Lippenstift. Das hat mir gefallen, ich war 13 Jahre alt. Die Musik war ein peinliches Gebastel aus Punk, Wave und Pop. Das habe ich damals natürlich nicht gemerkt - zu fest war ich in Wendy verknallt. «From LSD to MTV», «From Back-Pack to Pac-Man» hauchte sie und befeuerte meinen Glauben, im tollsten Jahrzehnt der Menschheitsgeschichte ­aufzuwachsen.

Bonnie TylerSusanne Kübler

Bonnie Tyler, «Total Eclipse of the Heart».

Es war an einem eher flauen Piazza-Konzert in der italienischen Pampa: Die Sängerin versuchte sich an Bonnie Tylers «Total Eclipse of the Heart», und ich war elektrisiert. Nicht wegen der Aufführung, sondern wegen der Erinnerung ans Original, an diese überwältigend rauchig-brüchige Stimme. Nicht, dass ich ein Tyler-Fan gewesen wäre; ich habe nie eine Platte gekauft, ihre Frisur fand ich schon ­damals schlimm. Aber dieses eine Lied ist auf ewig gespeichert in Hirn und Herz, und es tut mir wirklich leid, dass Bonnie Tyler später mit Dieter Bohlen gearbeitet hat und noch später 19. wurde beim European Song Contest. Eine Sängerin, die so ein Stück hinkriegt, hat das nicht verdient.

Erstellt: 16.03.2017, 07:17 Uhr

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